Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Autor: Micky Seite 6 von 19

Man lebt nur einmal

Wenige Fragen gehen so sehr am Kern der Sache vorbei wie die Problematik, ob eine Katze nun sieben oder neun Leben hat. Ganz unabhängig von der tatsächlichen Anzahl wird eine Katze nämlich Dinge, auf die sie aktuell oder grundsätzlich keine Lust hat, unbedingt unterlassen.

Ein Mensch dagegen muss, will er sich amüsieren und dabei dringlichere oder wichtigere oder dringlichere und wichtigere Aufgaben für diesen Moment des Vergnügens ausblenden, den Leitsatz „Man lebt nur einmal“ strapazieren.

Man lebt nur einmal. Die Universalformel, wenn das schlechte Gewissen Dir auf die Schulter tippt, um auf sich aufmerksam zu machen, bloß weil Du einmal im Monat der Lust nachgegeben und die Pflichten vernachlässigt hast.

Lust versus Pflicht – dieser elende ewige Zweikampf, den Du zu führen hast, nur weil Dein Karma dazu führte, dass Du als Mensch und nicht als Katze wiedergeboren wurdest. Lust versus Pflicht – beides gegeneinander sorgfältig abzuwägen war ich bereits mehrfach gezwungen, seit ich regelmäßig Texte in diesem Blog veröffentliche. Denn nur manchmal ging beides miteinander zu vereinbaren, weil der Text bis Donnerstag Abend in weiten Teilen stand. Manchmal musste ich Entscheidungen treffen und entschied mich in aller Regel für den Blog und gegen eine Verabredung oder ein Konzert am Samstagabend. Viel zu häufig jedoch ging es nicht miteinander zu vereinbaren, aber ich habe es trotzdem versucht. Aus dieser Erfahrung heraus kann ich nur nochmal erklären: Das Klischee des Schriftstellers, dem der Becher Rotwein Inspiration für eine ganze Nacht an der Tastatur gibt, kann maximal dann funktionieren, wenn man am nächsten Tag ausschlafen kann. Ist das nicht gegeben, endet es für Text und Gesundheit im Regelfall nicht so wie man es sich eigentlich erhofft.

Vergangene Woche nun war besagter Zweikampf dann eskaliert, weil an drei aufeinanderfolgenden Abenden jeweils Aktivitäten anstanden, die ich nicht verpassen wollte. Auch wenn es „nur“ ein Fußballspiel im TV war. Auch wenn die Blaue Stunde im Wetterpark nett, aber keineswegs als etwas besonderes im Gedächtnis haften bleibt, von dem ich noch in zehn Jahren schwärmen werde. Auch wenn Theater und Illumination an den Kuranlagen zwar reizvoll klingt, mich aber ohne die Aussicht auf ein Date mit einer wunderbaren Frau höchstwahrscheinlich nicht bis nach Bad Nauheim hätte locken können.

An denkwürdigen, ja magischen Momenten mag es an allen drei Abenden nicht gemangelt haben. Aber der bedeutsamste von allen war der, in dem ich die Entscheidung traf, ausnahmsweise keinen Blogeintrag zu veröffentlichen. Denn ab genau diesem Moment konnte ich die gewählten Programmpunkte auch ohne Reue genießen, weil mir zwar nach wie vor mein Hund sowie die anderntags stattfindenden Ballon-Termine, aber wenigstens nicht auch noch das Schreiben im Nacken saß.

Man lebt nur einmal. Da in meinen Texten wenigstens zwischen den Zeilen gelegentlich anklingt, dass man sich bitte selbst mehr Glücksmomente bescheren sollte, hätte ich mich in dieser Hinsicht auch irgendwann komplett unglaubwürdig gemacht, wenn ich nicht irgendwann einmal danach gehandelt hätte. Daher habe ich an sich nichts zu bereuen. Außer vielleicht, es nicht kommuniziert zu haben.

Dass prompt am gleichen Tag die ersten Nachfragen kamen, ob mit mir alles gut sei, spricht ja aber im Prinzip auch für meine Freunde. Wie gut es mir nach dem Abend in Bad Nauheim ging, weil endlich einmal eine Geschichte von mir ein Happy End bekam, konnte ja keiner von ihnen ahnen.

Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass es ursprünglich überhaupt nicht geplant war, jeden Sonntagmorgen einen neuen Blogeintrag abzuliefern. Vielmehr sollte der Sonntag in seiner kompletten Länge dazu genutzt werden, dem jeweiligen Text seinen letzten Schliff zu verpassen und ihn im Laufe des Tages zu veröffentlichen. Erst als ich zwei- oder dreimal hintereinander sonntags früh die Dinger bereits fertig hatte und in Folge dessen die ersten Stimmen à la „meine liebste regelmäßige Sonntagmorgenlektüre“ zu vernehmen waren, musste ich umdisponieren, ohne es gewollt zu haben.

Nach gut zweieinhalb Jahren regelmäßigen wöchentlichen Veröffentlichens von Texten mit durchschnittlich recht hohem Unterhaltungswert brauche ich auch niemandem mehr, nicht einmal mir selbst, irgendetwas beweisen. Weil in den letzten Monaten allerdings zu viele Veröffentlichungen auf den letzten Drücker entstanden sind, war der Schritt eigentlich überfällig. Da jetzt zufällig das erwähnte Happy End mein zum Schreiben zur Verfügung stehendes zeitliches Budget weiter einschränkt, weil diesem einen Abend noch viele weitere schöne, magische Momente mit derselben attraktiven und inzwischen offiziell zur Partnerin erklärten Frau folgen sollen, wird aus einem wichtigen Schritt ein dringlicher Schritt. Auch wenn diese Frau meine Blogeinträge liebt, habe ich mich entschieden, bis auf weiteres den Rhythmus der Veröffentlichungen einem gesunden Maß anzupassen und die Öffentlichkeit lediglich noch vierzehntägig mit meinen gesammelten Werken zu belästigen. Man lebt schließlich nur einmal.

Schluss mit lustig

Kaffee, Bärte und Selbstbefriedigung. Dazu die Evergreens Dating, Paketfahrer, Kollegen und andere Haustiere – angesichts der Themen, die hier im Blog stattfinden, erübrigt sich die Frage, an welcher Stelle genau das alles in Zynismus umgeschlagen ist. Eher sollte man ergründen, ob man sich diesem Stoff überhaupt anders nähern kann. Um allerdings für die Zukunft zu vermeiden, dass sich erneut an meiner Person interessierte potentielle Partnerinnen nach und nach oder von jetzt auf gleich zurückziehen, nachdem sie von meinem wöchentlichen Veröffentlichungen nachhaltig abgeschreckt wurden, habe ich seit einigen Wochen die Positiv-Offensive gestartet: Wer ernst genommen werden will, muss die Leute zum Lachen bringen.

Lachen. Der große Louis de Funès bescheinigte dieser Gefühlsregung, sie sei für die Seele dasselbe wie Sauerstoff für die Lungen. Ein anderer bedeutender Weltstar der Filmgeschichte befand, ein Tag ohne Lachen sei ein verlorener Tag. Vielen Dank an Charlie Chaplin für diese unmissverständlichen Worte! Wenn etwas aus so berufenem Munde zu vernehmen ist, bin ich geneigt, gut zuzuhören. Vielleicht ist da was dran. Vielleicht kann ich von dem Kollegen, der die Probleme auf der Arbeit immer meint weglachen zu müssen, mehr lernen als ich zuzugestehen bereit bin. Vielleicht ist sogar das Konzept, wonach gut gelaunte Kollegen gute Arbeitsergebnisse abliefern, im Kern ganz gut, von mir nur schlecht umgesetzt. Wer weiß das schon so genau?

Da gerade besagte Kollegen bestätigen werden, dass mich Humor nicht bedingungslos durchs Leben trägt, ist die Frage berechtigt: Darf jemand wie ich überhaupt ein Plädoyer fürs Lachen schreiben?

Unbedingt darf und sollte er das sogar!

Noch mehr „vielleicht“: Vielleicht ist mein Vorhaben, mir den Spaß im Leben zurückzuerobern, das, was man gemeinhin als „ambitioniert“ beschreibt, wenn man eine leichte Skepsis über die Erfolgsaussichten ausdrücken möchte. Vielleicht ist mancher meiner Teilerfolge noch ausbaufähig.

Vielleicht wird es noch hin und wieder unglaubwürdig klingen, wenn ich behaupte, mich bei einem Stand-Up-Comedy-Set glänzend amüsiert zu haben, weil man mir das währenddessen nicht direkt angemerkt hat, wie meine Begleiter hinterher richtig anmerken und meine Bemerkung daher eher stirnrunzelnd registrieren. Was soll´s – irgendwann werde ich über so etwas lachen können.

Zurück von den Bühnen der Kleinkunst zur großen Bühne des Lebens: Lachen ist ansteckend. Aus diesem Grund werden bei Sitcoms Lacher eingespielt, damit auch diejenigen, die keine Freunde haben, beim Zuschauen etwas zu Lachen haben. Problematisch wird das Anstecken in der Regel erst dadurch, dass in Gesellschaft oft genug Dinge als witzig empfunden werden, über die man sich alleine mit einer gewissen Berechtigung kaum amüsieren würde.*

Lachen über unlustige Sachverhalte kommt aber nicht nur in solchen gruppendynamischen Prozessen vor. Mindestens genauso enerviert mich inzwischen folgendes Szenario: Unlustiger Typ – unlustiger Spruch – eine ihn anhimmelnd gickelnde Frau. Nennt mich unlustig, aber auch das schönste Lachen der Welt wird mich nerven, wenn der Kontext ganz und gar nicht witzig ist. Darüber kann ich nicht lachen. Da käme ich mir komisch vor.

Es gibt allerdings auch Menschen, welche die Natur mit einem Lachen ausgestattet hat, das an sich schon jenseits von Gut und Böse ist und das sich in der Rangliste verstörender Geräusche recht weit oben irgendwo zwischen Laubbläsern und Schlagermusik wiederfindet. Und mit Lärmbelästigung ist es ja so eine Sache. Wenn auf Anweisung eines Gerichts sogar ein Pfau vom Gelände eines Geflügelzuchtvereins entfernt werden muss, weil sich ein zugezogener Nachbar in seiner Nachtruhe gestört fühlt, während andererseits regelmäßig geduldet wird, dass zur selben Zeit am selben Ort von frühmorgens bis spätabends Flugzeuge über unsere Köpfe hinweg düsen, möchte ich es bei aller Abneigung ehrlich gesagt nicht auf einen Versuch ankommen lassen, den Inhaber eines allzu nervigen Lachens vor ein deutsches Gericht zu zerren. Lachen nur zu bestimmten Zeiten oder am Ende doch zum Lachen in den Keller gehen – da wäre schnell Schluss mit lustig.

Die Vermutung liegt nahe, dass exakt solche Begebenheiten nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass bei mir irgendwann vieles in Zynismus umgeschlagen ist.

Und ich hatte ursprünglich schon wieder die Kollegen verdächtigt, dafür verantwortlich gewesen zu sein.

*Wer mag, darf an dieser Stelle gern Fasching assoziieren. Es besteht allerdings keine Verpflichtung dazu.

Mogadischu statt Moussaka

Dass ein Mensch auf die Frage nach dem Sinn des Lebens im Laufe desselben unterschiedliche Antworten kreiert, liegt durchaus im Bereich des Zulässigen. Daher sollte ich mit mir selbst nicht allzu hart ins Gericht gehen, wenn ich über eine der zweifelhaftesten Reaktionen berichte, die mir in meinem noch jungen Leben jemals zu diesem Thema eingefallen ist: Griechisch lernen.

Natürlich weiß man es im Nachhinein besser. Doch wenn man nach einer Trennung die Abende nicht mehr gemeinsam überwiegend schweigend vor dem Fernsehgerät verbringt, sondern man alleine scheinbar sehr viel Zeit hat, darüber nachzudenken, wohin man im Leben noch möchte, zieht man nicht zwangsläufig die Möglichkeit in Erwägung, dass das Erlernen einer fremden Sprache eher Ablenkungsmanöver als tatsächliche Antwort auf diese Frage sein könnte.

Die Entscheidung, eine Sprache zu lernen, kommt selten aus dem Nichts. Bei mir schon. Sicher – aus Schulzeiten, die zu jenem Zeitpunkt allerdings auch bereits ihre guten 20 Jahre zurücklagen, wusste ich um eine gewisse Begabung, was Sprachen betrifft. Dummerweise lehrten mich die Erfahrungen auf dem Weg zu meiner allgemeinen Hochschulreife auch, dass – der Begriff legt es schon nahe – heutzutage die allermeisten Sprachen dazu da sind, dass man sie auch spricht. Ohne dieses Dilemma wäre ich in der Schule wohl erst richtig gut in Englisch und Französisch gewesen. So war es eben nur mittelprächtig.

Da ich aufgrund meines Konsumverhaltens der vergangenen Jahrzehnte auch nicht direkt als jemand bekannt war, der gern und häufig verreist, war mein Lernwille auch damit nicht plausibel zu begründen. Gegenüber fußballaffinen Freunden gab ich an, vielleicht doch irgendwann einmal wieder ein Auswärtsspiel der Eintracht besuchen zu wollen. Da die Eintracht regelmäßig der 2. Liga näher als den europäischen Startplätzen war, ahnte inklusive mir selbst niemand, wie weitsichtig diese kühne Aussage in Wahrheit gewesen ist.

Die Wahrheit ist allerdings auch, dass ich zu keinster Zeit geplant hatte, überhaupt jemals Gegenden zu bereisen, deren Erreichung in vertretbarer Zeit das Besteigen eines Flugzeugs erfordern würde.

Als jemand, der sich an der Kasse grundsätzlich in der falschen Schlange einreiht, wäre ich nämlich prädestiniert dafür, bei meiner ersten Flugreise in einer Maschine zu sitzen, die abstürzt oder entführt wird und am Ende in Mogadischu landet. Und so sehr ich mit den Entführern eventuell sogar mit ihrer Ansicht übereinstimme, dass in unserer Gesellschaft einiges nicht rund läuft, so sehr ich sogar bereit wäre, auf vieles – inklusive Flugreisen – zu verzichten, um das alles etwas gerechter zu gestalten, würde mir die Solidarität an diesem speziellen Punkt dann doch etwas zu weit gehen. Auch dass eine gezielte Kugel in den Schädel in Bezug auf die nach wie vor unbeantwortete Frage nach dem Sinn des Lebens für mehr Klarheit sorgt, kann ich mir nur schwer vorstellen. Fast schon zur Nebensache gerät vor diesem Hintergrund, dass mich in Mogadischu selbstredend Griechisch keinen Schritt weiterbringen würde.

Meine Sorge mag unbegründet sein, die Statistik gegen mich sprechen. Andererseits ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass meine Strategie des Nichtfliegens mich bislang jedenfalls relativ zuverlässig davor bewahrt hat, Opfer eines Flugzeugabsturzes oder einer Flugzeugentführung zu werden.

Bis zur Mitte dieses Textes habe ich also keinen vernünftigen Grund geliefert, wieso ich auf Griechisch kam. Demnach liegt die Vermutung nahe, dass eine Frau im Spiel war. In der Tat war meine neue griechische Nachbarin sehr süß und durch ein paar Brocken in einer ihr vertrauten Sprache garantiert maximal zu beeindrucken.

Das erklärt zwar noch nicht, wieso ich zur gleichen Zeit angefangen habe, auch noch Niederländisch zu lernen, aber das hört sich wenigstens nicht nur lustig an, solange es man nicht gut beherrscht, sondern eigentlich immer. Für deutsche Ohren klingt Niederländisch immer so, als hätten ihre Sprecher gerade außerordentlich viel Spaß.

Es klingt auch so, als würden sie gerade beim Essen sein und sich in keinster Weise daran stören, mit vollem Mund zu sprechen.

Neben der Erkenntnis, dass, wer in Offenbach lebt, jede Sprache irgendwann einmal wird anwenden können, war mein Interesse an den beiden Sprachen womöglich schlicht und ergreifend unter anderem auch ein verzweifelter Versuch der Beweisführung, dass ich überhaupt noch in der Lage bin, etwas Neues zu lernen.

Ich investierte also über ein Jahr lang täglich 90 Minuten meiner Zeit, von der ich alsbald feststellte, dass ich von ihr doch nicht so viel zur Verfügung hatte wie ursprünglich angenommen. 90 Minuten, 85 davon lernte ich Vokabeln, weil der Ansatz bestechend logisch klang, wonach ein Kind auch ohne jegliches Lernen von grammatikalischen Regeln automatisch irgendwann in der Lage ist, korrekte Sätze zu bilden.

Irgendwann recht spät stellte ich fest, dass ich im Alltag eindeutig zu wenig Griechisch und Niederländisch hörte, um mit dieser Methode nachhaltige Erfolge zu erzielen.

Ich habe meine Vorgehensweise daraufhin etwas modifiziert. Unnötig zu erwähnen, dass mich auch dieser Kurswechsel meiner Nachbarin nicht näher gebracht hat. Hätte ich die gleiche Zeit darauf verwendet, meine nur gering ausgeprägten handwerklichen Fähigkeiten zu verbessern, hätte ich definitiv einen größeren Eindruck bei ihr hinterlassen. Und ohne jetzt noch tiefer in das Regalfach mit den Geschlechterklischees greifen zu wollen – auch die Annahme, dass es vielen Frauen im Grunde nicht ganz ungelegen kommt, wenn durch mangelnde Sprachkenntnisse des Gegenübers ihre eigene Redezeit nicht gar zu sehr eingeschränkt wird, ist durch diese Episode eher bestätigt als widerlegt.

Nicht zuletzt der Start dieses Blogs und die dadurch erforderliche Neueinteilung meiner zeitlichen Ressourcen haben dem Projekt des Sprachenlernens dann endgültig den Todesstoß versetzt. Zumindest an der sukzessiven Verbesserung der eigenen Sprache wird seitdem aktiv gearbeitet. Und dass mich das Schreiben an sich meinem persönlichen Daseinszweck etwas näher gebracht hat als Griechisch oder Niederländisch, ist schwer zu bestreiten.

Lebe bunter

Zuversicht und Daseinsfreude müssen in die Köpfe und in die Texte! Wo in der Vergangenheit viel zu häufig von Dingen die Rede war, die man bereut, soll es im Zuge der Verbreitung von Optimismus und positiver Energie als Einstieg heute um eine Angelegenheit gehen, die ich nicht bereut habe:

Früher waren Tattoos etwas für harte Jungs. Angesichts der Existenz ganzer Berufsbranchen, in denen man heutzutage schräg angesehen wird, wenn man nirgends ein Tattoo hat, wirkt es fast befremdlich, dass man vor etwas über 30 Jahren noch riskiert hat, nirgends eine Arbeit zu bekommen, wenn man irgendwo Anker, Rose und Co gar zu offen präsentierte. Das Stigma lautete: Außer Seemännern haben nur Knastbrüder Tätowierungen. Also nur die ganz Harten.

So wie ich einer war.

Zumindest sah ich selbst mich seinerzeit auf dem bestem Weg, einer zu werden. Damals, in dieser anstrengenden und nur in der Rückschau lustigen ersten Phase der Selbstfindung. Wo in anderen Gegenden dieser Erde Kinder zwischen 13 und 15 Jahren zwangsläufig zu den ganz Harten gehören mussten, wenn sie überleben wollten, kam ich als unschuldiger Bub mit meinem siebenreihigen Nietenarmband um die Ecke. Wohlbehütet genug, dass ich das Teil vor meiner Mutter verstecken musste und es auf dem Schulweg zur Sicherheit erst außer Sichtweite meines Zuhauses angezogen habe. Da baumelte es dann uninspiriert um mein Handgelenk, weil auch das engste Loch dieses identitätsstiftenden Stücks für meine zarten Ärmchen noch viel zu weit gewesen ist.

Im weiteren Verlauf meiner Entwicklung hatte ich die Furcht vor der Reaktion meiner Eltern relativ schnell, also nach zwei weiteren Jahren, etwas abgelegt. Ein harter Junge war ich immer noch. Eigentlich war ich sogar härter denn je zuvor, denn ich hörte inzwischen Rockmusik mit verzerrten Gitarren und Texten über Tod und Teufel, die vorwärts abgespielt um einiges extremer waren als die angeblichen geheimen Botschaften, die sich dem Hörer offenbaren sollten, wenn er sie rückwärts abspielt. Ein Tattoo hätte mir demnach gut zu Gesicht gestanden, fand ich. Wobei meine erste Wahl mit Sicherheit eine unauffälligere Körperregion als das in der Redewendung genannte Antlitz gewesen wäre.

Farbe bekennen: Bier statt Tinte

Gerade weil ich aber in der Zwischenzeit noch härter geworden war, hatte ich unterdessen eine andere Möglichkeit gefunden, dem Rest der Welt zu demonstrieren, wie hart ich war. Außer für Tonträger ging mein Taschengeld fortan in erster Linie für Bier drauf. Abgesehen davon, dass vor dreißig Jahren nicht an jeder Ecke ein Tattoo-Studio war, hätte ich also auf etwas verzichten müssen, das ich gerade erst liebgewonnen hatte. An eine professionell durchgeführte Körperverschönerung war unter diesen Umständen nicht zu denken. Und wie es aussieht, wenn irgendein Freund selbst Hand anlegt, hatte ich ja an meinem Bruder beobachten können, der ungefähr zu der Zeit meiner unrühmlichen Nietenarmband-Episode seine erste Tätowierung präsentiert hatte.

Im Nachhinein kann jeder der Beteiligten absolut nachvollziehen, dass meine Eltern darüber nicht amüsiert sein konnten. Verunstaltet wäre noch einer der harmloseren Ausdrücke für das, was er da seinem Körper angetan hat.

Wer sich auch nur ein kleines bisschen mit der Ästhetik des Heavy Metal auskennt, wird eine Ahnung davon haben, wie erleichtert ich heute darüber bin, in dieser Phase meines Lebens nicht das Budget für wenigstens eine kleinflächige Körpermodifikation gehabt zu haben. Das Argument, dass auch Tattoos, die einem später peinlich sind, trotzdem zu seinem Träger gehören wie die Lebensphase, in der sie entstanden sind, mag ja schlüssig klingen.. Trotzdem sehe ich Drachen, Schwerter, Dämonen und dergleichen mehr auf Plattencovern einfach besser aufgehoben als auf meinem Körper. Und die Möglichkeit, solche Motive auf Band-Shirts zur Schau zu tragen und sich ihrer zu entledigen, wenn die Phase vorüber ist, hat mir in diesem Fall wenngleich nicht den Arsch, dafür aber diverse andere Körperteile gerettet. Für jemand, der sonst gern ´mal mit sich und der Welt hadert, weil die verkehrte Entscheidung getroffen wurde und es auf der Welt ohnehin ungerecht zugehe, eine echte Genugtuung.

Je ne regrette rien

Ohne die Sorge, ein bestimmtes Motiv könnte nach einer gewissen Weile einfach nicht mehr zeitgemäß für den Träger sein, wäre es heutzutage verdammt einfach: Das Argument, auch das schönste Bild sehe auf dem faltigen Körper eines 60-Jährigen nicht mehr schön aus, wurde mit dem lapidaren Hinweis, dass im Alter auch manches andere nicht mehr so heiß aussieht wie ehedem, längst entkräftet. Zudem sind die Bemalungen in den letzten 30 Jahren einfach gesellschaftsfähig geworden.

Was andererseits neue Probleme mit sich brachte: Sollten Tätowierungen tatsächlich jemals ein Ausdruck von Individualität gewesen sein, sind sie es spätestens seit ihrem gesellschaftlichen Durchbruch definitiv nicht mehr. Wer sich noch an die liebevoll, aber zutreffend als „Arschgeweihe“ bezeichneten Tribals am Steiß erinnern kann, weiß was ich meine. Die waren am Ende so originell, dass sie jeder einfach nur noch weghaben wollte. In kleineren Dimensionen wiederholte sich das mit Delfinen am Knöchel, Sternen und später Unendlichkeitsschleifen an jeder erdenklichen Stelle. Würden die Betroffenen zugeben, dass sie sich ihr unwahrscheinlich individuelles Motiv abgeschaut haben, anstatt es als das Resultat eines wahnsinnig kreativen Prozesses, wäre am Ende des Tages auch wenig bis nichts dagegen einzuwenden.

Seinen ursprünglich einmal gedachten Zweck, ihren Träger aus der Masse aller anderen herauszuheben, erfüllt das Tattoo daher bereits seit längerem nicht mehr uneingeschränkt.

Wo niemand mehr an der Körperkunst Anstoß nimmt, nimmt man auch generell nicht so viel Notiz davon. Das Besondere verschwand ab exakt dem Moment, in dem gefühlt jeder mindestens ein Bild zur Schau trug. Wie ernüchternd muss die Erkenntnis wirken, dass die einzigen, die sich für Dein Tattoo interessieren, andere Tätowierte sind, die dann ihrerseits bereitwillig ihre Kunstwerke vorzeigen. Hat etwas von Schwanzvergleich, würde ein guter Freund von mir an dieser Stelle urteilen. Was durch den Umstand, dass zumindest in Deutschland die Mehrheit der tätowierten Menschen inzwischen Frauen sind, eine besondere Note erhält.

Spätestens an dieser Stelle haben wir uns maximal von den Zeiten entfernt, in denen Tattoos noch eine Angelegenheit für harte Jungs waren.

Da ich sowieso niemals zu dem harten Jungen geworden bin, der ich eigentlich hatte werden wollen, habe ich heute genau genommen sogar doppelten Grund zu der Behauptung, nichts zu bereuen.

To do or not to do

Jeder tut es.

Wenn ein Text von mir mit diesem Satz eingeleitet wird, gehen die Erwartungen mancher Leser vermutlich in Richtung einer Pointe, die in irgendeiner Weise mit Autoerotik zu tun hat. Doch weit gefehlt! Die Rede ist vielmehr vom Aufschieben bestimmter Tätigkeiten. Wie so häufig entstand das Thema aus persönlicher Betroffenheit, hat also mit dem Thema Selbstbefriedigung dann doch zumindest diese eine Gemeinsamkeit. Unbefriedigend dagegen waren die letzten Monate in Bezug auf meine Blogeinträge. Zu erwarten, dass deren Qualität nämlich besonders gut ist, wenn ich die Nacht vor Veröffentlichung nur besonders lang daran arbeite, bis ich besonders müde bin, wäre auch besonders töricht. Dazu muss man nicht besonders clever sein.

Jeder tut es.

Aus der Erkenntnis, dass sich nicht jeder in der komfortablen Situation befindet, unangenehme Arbeiten an die Ehegattin oder unbeliebte Kollegen zu delegieren, erwuchs die Hypothese, dass jeder Mensch aufschiebt, sobald eine Aufgabe nur unattraktiv genug erscheint. Insofern muss lediglich noch gewöhnliches Aufschieben und pathologisches Prokrastinieren auseinandergehalten werden.

Wesentliches Merkmal von Beidem ist eine leidenschaftliche Hingabe an alle möglichen Dinge außer denen, deren Erledigung momentan eigentlich am dringendsten wäre.

Die Probleme fangen damit an, dass es in keinster Weise unvernünftig oder abnorm, sondern zutiefst menschlich klingt, wenn zuerst Tätigkeiten erledigt werden, die mehr Befriedigung verschaffen oder wenigstens versprechen. Mehr Wollen und weniger Müssen hätte ja nicht nur individuell, sondern auch als gesamtgesellschaftliche Perspektive durchaus seinen Reiz.

Weil das Leben jedoch nur gar zu selten nach Plan läuft, funktioniert auch das Aufschieben nicht nach dem idealtypischen Schema: Man entscheidet sich, dieses heute nicht, sondern lieber sich selbst einen schönen Tag zu machen – Ende der Diskussion.

Leider muss man stattdessen davon ausgehen, dass einem irgendwann im weiteren Verlauf des Tages und nicht selten dann, wenn es gerade richtig schön zu werden verspricht, das schlechte Gewissen auf die Schulter tippt und vorwurfsvoll anmerkt: „Du weißt schon, dass Du hier eigentlich gar nicht sein solltest..?!“

Jeder tut es.

Eine gewisse Zeit lang kann man damit eventuell ganz gut leben. Allerdings arbeitet die Zeit im Regelfall nicht für, sondern gegen einen, so dass man eines unschönen Tages von der mehr oder minder erfolgreich vertagten Arbeit sowieso wieder eingeholt wird.

Es liegt auch auf der Hand, dass das allabendliche Gefühlt, wieder einmal unter seinen Möglichkeiten geblieben zu sein, sich auf das Selbstwertgefühl nicht direkt förderlich auswirkt. Spätestens ab diesem Moment bemerkt man den ersten Unterschied zu jemandem, der einfach nur faul ist und das Fernsehprogramm ohne jeglichen Anflug von Unzufriedenheit mit sich selbst einfach nur genießt. Die Ungerechtigkeit, dass ebendieser Faule seinen Akku schneller wieder aufgeladen hat als man selbst durch Ausführen besagter Ersatzhandlungen inklusive anschließendem Frust, gibt es zu dem unguten Gefühl noch obendrauf. Vielen Dank dafür!

Da sich zu den nicht erledigten im Normalfall zusätzlich neue Aufgaben gesellen, entwickelt sich unter bestimmten Umständen ein gewisser Stau, der irgendwann tatsächlich zu einem Problem werden kann. Diese gelebte Unordnung ist dann häufig der Ausgangspunkt für eine behandlungswürdige Prokrastination.

Mögliche Tätigkeiten, welche die Beschäftigung mit den eigentlichen Aufgaben verhindern, sind vielfältig. Sie müssen keineswegs zwangsläufig echte Stimmungsaufheller sein; in aller Regel ist es völlig ausreichend, auch nur ein kleines bisschen attraktiver zu sein als die Aufgabe, von der sie ablenken sollen. Während des Studiums (als angehender Sozialwissenschaftler gehörte ich ohne es zu wissen einer der Hauptrisikogruppen schlechthin an) war ein probates Mittel, dem Schreiben einer Hausarbeit aus dem Weg zu gehen, noch mehr über das Thema zu lesen. Wurde das zu langweilig, gab es andere Themen, über die ich zwar nichts schreiben musste, die aber auch interessant waren. Wurde ich des Lesens komplett überdrüssig, ging ich in die Kneipe. Dass meine heutigen Strategien (Blumengießen, Kater kraulen, Katzenvideos) demgegenüber der Weisheit letzter Schluss sind, würde ich allerdings auch nicht ohne Zögern zu Protokoll geben.

Anderes Beispiel: Wenn Ende Mai die Steuererklärung abzugeben ist, verschwendet man durchschnittlich ab März die ersten Gedanken daran. Weil es außer der Pflicht zur Abgabe oder einer erwarteten Erstattung nicht einen einzigen guten Grund gibt, sich mit diesen Formularen auseinanderzusetzen, ist durch ständiges Suchen nach Ersatzhandlungen im Laufe einiger Jahrzehnte der Frühjahrsputz entstanden.

Ich kenne niemanden, und es gibt wahrscheinlich in dieser Republik auch niemanden, der Anfang des Jahres so sehnsüchtig auf die neuen Steuer-Formulare wartet wie andere auf eine neue Staffel der gerade angesagtesten Serie. Bei aller Rest-Skepsis gegenüber dem Zustand unserer Gesellschaft würde ich in diesem Punkt sogar einen Hinweis sehen, dass sie am Ende doch noch nicht so krank ist wie man allenthalben vermutet.

Dabei dauert das Anfertigen der Steuererklärung für einen Normalsterblichen, wenn sich nicht jedes Jahr Gravierendes an der Einkommenssituation ändert, nicht monatelang. Das dauert auch keine Woche. Das dauert nur dann eine Woche, wenn ich in dieser Woche alles mögliche andere mache.

Doch das Ende des Frühjahrsputzes, wie wir ihn kannten, lauert bereits. Denn als ob das Steuersystem in Theorie und Praxis an sich nicht schon Bestrafung genug wäre, hat man es mit der Verlegung der Deadline auf Ende Juli einfach ´mal so geschafft, wahrscheinlich keinem einzigen Steuerpflichtigen in diesem Land einen Gefallen zu tun. Das muss einem – selbst als Finanzbehörde – erst einmal gelingen. Wenn die Leute Mitte/Ende Juli überhaupt im Land sind, sind sie vermutlich weniger über ihren Steuerunterlagen zu finden, sondern verbringen ihre Zeit eher in Schwimmbad und Biergarten.

Weil das im Hochsommer nämlich jeder tut. Da sitzen Faule, Prokrastinatoren und Sofort-Erlediger ausnahmsweise im selben Boot.

Sirenengesänge

Von allen denkbaren Kränkungen, die das Leben im allgemeinen bereithält, ist die schlimmste Demütigung, wenn Du auf der Arbeit ohne Vorwarnung von jüngeren Kollegen einen Stuhl angeboten bekommst.

Man muss dazu wissen, dass ich die in jenem Moment ausgeführte Tätigkeit entgegen der von manchen Kollegen gepflegten Praxis aus Gründen der Effizienz üblicherweise im Stehen verrichte. So gern ich aus dramaturgischen Gründen an dieser Stelle behaupten würde, ich wäre fast vom Stuhl gefallen, als ich diesen Vorschlag hörte – es wäre aus gleich mehreren Gründen kein realistisches Szenario.

Als ob ich auf der Arbeit keine anderen Sorgen hätte, stand ich nun vor dem Problem, auf diese gut gemeinte Geste eine Reaktion abzuliefern, die nicht mindestens einen jüngeren Kollegen ob einer gewissen zur Schau gestellten Trägheit desavouiert.

Es ist für das weitere Verständnis dieses Textes zwar bedeutungslos, aber es ist mir nicht gelungen.

Wer meine Veröffentlichungen regelmäßig liest, wird bereits mehr als einmal mitbekommen haben, wie mein Selbstverständnis als für mein Alter optisch, geistig und mit Abstrichen auch körperlich relativ gut erhaltener Mensch regelmäßig erschüttert wird, wenn es mit Gegebenheiten wie der beschriebenen konfrontiert wird.

Was auch immer man unter „in Würde altern“ versteht – diese Situation beschreibt es nicht! Andererseits ist die Schwäche dieser Formulierung ohnehin folgende Implikation: dass es nämlich offenbar für niemanden ein ernsthaftes Problem darstellt, wenn man würdelos vor sich hin vegetiert, solange man dieses bestimmte, leider jedoch nirgends verbindlich definierte Alter eben noch nicht erreicht hat.

Man ist ja immer nur so alt wie man sich fühlt, ist der Einwand, der mir bei diesem Thema üblicherweise entgegenschlägt. Berechtigterweise. Die individuelle Einstellung zum Alter und zum Leben allgemein will ich auch überhaupt nicht vernachlässigt wissen. Und dennoch ist es nur die halbe Wahrheit. Es ist am Ende nämlich doch etwas mehr als eine bloße Zahl, und das mit der Einstellung hat definitiv Grenzen. Denn wann genau hat man denn das letzte Mal einen der folgenden oder vergleichbare Sätze gehört:

„Seit ich 50 geworden bin, fällt meinem Knie die Halbmarathondistanz wesentlich leichter.“

„Was war das früher als Jugendlicher für ein Krampf jedes Mal: Freitag feiern, und dann bis Sonntagabend zu nichts zu gebrauchen.“

„Mit 25 hatte ich noch so richtig schlechte Augen, inzwischen geht’s.“

Wenn man die richtigen Leute kennt, spricht nichts gegen den Versuch, durch gezielte Gespräche wenigstens die intellektuelle Entwicklung nachhaltig einzufrieren. Wenn man nicht die richtigen Leute kennt, erreicht man durch den Konsum geeigneter Fernsehsender einen sehr ähnlichen Effekt. Wenn man die richtigen Leute kennt und zusätzlich dafür geeignete Fernsehsender konsumiert – Glückwunsch zum Jackpot! Mit ein bisschen Übung sollte es sogar gelingen, die Geisteskraft auf ein früheres Niveau herabzusenken. Doch nicht alles, was gut klingt, hält auch einer kritischen Überprüfung stand: Die Degeneration des Körpers schreitet nämlich weitgehend unbeeindruckt von Geistes Bad im Jungbrunnen weiter voran.

Da ich im Normalfall nicht zum Arzt gehe, bevor ich mein Leben akut bedroht wähne, kann ich das gesamte Ausmaß der Zerstörung meines einst kraftvollen Körpers momentan bestenfalls erahnen. Ich denke mir aber, dass bei dank Hund und Arbeit durchschnittlich 22.000 Schritten am Tag durchaus gerechtfertigt ist, dass ich am Abend nicht noch mehrere Kilometer jogge, sondern mir meine Kräfte unter anderem auch für das Verfassen großartiger Blogeinträge aufspare.

Die Frage bleibt: Gibt es zwischen denen, die sich ewig jung fühlen und damit bei ihren Mitmenschen im besten Fall Skepsis, im nicht ganz so idealen Fall Mitleid auslösen, und denen, die ab Mitte 40 schon hauptsächlich mit großer Leidenschaft über ihre körperlichen Gebrechen referieren, noch ein paar wenige außer mir, die halbwegs realistisch einschätzen können oder wollen, wo ungefähr sie stehen?

Wahrscheinlich meint „in Würde altern“ eine Form von Souveränität zu erlangen oder zu bewahren: Dem Sirenengesang, wonach man heute im Gegensatz zu früheren Generationen im Alter so viele Möglichkeiten hat, widerstehen zu können. Nein zu sagen zu dem Irrsinn, jeder müsste sich demzufolge auch in gesetztem Alter noch zu Höchstleistungen motivieren.

Wichtig wäre, jeden Tag zu feiern, an dem man halbwegs gesund aufwacht. Ob man dann nach dem Aufstehen für Olympia trainiert oder ob man doch lieber im Schaukelstuhl Kreuzworträtsel löst, sollte jedem selbst überlassen bleiben.

Saarschleife

Ich war noch niemals in New York

Ob ich wegfahre! Manchmal glaube ich, mein komplettes Umfeld überschätzt deutlich die Gage, die man als Fachkraft für Lagerlogistik für seine Tätigkeit erhält. Man sollte darüber hinaus berücksichtigen, dass ein chronisch kranker Hund nicht nur das an sich für die Reisekasse gedachte Ersparte regelmäßig absorbiert, sondern auf Reisen auch selbst ein gewisses Handicap darstellt. Ob ich wegfahre? Ich verstehe die Frage nicht.

Würde es beim Reisen ausschließlich darum gehen, Vorurteile abzubauen, wäre man in Offenbach ohnehin bestens aufgehoben und bräuchte nicht erst durch die Weltgeschichte reisen. Generell sind viele der gemeinhin genannten und im Laufe der Jahrhunderte überlieferten Argumente fürs Reisen mit einem Makel behaftet: Sie entstanden zu einer Zeit, als die Welt von Instagram noch nichts ahnte. Das Zweitschlimmste, das einem passieren konnte: Auf einen Menschen zu treffen, der regelmäßig Sätze mit der Bemerkung „Als ich in (…) war“ eröffnete und die letztendliche Aussage dann keine besondere Lebensweisheit, keine Anekdote oder sonst irgendetwas Relevantes beinhaltete, sondern sich reduzierte auf den Hinweis: Seht her, ich war in (…)!

Die nächst höhere Eskalationsstufe war dann der Dia-Abend. Auch dazu muss man aber fairerweise sagen: Solange zu den 850 Bildern in ausreichendem Maß alkoholhaltige Getränke gereicht wurden, gingen eigentlich auch diese Abende vorüber.

Dank sozialer Netzwerke, quasi der Weiterführung des Dia-Abends mit anderen Mitteln, liefern sich Reise- und Selbstdarstellungswahn ein interessantes Wettrennen mit noch unklarem Ausgang. Und mit Auswüchsen wie diesen hier:

  • Immer mehr niederländische Tulpenzüchter sperren ihre Felder im Frühjahr, weil auf der Suche nach instagrammablen Motiven nur wenig Rücksicht auf die Entwicklung der empfindlichen Pflanzen genommen wurde
  • Schon letztes Jahr hatten die Besitzer eines Sonnenblumenfeldes in Kanada dieses auf Anordnung der Polizei für die Öffentlichkeit zu schließen, nachdem eines Tages nach einem viral gegangenen Post über 7000 Fahrzeuge dort vorfuhren, um deren Insassen ebenfalls abzulichten
  • Die Trolltunga, ein Felsvorsprung 700 Meter über einem pittoresken Tal in Norwegen, wird von jährlich 100.000 Menschen besucht, die dort in einer langen Schlange geduldig warten, um ein Foto zu schießen, das ihren Followern eine einsame Naturlandschaft suggeriert.

Im Grunde entwickeln sich solche Hot Spots dadurch zu SehensUNwürdigkeiten. Doch da ich mich diesem Getue nicht völlig entziehen kann, wäre Schulterklopfen unangebracht: Vergangenes Jahr bin ich an die Saarschleife gefahren. Es war eine beeindruckende Aussicht. Beeindruckender als live können auch Tausende Aufnahmen nicht sein. Und immerhin: Ich war dort, um mir das anzusehen. Ich war nicht ausschließlich dort, um ein Foto zu machen. Ich habe für dieses Foto nichts zerstört, und ich habe mich deswegen nicht in Gefahr begeben müssen. Aber auf der Heimfahrt meldete sich dann doch irgendwann das ökologische Gewissen und relativierte den bis dahin positiven Gesamteindruck. Der Erholungsfaktor war angesichts an diesem Tag für Hin- und Rückfahrt zurückgelegten 500 Kilometern ohnehin überschaubar. Nicht viel besser verhielt es sich mit meinem Kontakt zu Einheimischen: Dieser erschöpfte sich in der Bitte, ein Foto von der Schleife und mir zu machen. Wahrscheinlich waren es nicht einmal Einheimische, sondern ebenfalls Touristen. Wenn ich es hochrechne, habe ich in Offenbach wahrscheinlich mehr Gespräche mit hierher gezogenen Saarländern geführt als im Saarland.

Ob ich wegfahre? Es liegt vermutlich nicht an besagten 500 Kilometern, aber bei mir hat inzwischen solcherart Reisefieber etwas nachgelassen. Statt für Benzin gebe ich mein weniges Geld lieber für gebrauchte Klamotten aus. Und nach wie vor für den Hund. China wäre übrigens eine Destination, die für eine Reise mit Hund eher suboptimal ist. Vielleicht wäre ein Aufenthalt dort geeignet, diesbezügliche Vorurteile abzubauen. Vielleicht würden Gespräche mit Einheimischen, die das Fleisch dieser Tiere für gesund und potenzsteigernd halten, die Bildung von Vorurteilen auch eher begünstigen. Wer weiß das schon so genau?!

Das Leben ist eine Reise. Nur: Wo ich auf so viele bornierte Leute treffe, fahre ich doch eigentlich nicht wieder hin.

Ob ich wegfahre? Ich denke eher nicht.

Zum 20.

„Du musst eigentlich nur zählen können.“ Es wird sich leider nicht mehr zweifelsfrei klären lassen, ob er mir damit Mut zusprechen wollte, aus Verlegenheit einfach irgendetwas gesagt hat oder mir in diesem Moment der ersten Begegnung tatsächlich nicht mehr zugetraut hat. Aber im Prinzip startete mit diesen Worten meines neuen Chefs vor 20 Jahren meine „Karriere“ als Lagerist. Seinerzeit noch als Aushilfe und ohne den unbedingten Willen, diese Tätigkeit im Jahr 2019 immer noch auszuüben. Denn dafür hatte mich mein Vater gewiss nicht auf die Uni geschickt.

Es war ein bewegtes Jahr damals: Meine Alkoholabhängigkeit näherte sich ihrem Höhepunkt. Fast folgerichtig ging in dieser Zeit auch meine erste Beziehung, die diesen Namen verdient hatte, nach sieben Jahren in die Brüche. Einen vernünftigen Aushilfsjob zu finden, war leichter gesagt als getan. Ich arbeitete in jenem Jahr bei der Zentralen Kulturverwaltung, auf dem Wochenmarkt, als Wäschefahrer, als Vermessungshelfer und beim Aufstellen von Hüpfburgen. Selbst der Caterer beim OFC verzichtete auf meine Dienste. Wohl aus nicht ganz unberechtigter Sorge um seine Getränkebestände.

Aus diesen Gründen kam mir ein Job im Lager, von dem mein Boss zwischen den Zeilen zu verstehen gab, dass das jeder könne, sehr gelegen. Ich ahnte damals natürlich nicht, dass ich zwanzig Jahre später noch gegen das Vorurteil ankämpfen würde, jeder könne Lager. Allerdings konnte ich nach zwanzig Tagen bereits erahnen: Das kann nicht jeder.

Die Geringschätzung unseres Berufsstandes begünstigt wahrscheinlich den Alkoholmissbrauch. Nach und vor Feierabend. Dieses Problem immerhin haben wir mit Lehrern gemein.

Wie man sieht: Wenn wir uns nicht gerade gegen Klischees wehren, reproduzieren wir selbst welche. Zum Beispiel gegenüber Fahrern. Fahrer sind der natürliche Feind des Lageristen. Denn die Erwartung, er bräuchte bloß hupen, damit wir alles stehen und liegen lassen, um am geöffneten Tor parat zu stehen, bevor der Fahrer überhaupt bereit ist, nervt nach ein paar Jahren einfach. Am liebsten würden manche Fahrer abladen ohne zu halten, so sehr in Eile sind die. Die haben es so eilig, da bleibt natürlich kaum Zeit, außer „Unterschrift“ noch irgendetwas anderes auf Deutsch zu können. Zugegeben: Solange nichts Unvorhergesehenes geschieht, reicht das für einen Fahrer auch aus.

Nicht erst seit jeder US-Polizist in jeder beliebigen Serie zu jeder Tages- und Nachtzeit beim Verzehr von Donuts zu sehen ist, weiß man: Viele Stereotypen über bestimmte Berufsgruppen sind keine Vorurteile, sondern harte Fakten. Hat zum Beispiel schon einmal irgendjemand eine Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes gesehen, die nicht raucht?! Das ist in der Branche doch schon fast Einstellungsbedingung. Hat schon einmal jemand einen Koch gesehen, der einen freundlichen Umgangston gegenüber seinen Kollegen pflegt?!

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: Die bereits erwähnten Lehrer werden den Verdacht, dass der freie Nachmittag mitnichten der Unterrichtsvorbereitung dient, nicht ausräumen können, solange sie 25 Jahre lang den gleichen Kram erzählen. Ein Taxifahrer wird nicht automatisch zum besseren Autofahrer, bloß weil er viel fährt. Und, ja, auch in der Lagerlogistik gibt es ausreichend Jobs, die den Kollegen außer Zählen nicht gar zu viel abverlangen. Manch einer schubst ausschließlich Paletten durch die Gegend, ein anderer braucht zum Entladen Kraft und Ausdauer, aber kein Hirn Kein Wunder, dass viele von ihnen ihre Zukunft bereits hinter sich haben.

Auch wenn Prestige sowie Gage in meinem Beruf eher nicht der Rede wert sind, habe ich ihn im Laufe der Zeit schätzen und lieben gelernt. Auch wenn ich in manchen Situationen wünsche, ich hätte tatsächlich immer nur gezählt und sonst nicht viel gemacht, was mir manch graues Haar erspart hätte, ist mir bewusst, dass manch anderes graue Haar von selbst kommt. Auch wenn ich für manche Kollegen eine pädagogische, für andere eine psychologische Ausbildung dringender benötigt hätte als mein Diplom als Politologe, freue ich mich auf die nächsten 20 Jahre..!

Äpfel mit Birnen

Als ich noch ein kleiner Junge war, hörte ich meinen Bruder und dessen Kumpel gelegentlich leidenschaftlich über die Frage streiten, ob die Eintracht oder die Kickers den lauteren Fanblock haben. In diesen Momenten lernte ich: Offensichtlich gibt es Fragen, bei denen sich mindestens einer der Kontrahenten dem Brauch, für die Beantwortung objektive Kriterien heranzuziehen, erfolgreich entzieht.

Was ich damals nicht ahnte: Dass diese Beobachtung keine Ausnahme darstellt, sondern vielmehr bereits den späteren Standard jedweder Kommunikation, Argumente durch Glaubenssätze zu ersetzen, aufzeigte. Zu studieren bei politischen Debatten, nach wie vor bei Fragen den Fußball betreffend, und nicht zuletzt bei der Diskussion, ob Hunde oder Katzen die intelligenteren Wesen sind.

Irritierend ist dabei schon folgende Überlegung: Welchen vorstellbaren Nutzen könnte die Beantwortung dieser Frage überhaupt für irgendjemanden haben? Als ob sich auch nur ein einziger Mensch bei der Frage Hund oder Katze umentscheiden würde, wenn objektiv geklärt wäre, dass eines der beiden Geschöpfe tatsächlich klüger ist als das andere. Vor allem: Es mag arrogant klingen, aber wer in solchen Diskussionen Sätze wie „Ich denke Erinnerungsvermögen hat nichts mit intiligents zu tuhen“ absondert, hat sich nur in seiner eigenen Welt als Experte qualifiziert, über die Intelligenz anderer Lebewesen zu urteilen.

Die meisten sind in diesem Punkt ohnehin befangen. Kaum jemand, der sich zuhause eine Katze oder wahlweise einen Hund hält, wird zuzugeben bereit sein, dass das eigene Tier dümmer ist als ein anderes. Die Gruppe der Verfechter der These, Katzen seien intelligenter, ist nicht zufällig beinahe deckungsgleich mit den Haltern von Katzen.

Dabei ist es im Prinzip so einfach: Wer einmal eine Katze bei dem Versuch beobachtet hat, den leuchtenden Punkt eines Laserpointers zu fangen, ahnt, dass das mit Intelligenz nicht ganz so viel zu tun hat.

Katzen fliegen vom Balkon, weil sie eine Fliege fangen wollen. Zweifel an der Intelligenz habe ich inzwischen aber auch bei ihren Besitzern, die es trotz der Verfügbarkeit von entsprechenden Netzen zulassen, dass so etwas auch ein zweites Mal passiert. Ein solches Nicht-Verhalten torpediert ganz nebenbei Studien, die ernsthaft behaupten, Katzenbesitzer sind intelligenter als Hundebesitzer.

Katzen haben nur drei Gesichtsausdrücke. Daran, dass das wenig Auswahl ist, ändert auch nicht, dass es Menschen gibt, die mit der gleichen oder einer geringeren Anzahl durchs Leben gehen.

Katzen lassen sich nichts sagen. So wird aus einer Charakterfrage plötzlich eine der Intelligenz, und selbst die hält nicht stand, wenn ich mir die nicht allzu große Mühe mache, die Argumentation einmal auf den Menschen zu übertragen. Kollegen, die sich nichts sagen lassen, habe ich ja einige. Daher kann ich zweifelsfrei belegen, dass solcherlei Renitenz mitnichten ein grundsätzlicher Ausdruck von Intelligenz ist.

Unterm Strich bleiben also nicht allzu viele gute Argumente, einer Katze eine hohe Intelligenz zu attestieren.

Ein Hund ist natürlich komplett anders. Als ich einmal die Wohnungstür etwa zwei Sekunden nach meinem Verabschieden wieder aufschloss, weil ich etwas vergessen hatte, begrüßte mich der Hund als wäre ich zwei Wochen weg gewesen.

Auch würde ich meinen Hund nicht unbedingt mit einem 50-Euro-Schein ausstatten, um diesen am Bahnhof bei den Hütchenspielern zu vermehren. So präzise Hunde sonst beim Beobachten anderer Menschen sind – hierbei versagen sie regelmäßig.

Am Ende des Tages gelangt man zwangsläufig zu dem Urteil: Beide doof. Und zwar jeder auf seine Weise.

Doch was spielt das überhaupt für eine Rolle?! Mein Kater stellt sich in sein Klo und plaziert sich so, dass der Haufen außerhalb landet. Und wenn er aus Protest in die Badewanne kackt, scharrt er an der Emaille, als ob da irgendwas Geeignetes wäre, seine Spuren abzudecken. Intelligent geht anders. Aber er bleibt trotzdem eine der coolsten Säue unter der Sonne.

Mein Hund hat wie viele andere seiner Artgenossen die Angewohnheit, sich so geschickt in den Weg zu legen, dass er dauernd wieder aufstehen muss, um aus dem Weg zu gehen. Aber wenn jemand glauben sollte, dass er sich beim nächsten Mal eine Ecke sucht, in der er liegenbleiben kann, hat dieser Jemand die Intelligenz dieser Tiere schwerstens überschätzt. Intelligent geht auch in diesem Fall anders. Aber er bleibt natürlich trotzdem der beste Hund aller Zeiten.

Ich bin mir nicht sicher, wie ich reagieren werde, wenn meine beiden tierischen Mitbewohner einmal nicht mehr sind, vermute aber, dass ich nicht unbedingt die scharfsinnige Gesellschaftsanalyse des Katers oder die philosophischen Ausführungen des Hundes vermissen werde. Eher schon das penetrante Wecken durch erstgenanntes Tier oder die stürmische Begrüßung durch den Hund nachdem er mich vier Wochen – pardon: zwei Stunden – nicht gesehen hat.

Es beginnt doch schon bei der Anschaffung. Wer bitteschön hat sich anstelle „ist der süüüß“ jemals gedacht, „der ist bestimmt blitzgescheit“, als er einen Wurf Welpen zur Auswahl beobachtet hat?!

Apropos Anschaffung: Wir brauchen nicht noch mehr Tiere in Zwingern, weil ihre ursprünglichen Halter bei deren Erwerb so intelligent gewesen sind, nicht einmal bis zum nächsten Urlaub gedacht zu haben. Wenn Ihr Euch ernsthaft ein Tier zulegen wollt – geht in die Tierheime! Dort gibt es super Tiere, die zuvor lediglich das Pech hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Sie sind deswegen keine schlechteren Tiere.

Wenn Ihr Platz habt, legt Euch Alpakas oder Erdmännchen zu. Meinetwegen einen Hottentotten-Graumull. Gebt den Tieren die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Aber hört auf, jeden Purzelbaum, den der Vierbeiner schlägt, als Ausdruck besonderer Intelligenz zu betrachten.

Das hat schließlich schon bei Euren Kleinkindern nicht funktioniert.

Pick-Up für Fortgeschrittene

„Manche Dinge ändern sich nie.“ Zugegeben: Schlecht klingt das zunächst nicht, wenn Freunde solche Dinge über Dich sagen. Man darf sich durchaus geschmeichelt fühlen. Zumindest bis man registriert, dass dieses Urteil genauso gut auf negative Eigenschaften zutrifft, die man lieber längst über Bord geworfen hätte.

Gehen wir runde 35 Jahre zurück: Kaum dass die ersten Haare am Beutel zu sprießen begannen, wahrscheinlich aber sogar noch etwas früher, begann die Suche nach einer adäquaten Partnerin. Das ist für sich genommen noch nicht besonders ungewöhnlich. Originell wird es im Prinzip erst durch die Art und Weise, wie ich gemeinhin versuch(t)e, die Aufmerksamkeit meiner Auserwählten zu erlangen.

Ausgehend von der Überlegung, dass sich Beziehungen am besten anbahnen lassen, wenn man sich ab und zu begegnet, gilt es, Hauptwohnsitz sowie weitere Orte herauszufinden, an denen sich der neue Schwarm bevorzugt aufhält. Am besten mit den dazugehörigen Zeiten.

Irgendwann weiß man zum Beispiel einfach, wann und wo sie Hockeytraining hat oder in welchen Gasstätten sie sich an einem Freitagabend bevorzugt aufhält. Man hat also genügend Anlaufstellen, die man vorher nie, jetzt aber ständig frequentierte, um die Wahrscheinlichkeit eines Aufeinandertreffens zu beeinflussen und dann im Ernstfall das Gespräch mit den Worten eröffnen zu können: „Oh, mit Dir hätte ich hier aber nicht gerechnet.“ Den Verlust meines Glaubens an Zufälle verorte ich nicht ganz zufällig in etwa in dieser Zeit meiner ersten Gehversuche in Sachen unverbindlichen Flirtens. Meine Neigung zu ausgedehnten Spaziergängen dürfte ebenfalls in dieser Phase ausgebildet worden sein.

Wollte man diese Methode als würdelos bezeichnen, käme ich damit eigentlich noch ganz gut weg. Vor allem: In Sachen Effektivität ist bei dieser Vorgehensweise demnach definitiv noch Luft nach oben. Denn egal, wen, wann und wo ich jemand auf solche Weise gestalkt habe – wirklich getroffen habe ich eigentlich niemals eine meiner Herzdamen. Bis heute nicht. Manche Dinge ändern sich eben tatsächlich nie.

Okay – geändert hat sich, dass ich heutzutage besser gekleidet bin als früher. Ansonsten ist alles noch wie zu Zeiten, in denen Mama die Klamotten für mich herausgelegt hat.

Im vorliegenden Fall war es so, dass mir an Fronleichnam eine Lady am Getränkestand aufgefallen war. Ich durfte die Besucher eines Festes mit modellierten Luftballonfiguren beglücken. Wir wechselten ein paar Worte, als ich ihr ein Ballonarmband vorbeibrachte, das ich mit so viel Leidenschaft gefertigt hatte wie ich sie sonst nur selten in eine Ballonfigur ´reingesteckt habe. So ähnlich zumindest habe ich es ihr gesagt. Als sie mit ihrem Dienst fertig war, kam sie nochmal zu mir, um sich zu verabschieden und uns Gelegenheit zu geben, weitere zwei bis drei Minuten zu reden. Das hat zwar ausgereicht, mich nachhaltig zu beeindrucken. Jedoch wartete ich vergeblich auf den Satz „Ich gebe Dir am besten ´mal meine Telefonnummer.“ Manche Dinge ändern sich eben nie.

Also kam es, wie es kommen musste: Ich bin an einem der darauffolgenden Tage nochmal auf diesem Fest vorbeigegangen. Ein Fest, das mir ausreichend Gründe bietet, warum ich dort normalerweise kein Gast bin: Wenn die Presse im Nachgang darüber berichtet, ist in aller Regel eine Gruppe von Menschen abgebildet, die an einem Festzelttisch sitzt und Biergläser in die Höhe stemmt. Auf dem Bild nicht zu sehen ist die musikalische Begleitung aus Schlagermusik. Nein, diese Art von Festen bietet für mich wirklich keinen Grund, sie zu besuchen. Es sei denn, ich soll dort Luftballons modellieren oder ich erwarte, dort einer Frau zu begegnen.

Wie kaum anders zu erwarten war: Manche Dinge ändern sich nie. Die schlechte Musik, die Partyfraktion mit den Bierkrügen, ein paar Bildungsferne – alles war genau wie am Donnerstag oder an jedem anderen Tag dieses Festes in den letzten 50 Jahren. Nur diese Frau war nicht da.

Was lag da näher, als am gleichen Tag zu einem späteren Zeitpunkt nochmal zufällig dort aufzuschlagen, um zu sehen, ob sie in der Zwischenzeit eingetroffen ist?!

Trotz dieser nicht stattgefundenen zufälligen Begegnung war ich erleichtert, dass dieses Fest lediglich an drei Tagen im Jahr stattfindet. Bleibt mir doch auf diese Weise wenigstens erspart, was sich Jahre zuvor zugetragen hatte: Eine mehrere Wochen dauernde Phase, in der ich jeden Abend in dieselbe Kneipe gegangen bin, als logische Folge eines Samstagabends, an dem ich dort einmal eine Gruppe von drei Flugbegleiterinnen, darunter zwei Frauen, getroffen und mit ihr einen angenehmen Samstagabend verbracht hatte. Ich könnte argumentieren, dass mein Freizeitverhalten dadurch keine besonders radikale Umkehr erfuhr, da ich mich zu jener Zeit ohnehin an durchschnittlich fünf Abenden pro Woche in besagter Schankwirtschaft aufgehalten habe. Aber irgendwann war es an der Zeit, auch wieder ´mal etwas anderes zu unternehmen. Freunde sagten mir, dass diese Frauen innerhalb der vergangenen sieben Wochen garantiert einmal in meinem zweiten Wohnzimmer aufgeschlagen wären, wenn ihrerseits auch nur ein Minimum an Interesse bestanden hätte, mir zu begegnen. Dennoch: Ich brauchte einen Verbündeten. Jemand, der immer in diesem Lokal ist und interveniert, bevor die Flugbegleiterinnen enttäuscht wieder umkehren wollen, weil sie mich nicht gefunden haben.

Es gab exakt einen Menschen, der mich unterstützen konnte. Ein Mann, der allabendlich zur etwa gleichen Zeit an der Theke seinen Platz einnahm. Jemand hatte mir ´mal erzählt, dass er 1982, was zu jener Zeit bereits 20 Jahre her gewesen ist, das erste Mal in der Weinstube war und dieser Typ damals schon auf diesem Platz gesessen hat. Ich hatte meinen Verbündeten gefunden!

Der Grund, weshalb ich ihn am Ende doch nicht für meine Zwecke einspannte, ist simpel: Ich wollte keine alten Wunden aufreißen. Denn bestimmt hat der gute Mann einst aus dem gleichen Motiv, eine Bekanntschaft wiederzusehen, angefangen, diese Kneipe täglich zu besuchen. Und da Alkohol bekanntlich dabei hilft, zu vergessen, behielt er die Gewohnheit einfach bei, auch wenn er im Laufe der Zeit den ursprünglichen Anlass aus den Augen verlor und sich sicher nicht nur einmal die Frage gestellt hat: Was mache ich eigentlich hier?

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