Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Monat: März 2018

Hauptsache pink

Die Zeit rast ´mal wieder: Die Umstellung auf die Sommerzeit erinnert uns daran, dass das vor kurzem noch neue Jahr nun schon fast drei Monate alt ist. Dabei ist die Erinnerung an den Winter noch so präsent, als wäre der letzte Schnee erst vorgestern gefallen. Gefallen soll natürlich auch dieser Blogeintrag, also dachte ich mir diese Woche: Wenn das Jahr schon zu einem Viertel vorüber ist, könnte man eventuell die Trends des Jahres daraufhin abklopfen, bei welchen sich ein Aufspringen auf den fahrenden Zug noch lohnt und bei welchen eben nicht.

Durchaus noch lohnenswert ist zum Beispiel das HSV-Bashing. Nachdem der Klub jetzt einige Jahre Zeit hatte zu beweisen, dass er in der ersten Liga niemals imstande sein wird, sich nachhaltig zu erneuern, feiert man in Hamburg sieben Spieltage vor Ultimo aktuell unter dem Motto „Endlich 18!“ und könnte sich, wenn alles planmäßig läuft, endlich einen Startplatz in Liga Zwei sichern. Die momentane Spielweise jedenfalls wirkt in dieser Hinsicht einigermaßen zielführend. Der erste Abstieg in seiner Geschichte ist sicher nichts, was der sechsmalige Deutsche Meister im Briefkopf an besonders exponierter Stelle auflisten wird. Aber nachdem man den Titel „Verdientester Absteiger aller Zeiten“ jahrelang nur inoffiziell führen durfte und Kritiker bereits spotteten, der HSV könne gar nichts, nicht ´mal absteigen, immerhin eine gewisse Genugtuung.

Im Ernst: Es ist schon eine Leistung, dass inzwischen alle Fußball-Interessierten, die nicht dem HSV zugeneigt sind, ihm den Abstieg gönnen. Dafür oder dagegen, dazwischen gibt es nichts. Wenigstens in Sachen Polarisierung hat es der HSV dann doch noch geschafft, mit dem FC Bayern wenigstens gleichzuziehen.

Alles in allem eine gute Sache: Es kostet nichts, dem Bundesliga-Dino den Abstieg zu wünschen, und es tut auch niemandem weh. Denn diejenigen, denen es weh tun könnte, sind nach den Spielen der letzten paar Jahre ohnehin komplett schmerzbefreit. Das schlimmste, was passieren kann, wäre dass der Klub doch noch einmal den Kopf aus der Schlinge zieht und sich das Drama mindestens eine weitere Spielzeit lang zieht.

Immerhin: Das Wappen des HSV ist zwar weder schön noch originell, kommt aber gänzlich ohne Pink aus.

Als Ballonkünstler gehöre ich bezüglich der neuesten Trends in Sachen Disneyfiguren, Superhelden und dergleichen zu den gewöhnlich gut informierten Kreisen. Und natürlich kommen auch die Fragen nach Einhorn, Flamingo und bald wahrscheinlich Alpaka. Die Viecher sind ja auch nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Neu war und ist lediglich, dass ausgewachsene Frauen sich offen dazu bekennen. Solange es lediglich um Ballons geht, kann ich persönlich damit gut leben. Aber was sollen Einhörner auf Klopapier-, Kaugummi- und sogar Bratwurst-Packungen? Dem Flamingo geht es nicht viel besser, das ist sozusagen dasselbe in Grün. Gerade diese Woche musste ich die Vögel auf einem Mikrowellen-Popcorn mit Erdbeergeschmack sehen. Wohl Geschmackssache. Das Alpaka kommt da gerade zur rechten Zeit, denn mit dem Wappen des HSV hat es eines gemein: Es ist nicht pink!

Wenn man Luftballonfiguren modelliert, weiß man, dass es eine Sache gibt, die jeden Trend überdauert. Denn egal, was gerade angesagt ist – Hauptsache, es ist pink. Oder eine Eule. Oder beides. Zur Not geht auch rosa. Der Unterschied ist sowieso nicht jedem klar.

Die Farbpsychologie schreibt Pink neben anderem die Eigenschaft zu, Aggression und Gewalt zu unterbinden. Was ich angesichts der Masse an pinken Schwertern, die ich bereits aus Ballons formen musste, so direkt auch nicht mehr unterschreiben würde. Eigentlich gibt es nicht ein, sondern zwei Dinge, die in Sachen Ballons jeden Trend überdauern: Die Farbe Pink und Schwerter. Und solange alles, inklusive der Schwerter, rosa und pink sein muss, darf hauptsächlich der Vorrat an pinken und rosa Luftballons niemals zur Neige gehen. Ein T-Rex in rosa? – Kein Problem! Hund, Katze, Pferd – Hauptsache pink! Selbst einen Pinkuin habe ich schon aus Ballons geknotet.

Genug geklagt! Ab sofort mache ich meinen eigenen Trend. Ich präsentiere:

Flussdelfine

Anders als ein ordinärer Delfin ist der in Süß- oder Brackwasser lebende Artgenosse passenderweise rosa.

Genau genommen werden sie zwar erst mit zunehmendem Alter rosa, aber das kann man bei dieser Traumkombination ruhig ´mal in Kauf nehmen. Delfin UND rosa. Die Evolution wird sich schon irgendwas dabei gedacht haben. Und uns Menschen sieht man das Alter ja auch irgendwie an. Nach wie vor träume ich übrigens davon, wie gern ich meine Hautfarbe nach Grün wechseln können würde, wenn ich wütend werde. Also, nicht dass ich wirklich davon träume – Ihr wisst schon..! Und zum Glück habe ich ja einen Kollegen, der mich jedes Mal, wenn ich davon erzähle, an folgenden Sachverhalt erinnert: Wenn man grün wird, sieht das nur mäßig respekteinflößend aus, wenn nicht gleichzeitig die Muskeln auf den mindestens dreifachen Umfang steigen. Ich tue das zwar nicht gern, aber in diesem Punkt muss ich ihm wohl Recht geben. Einfach nur grün sieht lächerlich aus.

Aber seine grünen Smoothies sehen auch lächerlich aus. Nicht dass die andersfarbigen besser aussähen, aber am giftigsten sieht grün aus. Der Kollege allerdings behauptet, sie wären im Gegenteil äußerst gesund. Was ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen kann bei einem Getränk, das aussieht, als hätte man einfach Erbrochenes in einen Behälter zurückgefüllt.

Den Trend zur bewussten Ernährung werden wir wahrscheinlich so schnell auch nicht wieder los. Wohl nicht nur Geschmackssache.

Die Speerspitze der gesunden Ernährung ist die Heißluftfritteuse sicher nicht. Immerhin aber scheint es bei den besseren Geräten um mehr als die aus dem Marketing üblicherweise gewohnte heiße Luft zu gehen. Ich habe keine, brauche wahrscheinlich auch keine, aber allein dass sich die meisten dieser Apparate komplett ohne Smartphone bedienen lassen, ist für einen technischen Neandertaler wie mich höchst erfreulich. Sein Fett weg bekommt dafür anderes technisches Gerät:

„Ärgerlicher Trend: Neuere Handys sind weniger robust“, stand diese Woche irgendwo zu lesen. Meine spontane Reaktion war: Wieso ärgerlich, wo liegt das Problem? Bislang nämlich hatte ich Anlass zu der Vermutung, dass ein kaputtes Handy für 98 Prozent der Menschen ein willkommenes Argument ist, sich nach einem Jahr Gebrauch endlich ohne schlechtes Gewissen ein neues zulegen zu dürfen. Irgendeinem Grund muss es ja dafür geben, dass die Dinger von vielen Frauen zu drei Vierteln aus der Gesäßtasche herauslugend herumgetragen werden. Mit Sicherheit gibt es passendere Aufbewahrungsmöglichkeiten für das smarte Phone, bloß sind die wahrscheinlich nicht trendy genug.

Man hat es als Produkt-Entwickler aber auch nicht leicht: Wenn das Gerät an sich nicht größer werden darf, der Trend allerdings zu immer größeren Bildschirmen geht, wird es an bestimmten Stellen einfach kritisch mit der Robustheit. Wenn das Plus an Fläche dann wenigstens seitens der Benutzer dafür genutzt würde, Texte mit weniger Fehlern zu verzapfen, hätte sich der Aufwand am Ende sogar gelohnt. Denn was einem manchmal als Nachricht übermittelt wird, ist nicht smart. Smart bedeutet schlau, raffiniert oder gewitzt. Geschriebene Sätze wie „Aber eill da such nichts zu sagen kenne dich nicht will dir such nichts böses“ sind weder schlau noch raffiniert noch gewitzt. Das Gegenteil ist der Fall. Ich fürchte allerdings, dass eine Mehrheit von den durch einen größeren Bildschirm eröffneten Möglichkeiten eher den vollendeteren Sehgenuss bei Filmen und ähnlichem schätzen als die Chance, fehlerfreie Textnachrichten zu verfassen. Angesichts dieses Befundes kommt es am Ende auf die Größe sowieso nicht an.

Meine Meinung ist vielleicht nicht maßgeblich für zukünftige Trends, aber für mich ist bei einem Smartphone weder Größe noch Gewicht noch Leistung relevant. Kaufentscheidend ist allein, dass es nicht pink ist.

Alles beim Alten

Die wesentlichen Entscheidungen im Leben sind wohl getroffen, wenn man die 40 einmal überschritten hat. Beruflich sind spektakuläre Wendungen kaum zu erwarten. Für die Karriere-Optionen Rockstar oder Ballett-Tänzer jedenfalls sind die Türen längst zugefallen. Ein Umzug ins Eigenheim scheitert an allem, woran er auch früher schon immer gescheitert ist. Auch die Wahl des Lieblings-Fußballvereins, für den man sich vor mindestens 30 Jahren entschieden hat, wird nicht mehr korrigiert. Die Fragen, die sich heute noch stellen, sind keine Angelegenheiten von besonderer Tragweite: Was esse ich heute Abend? Und mit welcher Sendung soll die Flimmerkiste den hoffentlich wohlverdienten Feierabend ausklingen lassen? Etwaigen Entschlüssen, zu vorgerückter Stunde noch hinauszugehen und Party zu machen, hat die Vernunft bereits vor Jahren eine Absage erteilt.

Am nächsten Morgen ist die erste Entscheidung im Normalfall: Aufstehen oder Schlummertaste betätigen und noch einmal umdrehen. Manchem wird diese Frage auch von der bis zum Anschlag gefüllten Blase abgenommen. So oder so – ein so ereignisreiches Leben, dass man nur darauf wartet, beim ersten Ton des Weckers umgehend aufzustehen und endlich in den Tag starten zu können, führen nur die wenigsten.

Es schließen sich die nächsten Banalitäten an: Brötchen oder Croissant? Doch nur Kaffee? Kippe vorher, nachher oder währenddessen? Darauf folgen an einem durchschnittlichen Tag zwischen 20.000 und 100.000 Entscheidungen. Immerhin: Angesichts der Überlegung, dass es offenbar Jobs gibt, bei dem die Entscheidungen anderer Menschen akribisch beobachtet und mitgezählt werden müssen, finde ich meine Arbeit plötzlich angemessen abwechslungsreich. Ich komme zu dem Schluss, dass nicht jede bisherige Entscheidung in meinem Leben komplett verkehrt war.

Durch den Satz, man könne nicht alles haben, wird man üblicherweise als Kind und somit bereits früh im Leben damit konfrontiert, worauf es im Leben ankommt. Eine gute Wahl zu treffen nämlich. Ist mir der Spiel- und Bastelbogen aus dem Micky-Maus-Heft wichtiger, oder soll ich mein Geld in ein Yps-Heft anlegen und eine Rolle Papier vom heimischen Klo zweckentfremden, um daran an einem dunklen und feuchten Aufstellort mit den im Heft gelieferten Sporen Pilze zu züchten? Die ich im übrigen sowieso nie gegessen hätte, wenn denn irgendwann ´mal welche gewachsen wären. Jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas anderes.

Zu keinem Zeitpunkt jedoch sind Entscheidungen so existenziell wie in der Jugend. Puma oder Adidas? Generell das Verhältnis zu den Gleichaltrigen: Läuft man bei denen Coolen mit, bei den Adidas-Trägern, um die sich die Mädchen scharen? Oder lebt man lieber wahre Coolness aus und arrangiert sich irgendwie damit, dass das auf das zu beeindruckende Geschlecht wenig anziehend wirkt?

Wirkliche Grundsatzentscheidungen werden in dieser Phase des Lebens eher nebenbei getroffen:
Will man einmal viel Geld verdienen oder wenigstens ein bisschen Spaß auf der Arbeit? Will man schlau sein oder reicht es aus, nur so wirken? Ist am Ende beides überbewertet und man kann sich darauf beschränken, gut auszusehen?

Entscheidungen über Entscheidungen. Man kommt bei diesem Thema heutzutage nicht darum herum, die Vielzahl möglicher Alternativen zu erwähnen, die es einem erschweren, sich festzulegen. Nicht ganz von ungefähr ist „wir telefonieren später nochmal“ der gefühlt meistgehörte Satz. Jedes Jahr an Silvester spitzt sich die Furcht davor zu, eine vorschnelle Entscheidung zu treffen. Bloß nicht allzu früh festlegen, schließlich könnte sich noch eine attraktivere Festivität auftun.

Man ahnt es bereits: Glücklicher sind wir durch all diese Möglichkeiten nicht geworden. Die Auswahl lässt eine Entscheidung für eine Sache tendenziell mit dem Gefühl zurück, eine andere Entscheidung könnte besser gewesen sein. Das mag im Falle eines Joghurts noch keine großen Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Gefüge haben. Was das allerdings für eine Paar-Beziehung bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen.

Should I stay or should I go?

Wenn sich an einem ganz gewöhnlichen Tag nach fünf Minuten Arbeit die Frage Gehen oder Bleiben stellt, ist das, wie oben gesehen, bei weitem nicht die erste, unter Umständen aber eine der wichtigsten Fragen des Tages. Da es ein ganz gewöhnlicher Tag ist, wird es niemanden überraschen, dass ich am Ende bleibe, denn allzu oft könnte selbst ich mir eine Flucht nicht erlauben. Der Verstand hat sich dann gegenüber dem Bauch durchgesetzt. Beide Instanzen sind an einem gewöhnlichen Tag an solchen Entscheidungen beteiligt, haben allerdings Bewertungsmaßstäbe unterschiedlicher als die von Männern und Frauen. Der Kompromiss zwischen den beiden ist übrigens meistens: Man wird krank.

Das Zustandekommen dieses Beschäftigungsverhältnisses war ja seinerseits ebenfalls Resultat verschiedener Entscheidungen mit unterschiedlich ausgeprägter Beteiligung der Akteure Verstand und Gefühl gewesen.
Im Grunde lief zunächst alles ab wie immer: Ich hatte mich entschlossen, eine Bewerbung zu schreiben. Ein Jahr später hatten meine jetzigen Chefs dann beschlossen, dass die Zeit gekommen sei, mir zu antworten. Man traf sich, ging wieder auseinander, wenige Tage später stand die Entscheidung. Alles, was ich also noch zu tun hatte: Eine andere Firma um Aufhebung des Vertrages zu bitten, den ich tags zuvor mit ihr geschlossen hatte, weil ich nicht mit einer so raschen Entscheidung gerechnet hatte, man aber nicht immer in der glücklichen Situation ist, sich zurücklehnen und auf das Ende eines Entscheidungsprozesses warten zu können.

Zu meinem Glück wurde die Unübersichtlichkeit dieser Gemengelage nicht noch unnötig durch diffuse Gefühlsregungen vergrößert. Denn wenn man sich für die Stelle entscheidet, bei der man für weniger Wochenarbeitszeit mehr Geld erhält und noch dazu einen kürzeren Weg zum Betrieb hat, benötigt der Verstand keine besonders große Mühe, sich gegenüber dem Bauch durchzusetzen.

Nicht immer wird einem eine Entscheidung ähnlich leichtgemacht. „An den Scheidewegen des Lebens“, formulierte Charlie Chaplin einst treffsicher, „stehen keine Wegweiser.“ Das ist bedauerlich, da ich mich zur Zeit mit der Frage quäle, ob und in welchem Ausmaß es noch irgendjemandem einschließlich meiner selbst irgendetwas bringt, dass ich nach Feierabend und jedes zweite Wochenende für Dienstleistungen rund um Luftballons zur Verfügung stehe. Mein Sohn, für den ich an den anderen Wochenenden zur Verfügung stehe, liebt Luftballons wie ich. Wie lange er das noch tut, steht auf einem anderen Blatt. Gegenüber der Zeit von vor drei Jahren – damals war die Trennung relativ frisch – ist das Interesse jedenfalls inzwischen deutlich zugunsten der Spielekonsole gesunken. Ein seinerzeit zusätzliches Motiv, das Gewerbe aufrechtzuerhalten, war die zumindest theoretische Möglichkeit, irgendwo während meiner Einsätze Frauen kennenzulernen. Um aber als Ballonkünstler nicht nur einmal gebucht zu werden, konnte ich diesbezüglich auch wiederum nicht allzu offensiv agieren.

Inzwischen habe ich mein Repertoire an Freizeitaktivitäten erweitert, Frauen allerdings bis jetzt hier wie dort nicht kennengelernt. Aber: Auch wenn es nicht eilt, kann ich mich nicht mehr allzu lange vor einer Entscheidung drücken. Bloggen oder Ballonen? Für beides scheint die Zeit nicht auszureichen. Eine Nacht drüber zu schlafen, ist hier auch nicht die richtige Antwort. Jedenfalls hatte ich schon einige Nächte Zeit, ohne dass ich entscheidend weitergekommen wäre.

Nicht wenige Menschen erheben die Entscheidungsfindung in den Rang einer Kunst. Das würde zumindest die übermäßige Dauer mancher Entscheidungsprozesse erklären, auch wenn es so mit Sicherheit nicht gemeint war. Eine andere Meinung: Es gebe überhaupt keine richtigen oder falschen Entscheidungen, sondern nur kluge. Zwischen richtig und falsch entscheidet mangels Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, einzig die Zeit. Ich entscheide mich dafür, dieser Sichtweise zu folgen. Mehr kann ich jetzt und hier nicht tun.

Denn wüsste ich, was mich in der näheren Zukunft erwartet, könnte ich zum Beispiel auch besser darüber urteilen, ob dieser Blog hier nur eine kurzfristige Phase des Zeitvertreibs ist oder ob darüber hinaus auch eine Perspektive zu erwarten ist. Perspektive in diesem Sinn wären mehr Leser, wären Lesungen vor Publikum, wäre am Ende eventuell sogar sowas wie ein Taschengeld für meine Bemühungen, hier regelmäßig mittlere bis gute Texte abzuliefern.

Aber klar. Das sind Wünsche. Wünschen tut man sich ja so einiges. Unsterblichkeit zum Beispiel gehört in diese Kategorie. Im übertragenen Sinn natürlich. Also dadurch, dass man nach seinem Ableben etwas hinterlässt, das die Zeit überdauert. Biologisch betrachtet wäre Unsterblichkeit erstens langweilig und würde zweitens zeitlich trotzdem nicht reichen, Eintracht Frankfurt nochmal als Deutschen Meister zu erleben. Die bisher einzige Gelegenheit, das zu meinen Lebzeiten genießen zu können, wurde übrigens ausgerechnet durch eine Fehlentscheidung zunichte gemacht. Weil der Schiedsrichter in der entscheidenden Begegnung der Spielzeit 1992/92 das eindeutigste Foul der Fußballgeschichte nicht mit Strafstoß ahndete. Auch das gehört bei Entscheidungen dazu: Sich darüber im Klaren zu sein, dass sie sich später als ungünstig herausstellen kann, sie in jenem Moment aber trotzdem zu treffen. Der zuständige Spielleiter hat gleich im Anschluss bei näherer Betrachtung der Aufnahmen zugeben müssen, dass er verkehrt lag. Die Begrüßung war später meist alles andere als wohlwollend, wenn er Spiele der Eintracht pfiff, aber er hat deswegen – natürlich – nicht aufgehört, Schiedsrichter zu sein.

Immerhin hat er diesem Text zu einem Schlussgedanken verholfen, der da lautet:
Da in dem Moment, in dem eine Entscheidung getroffen wird, oft gute Gründe dafür existieren, exakt so und nicht anders zu handeln, ist man meistens schlecht beraten, es ein Leben lang zu bereuen, wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass andere Optionen besser gewesen wären. Das kostet bloß Energie.

Ich jedenfalls entschließe mich dazu, den Blogeintrag jetzt genau so zu veröffentlichen.

Es gibt viel zu tun…

Wenn in der Wohnung Würgegeräusche des Katers zu hören sind, ist zügiges Handeln gefragt. Es gilt zu vermeiden, dass der Hund mir zuvorkommt und an Ort und Stelle ist und, ausgehungert wie er nun einmal ist, das aufgewärmte Katzenfutter verschlingt, bevor ich auch nur die Chance habe, das Zeug wegzuwischen.

Wenn eine umgehende Reaktion auf diese charakteristischen Geräusche theoretisch möglich, aber strategisch ungünstig ist, weil man gerade in der Küche durch Ausbau der Spülmaschine eine mittlere Überschwemmung verursachte, hat man ein mittleres Problem. Wenn man exakt jetzt feststellt, dass man beide Hände an mehreren Stellen blutig hat, weil besagte Spülmaschine teils sehr scharfe Kanten hat, ist aus einem mittleren Problem ein großes geworden.

In solchen Situationen hilft kein Glaube an die eigene Multitasking-Fähigkeit, sondern nur eine schnelle Entscheidung, welche dieser drei misslichen Lagen am dringlichsten zu beseitigen ist. Und dass die Entscheidung, sich als erstes um das Erbrochene des Katers zu kümmern, sich hinterher als falsch erweist, hätte sowieso vorher klar sein müssen. Nicht dass der Hund eine vom Kater lecker zubereitete Mahlzeit dieses Mal nicht zu schätzen gewusst hätte – er hatte schlicht und ergreifend nicht mitbekommen, dass diese im Flur für ihn bereit liegt.

Ich war kurz davor, mir Betäubungsmittel zu besorgen, um die Situation besser in den Griff zu bekommen, erinnerte mich jedoch gerade noch rechtzeitig daran, dass Wochenende war und solche Probleme in Anbetracht des vollendeten Chaos´ auf der Arbeit im Prinzip lächerlich gering waren.

Auf der Arbeit ist man ja meistens zwischen allen Stühlen: Auf der einen Seite Bosse und Vorgesetzte als dem Personenkreis zugehörend, die an des Menschen Multitasking-Fähigkeit glauben. Dass es ein Mythos ist, hat man den meisten von ihnen nicht gesagt. Vielleicht wollten sie es aber auch nicht hören, als man es ihnen sagte. Auf der anderen Seite: Kollegen und Aushilfen, viel zu oft davon ausgehend, es werde schon nichts passieren, wenn man den neuesten Klatsch und Tratsch austauscht, während man sich an und für sich mit vollster Konzentration seiner aktuellen Aufgabe widmen soll.

Eine Studie aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass lediglich 2,5 % der Probanden in der Lage waren, mehrere Aufgaben gleichzeitig mindestens gleich schnell und bei bleibender Fehlerquote zu bewältigen. Das ist jeder Vierzigste. Wir sind im Betrieb weniger als 40 Leute. Damit ist auch geklärt, dass sich rein statistisch unter meinen Kollegen keins dieser Genies befindet. Das allein freilich ist keinem einzigen der Beteiligten zum Vorwurf zu machen. Vorzuwerfen ist ihnen allerdings ihr schwer vom Gegenteil zu überzeugende Glaube daran, sie könnten es doch.

Bis zum Beweis des Gegenteils bleibe ich deswegen dabei: Wenn jemand stolz darüber berichtet, dass er auf der Arbeit mehrere Dinge gleichzeitig erledigt, sind entweder die einzelnen Tasks nicht besonders anspruchsvoll oder der Multitasker befindet sich in der beneidenswerten Situation, dass Zeit keine allzu große Rolle spielt.

Selbst ein PC verliert Zeit, wenn er ständig zwischen einzelnen Tasks hin und her wechselt. Solange ein PC nämlich mit nur einem Prozessor ausgestattet war, bedeutete Multitasking nämlich mitnichten, dass die einzelnen Jobs parallel ausgeführt wurden. Im Gegensatz zum Mensch bildet sich ein Rechner nicht ein, dass das gut funktionieren würde und bearbeitet die Anwendungen schön abwechselnd. Das, immerhin, in einer Geschwindigkeit, welche die Illusion erzeugt, alles würde gleichzeitig ablaufen.

…packen wir´s an!

Wenn ich über PCs schreibe, meine ich übrigens ausdrücklich nicht dieses Relikt aus der Frühphase des Informationszeitalters, das ich als Arbeitswerkzeug zur Verfügung habe. Wenn ich mich an den Schreibtisch setze, ist das üblicherweise ein Moment zum Durchschnaufen. Auch ein Schwätzchen erlaube ich mir gern in den Minuten, in denen ich warte, bis eine bestimmte Anwendung geöffnet ist oder ich die nächste Aktion ausführen kann. „Wenn Dein Pferd tot ist, steig´ ab“, pflegt man zu sagen, wenn an Dingen festgehalten wird, die ihre besten Zeiten längst hinter sich gelassen haben. Die Leistung dieses Geräts ist eine Beleidigung für jeden echten PC. Doch letzten Endes kann man sich dieses Unvermögen genauso schönreden wie die Apologeten der menschlichen Multitasking-Fähigkeit die Ergebnisse ihres Handelns.

Es muss auch nicht zwangsläufig der Arbeitsalltag strapaziert werden, um die Tauglichkeit dieses Konzepts zu widerlegen. Allerorten sieht man Menschen an ihrer illusionierten Multitasking-Fähigkeit scheitern. Wer einmal während des Autofahrens telefoniert hat oder wenigstens jemand Anderen dabei beobachtet hat, ahnt, was ich damit meine. Wobei der Teufel auch hier natürlich im Detail steckt: Nicht immer ist der dürre Informationsgehalt mancher Telefongespräche darauf zurückzuführen, dass es sich angesichts des gleichzeitigen Führens eines Kraftfahrzeugs als schwierig gestaltet, das Gespräch etwas tiefgründiger zu führen. Eher liegt die Vermutung nahe, dass meistens auch ohne diese Mehrfachbelastung nur Müll geredet wird.

Multitasking ist auch nicht gleich Multitasking. Für eine vernünftige Antwort auf die Frage nach der Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig verkehrt zu machen, muss unbedingt die Qualität der einzelnen Jobs beachtet werden. Sprechen oder Essen während des Laufens ist unproblematisch. Lesen oder Essen während des Stuhlgangs, wie auch immer man dazu stehen mag, ist es auch. Ohnehin ist das Denken an Schokolade, Sex oder meinetwegen auch die Bundesliga-Tabelle eine Sache, die im Hintergrund wahrscheinlich tatsächlich ständig parallel zu anderen Tätigkeiten ausgeführt wird. Doch je komplexer die einzelnen Handlungen sind, umso problematischer wird es. Und zwar nicht nur, wie gezeigt, im Hinblick auf die Qualität des Ergebnisses oder auf die aufgewendete Zeit. So ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass die Vorstellung des Multitasking etwa zur gleichen Zeit in den allgemeinen Alltagsgebrauch eindrang wie das Phänomen des Burnout. Das parallele Bewältigen-Wollen mehrerer Tätigkeiten ist ein Zeugnis der heutigen Schnell-Schnell-Mentalität. Wenn Fachleute zu dem Schluss kommen, dass Multitasking keinen zivilisatorischen Fortschritt darstellt, könnte man einen solchen Einwand zur Abwechslung auch einmal ernst nehmen.

Stattdessen wird der Effizienzgedanke der Arbeitswelt in die Privatsphäre herübergeholt, tagsüber immer schön weiter alles auf einmal gemacht, und nach Feierabend gönnt man sich dann eine Meditation, um das Fokussieren auf eine einzelne Sache nicht völlig zu verlernen.

Wer der Ansicht ist, dieser Text hätte ein positiveres Ende verdient, nimmt dieses hier: Schön, wenn sich am Ende eines Beitrages folgende Erkenntnis durchsetzt: Die Kotzerei im Flur sowie die Jahrhundertflut und das Blutbad in der Küche – das alles ist nicht schön anzusehen. Gemessen an dem in den vorherigen Absätzen beschriebenen Gesamtzustand unserer Gesellschaft allerdings ohne Zweifel das kleinere Problem.

Hund, Katze, Maus

Das mache ich jetzt immer so. Wenn sich der Kater wieder einmal aufdringlich auf den Schreibtisch zwischen mich und die Tastatur legt, dabei gern betont lässig mit einem Teil seines Leibes auf meinen Unterarmen herumlümmelt, was mir ein geordnetes Tippen verunmöglicht, spiele ich ein Video mit Katzeninhalt ab und stelle den Ton an. Die ersten Katzenlaute, die aus den Lautsprechern kommen, veranlassen meinen Pauli nämlich, aufzustehen und hinter dem Monitor nachzusehen, wo seine Kollegen sich versteckt halten. Nicht fair. Aber das ist seine Methode, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, auch nicht.

Der Grund für sein Verhalten ist ja auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Ob er ein echtes Schmusebedürfnis hat, ist nämlich erst erkennbar, wenn ich mich in die Küche zu seinem Futternapf begebe. Dort stellt sich meistens recht schnell heraus, dass er keine Streicheleinheiten benötigt, sondern sich einfach nur bei mir einschleimen will, weil er am Verhungern ist. Sein Napf ist schließlich nur noch halbvoll. Weil der Kater aber auch nicht leben soll wie ein Hund, mache ich oft trotzdem frisches Futter in den Napf. In drei Viertel aller Fälle ereilt das Futter dann allerdings das gleiche Schicksal wie so ziemlich jedes Spielzeug oder Möbel, das man im Laufe eines Katzenlebens für den Stubentiger angeschafft hat: Es wird demonstrativ missachtet. Könnten Katzen sprechen, wäre ihre meist gestellte Frage: „Was soll ich mit dem Scheiß?“

Literweise Katzenmilch habe ich deswegen schon wegkippen müssen. Weil er stets so gern den Rest Milch aus meiner Müslischüssel schleckt, denke ich immer ´mal wieder: Wenn er es doch so gern mag.

Während Nicht-Katzenhalter sich bereits bei dem Geständnis angewidert abwenden, dass Muschi, Gizmo und Co. das selbe Geschirr benutzen wie ihre Menschen, reagiert der Katzenhalter auf Katers Vorlieben, indem extra etwas mehr Milch fürs Frühstück in die Schüssel kommt, damit hinterher für das Samtpfötchen mehr übrig bleibt.

Weil aber Katzenliebe nicht so weit gehen sollte, dass man dem grundsätzlich laktose-intoleranten Tier den bei Konsum größerer Mengen unvermeidbaren Dünnschiss bereitwillig hinterherwischt, ist das mit der Milch so eine Sache. Durchfall bei einer Katze ist nicht so tragisch wie bei einem Hund, weil sich das Klo wenigstens in der Wohnung befindet. Unangenehm für das Tier ist es trotzdem. Unappetitlich für den Mensch natürlich auch. Auch ohne Durchfall habe ich ja seit des Katers Einzug eine ungefähre Ahnung, woher die Redewendung „Scheiß´ die Wand an“ ursprünglich stammen könnte.

Also lieber laktosereduzierte Katzenmilch für einen Literpreis von 4 Euro gekauft, hingestellt und einen Tag später – natürlich unangetastet – ins Becken gegossen. Irgendwas hat Milch also, was Katzenmilch nicht hat. Oder umgekehrt.

Wer es nicht ohnehin schon wusste, merkt an dieser Stelle: Katzen sind seltsam. Was natürlich niemand so direkt über seine Katze sagen würde. Viel eher heißt es: Katzen sind eigensinnig. Während man beim menschlichen Partner keine Probleme damit hat, ihn als zickig zu bezeichnen, ist eine Katze niemals zickig. Die hat einfach nur ihren eigenen Kopf. Das erste Mal, dass mir das so richtig bewusst wurde, war bei folgender Begebenheit: Ich war gerade frisch bei meiner nunmehrigen Exgattin eingezogen, als wir einen Kater retten mussten, der einer ihrer Kolleginnen zu lästig geworden war. Es war nicht das letzte Tier, das wir vor irgendwas retten mussten, aber zu dieser Zeit hatten wir damit zwei Tiere: Eine Perserkatze so alt wie Methusalem und dieses Monster. Es begab sich, dass wir zu Bett gehen wollten, und zu diesem Zweck mussten die Katzen aus demselben. (Ich habe oben nicht behauptet, dass Geschirr das einzige ist, das man sich mit den Tieren zu teilen hat.) Also als erstes die Omakatze ´rausgetragen. Im Wohnzimmer abgesetzt, um den jungen Wilden abzuholen und mit ihm den gleichen Ortswechsel vorzunehmen. Auf dem Weg mit dem Kater heraus spazierte mir in der Tür zum Schlafzimmer die gerade erst dort heraus geholte Katze wieder entgegen, als wenn es das normalste von der Welt wäre. Da habe ich gemerkt, dass wir von Katzen in ihren Wohnungen im Prinzip nur geduldet werden.

Sitz! Platz! Bleib´!

Die alte Katze ist inzwischen lange Geschichte. Obwohl ich seinerzeit immer den Eindruck hatte, dass sie sich wahrscheinlich hin und wieder sorgt, was sie denn bloß machen soll, wenn wir alle, also meine damalige Gattin und ich, einmal nicht mehr sind. Zumindest hatte ich manchmal dieses Gefühl, dass sie sich diese Frage stellt, wenn ich sie auf ihrem Lieblingsplatz beobachtete, wie sie melancholisch in die Gegend blickte wie nur eine Katze melancholisch in die Gegend blicken kann. Neben der Einsicht, dass selbst die sieben Leben einer Katze irgendwann aufgebraucht sind, bleibt zweierlei:

Zum einen Oka, der eigentlich Feivel heißt, aber Speedy genannt wurde, bevor er von meiner seinerzeitigen Noch-Gattin gerettet wurde, weil er ansonsten ins Heim abgeschoben worden wäre. Das war drei Tage nachdem besagte Omakatze über die Regenbogenbrücke gegangen war. Ein West Highland Terrier. Für Hundeanfänger wie wir es waren, kann man sich fast keinen besseren Einstieg vorstellen. Zum anderen der bereits vorgestellte Pauli.

Letzterer, obwohl heute nicht mehr so jung und auch nicht mehr so wild, kann etwas, das der Hund nicht kann, man von diesem aber eher erwarten würde: Apportieren.

Zugegeben – eigentlich apportiert er nur Kronkorken. Das aber so ausdauernd wie kein zweiter. Er legt mir einen vor die Füße und wartet darauf, dass ich ihn werfe. Wenn ich den Flaschenverschluss in die Ecke gepfeffert habe, wird hinterhergehechtet und das Spielgerät ein paarmal mit der Pfote durch die Gegend gedroschen. Nach einer halben Minute merkt er dann, dass das Spiel auf diese Weise sehr einseitig ist. Also ab in den Mund damit und seinem Zweibeiner vor die Füße gelegt und zur nächsten Runde Werfen aufgefordert.

Der Hund dagegen: Ich habe ihm extra einen Snack Dummy gekauft, um mit ihm das Apportieren zu trainieren. Einen Snack Dummy kann man sich so vorstellen wie eines dieser Schlampermäppchen, nur dass sich darin statt Stiften und anderer Schreibutensilien eben Futter befindet. Wenn der Hund das Teil artig zu seinem Menschen gebracht hat, bekommt er von ihm Futter aus ebendiesem Behältnis. Nachdem ich mich über einen Zeitraum der Länge eines Arbeitstages in allen Hundeforen, die es online gibt, über richtige und falsche Vorgehensweisen aufklären lassen habe, konnten wir dann auch relativ spontan ins Training einsteigen. Das erste Erfolgserlebnis ließ auch nicht lange auf sich warten. Denn als ich den prall gefüllten Beutel durchs den Flur warf, ist Oka umgehend hinterhergewetzt und hat das Mäppchen sogleich lehrbuchmäßig mit seinem Fang aufgenommen. Kein schlechter Start. Alsdann schaute er mich an und wartete, was als nächstes passieren würde. Da ich gelesen hatte, dass man schon euphorisch Party machen soll, wenn der Hund bis zu diesem Punkt alles richtig macht, habe ich ihn angefeuert wie ich selbst meinen favorisierten Fußballverein höchstens am letzten Spieltag 1999 angefeuert habe, als es um Alles oder Nichts ging. Voller freudiger Erregung ließ Oka daraufhin den Snack Dummy auf der Stelle fallen und eilte ohne das Säckchen zu mir.

Süß! Böse sein konnte ich ihm deswegen jedenfalls nicht. Aber es entsprach eben nicht ganz dem Trainigseffekt, den ich mir erhofft hatte.

Immerhin: Andere berichteten davon, dass ihr Hund es gelernt hat, den Reißverschluss des Apportierspielzeugs selbst zu öffnen, was auch nicht im Sinne des Erfinders gewesen sein dürfte.

Ich verbrachte anschließend noch einen weiteren Arbeitstag lang vor dem Rechner, um die Internet-Foren und Hunderatgeberseiten erfolglos nach einer Lösung für mein Problem zu durchsuchen. Danach war dann klar, dass der Hund das in diesem Leben nicht mehr lernen würde und sämtliche meiner Bemühungen für die Katz´ gewesen waren. Der Snack Dummy fand einen Platz in dem Schrank, wo das ganze niemals benutzte Katzenzubehör aufbewahrt wird. Immerhin habe ich ja noch einen Kater, der apportieren kann.

Wir müssen das oben bereits angeführte Kernproblem nochmal thematisieren, dass die meisten Hunde und Katzen älter werden als eine durchschnittliche Beziehung hält. (Die normalerweise lebenslange Beziehung zum favorisierten Fußballklub soll hier nicht als Beziehung in diesem Sinne verstanden werden.) Wahrscheinlich ist die Anzahl der Kreaturen, die wegen eines Wechsels des Beziehungsstatus´ ihres Menschen ihrerseits den Besitzer wechseln müssen, ähnlich hoch wie die derjenigen, bei denen die Ausdauer ihrer Halter für ein Tier einfach nicht gereicht hat. Speziell Katzen ziehen ein, wenn sich speziell eine Frau darauf einstellt, für eine gewisse Dauer ohne festen Partner zu verbringen. Katzen ziehen aus, wenn man es sich anders überlegt hat, der neue Partner aber nicht unbedingt glücklich mit dem Streichelzoo ist und sich als Endgegner entpuppt, gegen den selbst eine sonst mit allen Wassern gewaschene Katze nur tragisch verlieren kann.

Katzen sind demnach perfekte Gefährten für Singles, die das auch bleiben wollen oder an diesem Zustand aus anderen Gründen nichts ändern können. Sie sind verschmust, machen aber bei weitem nicht so viel Aufriss wie ein Hund oder ein Partner, wenn man ´mal feiern war oder länger arbeiten musste und relativ spät nach Hause kommt. Beide, Hunde wie Partner, sind ja offenbar allein nicht überlebensfähig. Nur dass es beim Hund als Rudeltier eben stimmt. Das alles wiederum macht einen Hundehalter für eine Partnerschaft schwer vermittelbar. Im Prinzip maximal für einen Partner, der ebenfalls einen Hund hat. Eine nächste Hürde könnte sein: Beide haben Hunde, die sich allerdings nicht vertragen. Auch keine gute Grundlage für eine sich anbahnende Beziehung. Das ist der Treppenwitz daran, dass mir die Tiere bei der Trennung mit der Begründung überlassen wurden, damit ich nicht so allein bin.

Ich habe aus diesem Grund auch beschlossen, mir keinen Ersatz zu beschaffen, wenn diese beiden dereinst in die Ewigkeit abberufen werden. Auch keine zusätzlichen Tiere bis dahin. Lieber eine menschliche Partnerin zur Abwechslung.

Vorausgesetzt, sie kann apportieren.

Weiterhin vorausgesetzt, dass nirgendwo in meinem Umfeld wieder irgendein Tier gerettet werden muss.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén