Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Monat: September 2018

Wimmelbilder

Am Ende will es wieder keiner gewesen sein. So wie in den Jahren 1985 und 1986, als es einer Band wie Modern Talking gelang, mit fünf Singles hintereinander Platz Eins der deutschen Charts zu erklimmen, obwohl sich eigentlich nirgends jemand dazu bekannte, die Musik so gut zu finden, dass er sich einen dieser Tonträger zugelegt hätte. Diesem Phänomen nicht ganz unähnlich liest und hört man heute massenhaft davon, dass beinahe jede Frau schon mindestens einmal ein Foto eines männlichen primären Geschlechtsmerkmals via elektronischer Post erhalten hat. Im Gegensatz zur Masse der empfangenen Bilder findet man jedoch auf Versender-Seite so gut wie niemanden, der zuzugeben bereit ist, schon einmal auf solch eigenartige Weise um Aufmerksamkeit geworben zu haben.

Jetzt war das menschliche Balzverhalten natürlich noch zu keiner Zeit eine Sphäre ausgeprägt rationaler Verhaltensweisen gewesen. (Sehr zu meinem Leidwesen übrigens, doch das tut hier ausnahmsweise nichts zur Sache.) Das Zurschaustellen des Genitals setzt dem Ganzen jedoch vorläufig die Krone auf. Es mag bei einigen Affenarten Usus sein, die Paarungsbereitschaft durch Präsentieren des Pinsels zu signalisieren. Aber – bei allem Respekt – das sind halt auch Affen. Unter Menschen käme ich auf die Idee erst gar nicht, das als angemessenes Mittel der Brautwerbung in Betracht zu ziehen. So sehr ich mir manchmal ein klein wenig mehr Klartext bei der Beziehungsanbahnung auch wünschte.

Da wie gesagt der Vielzahl der Pimmelbilder nur sehr wenige bekennende Urheber gegenüberstehen, ist die Frage nicht ganz einfach zu klären, was sich Männer dabei denken, wenn sie ein Foto ihres Gemächts in Umlauf bringen. Eine der naheliegendsten Antworten lautet: Nichts. Nicht mehr, dafür auch nicht weniger. Simpel, aber zutreffend. Nichts.

Wie auch? Wenn der Blutkreislauf plötzlich dahingehend beeinträchtigt ist, dass alle Kräfte gebündelt werden, Regionen unterhalb der Gürtellinie zu versorgen, kann man kaum erwarten, dass die Blutzufuhr ins Hirn bei gleichbleibender Qualität gewährleistet bleibt. Und also kann man von einem Mann auch kaum erwarten, dass sich über solche Nebensächlichkeiten noch Gedanken gemacht werden. Ich weiß nicht, ob auch das eventuell schon zu viel erwartet ist, aber über grundsätzliche Fragen, wo Grenzen liegen, könnte man sich ja auch vorher einmal in einer ruhigen Minute Gedanken machen, dann würde es nicht zu solchen Aussetzern kommen, wenn das Hirn zugunsten des Schwanzes unterversorgt ist.

Mein Erkenntnisinteresse zwingt mich dazu, weiter nachzubohren: Männer! Was glaubt Ihr damit zu erreichen? Liebe auf den ersten Blick wohl tendenziell weniger. Ihr befindet Euch gerade in der Kennenlernphase und denkt irgendwann „Jetzt gehe ich aufs Ganze“ und schickt dann so etwas ab? Und wundert Euch, dass Ihr eine verstörte Frau hinterlasst, die eventuell bis exakt zu dieser Nachricht noch dachte: Eigentlich ist er ja ganz in Ordnung. Wenn´s das ist, dann Hut ab! Ihr habt´s wohl verkackt.

Blöderweise ist das Versenden solcher Bilder, selbst wenn der abgebildete Dödel nicht der eigene sein sollte, nicht nur kontraproduktiv und also äußerst dumm, sondern bis auf wenige unrühmliche Ausnahmen auch eine Grenzüberschreitung.

Ein Pimmelbild als kleine Aufmerksamkeit ähnlich einer harmlosen Gute-Nacht-Textnachricht – wer nicht wenigstens für eine Nanosekunde darüber nachdenkt, wie das beim Gegenüber ankommen könnte, sollte ob dieses grandiosen Einfühlungsvermögens eigentlich nicht wirklich damit rechnen dürfen, das Interesse auch nur irgendeiner Frau zu generieren.

Hol´ schon ´mal die Gurken..!“

Umso entsetzter war ich, als ich lesen musste, dass in einigen wenigen Fällen der Chat damit nicht beendet war, sondern sich teils noch einige Wochen munter weiter hin- und hergeschrieben wurde. Sicher darf es Unterschiede in der Grenzziehung geben, die Anschlussfrage lautet aber: Wie zum Teufel geht man nach so einer Offenbarung wieder zur Tagesordnung über? Etwa „Ich weiß zwar nicht, wie ich gerade jetzt darauf komme, aber ich muss für den Salat noch Gurken hobeln“?

Die bisher nur als dürftig zu bezeichnenden Erklärungsversuche werden derweil auch nicht besser. So trifft man zum Beispiel immer wieder auf Erklärungsversuche wie diesen hier: Weil Männer sich ja auch gern Brüste und anderes von Frauen gern ansehen, glauben sie, Frauen würden sich umgekehrt über Penisfotos freuen. Das klingt plausibel. Wenigstens für diejenigen erwachsenen Männer, die ihr bisheriges Leben auf einer einsamen Insel verbracht haben. Alle anderen sollten im Laufe ihres Lebens zumindest den Hauch einer Ahnung davon erhalten haben, dass dem nicht so ist.

In einer weiteren Variante nicht zustande kommender Beziehungen wird die von der Angebeteten nicht oder nicht mehr erhaltene Aufmerksamkeit als weiteres Motiv gehandelt. Man kennt das ja: Nach Wochen unerwiderter Sympathie ein Foto des besten Stücks geschickt, und umgehend meldet sich die Adressatin: „Oh, warum schickst Du das nicht gleich?! Lass´ uns treffen..!“

Ich hoffe eindringlich, und zwar für alle Beteiligten sowie für die Aufrechterhaltung meines Weltbildes, dass das auf diese Weise nicht funktioniert. Auch wenn es die Angelegenheit keineswegs besser macht, wenn die Dinger in dieser Situation aus purem Trotz abgeschickt werden, ist mir jedes Motiv sympathischer als die Erwartung, sie dadurch am Ende doch noch für sich gewinnen zu können.

Halten wir fest: Ursache für das Versenden eines Pimmelbildes können unterschiedliche Motivlagen sein, deren gemeinsame Ausgangssituation von einem Sexualpsychologen sehr treffend wie folgt zusammengefasst wurden: „Es handelt sich (…) um eine Art Unfähigkeit, einen Kennenlernen-Prozess einvernehmlich so weit zu gestalten, bis die Frage nach einem Penis womöglich von selbst aufkommt.“

Nachdem das also geklärt ist, können wir uns der Frage zuwenden, welches Fotomotiv denn stattdessen tatsächlich geeignet sein könnte, Frauen nachhaltig zu beeindrucken.

Fakt ist nämlich auch, dass Bilder von mir vor meinem Bücherregal die Frauen bislang tendenziell genauso wenig angetörnt haben.

Es könnte natürlich auch sein, dass es bloß noch keine zugegeben hat.

Wer weiß das schon so genau..?!

Der Kult-Text

Einmal abgesehen davon, dass ständiges Jammern sich ungünstig auf die Lebenserwartung auswirken kann, hat der Umstand, dass ich kaum noch weggehe, unter Leute komme und irgendwohin eingeladen werde, auch positive Begleiterscheinungen, die meines Erachtens noch viel zu selten gewürdigt werden:

Man verpasst ja nicht nur die tollen Momente mit inspirierenden Menschen, sondern mindestens ebenso viele zeitraubende Gespräche mit anstrengenden Zeitgenossen und Situationen, über die man hinterher sagt: Da hätte ich gern drauf verzichtet. Spätestens wenn sich in einer Clique von midlife-crisis-geplagten Männern der eigenen geistigen Zulänglichkeit versichert wird, indem zum Vergleich kompromittierende Zitate von Profi-Fußballern zum Besten gegeben werden, ist ja meistens sowieso schon der Punkt erreicht, ab dem man sich die Frage stellt, ob es schon Zeit zum Gehen ist.

Nicht dass ich überhaupt niemals an solchen Runden teilgenommen hätte. Wenn man Sprüche wie „Ich habe es mir sehr genau überlegt und dann spontan zugesagt“ zum ersten Mal hört, sind viele davon ja auch eine Offenbarung. Im Prinzip aus dem gleichen Grund, weshalb gute (!) Comedians regelmäßig neue Gags entwickeln, krame ich allerdings seit mindestens 20 Jahren höchstens noch in Ausnahmefällen ein passendes Zitat ´raus. Wenn man ausdrücken möchte, dass man sich noch nicht entschieden hat, kann der Klassiker „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien“ als Antwort auf die Frage nach den diesjährigen Urlaubsplänen durchaus noch zitierfähig sein. Wenn das Gespräch sich danach um Fußballerweisheiten und nicht mehr um Urlaub dreht, muss man jedoch davon ausgehen, dass es einer der Beteiligten nicht begriffen hat. Dann wird es auch nicht lange dauern, bis einer aus dieser heiteren Runde das Wort „Kult“ in den Mund nimmt.

Die allzu sorglose Verwendung dieses Begriffs zu beklagen, ist natürlich in etwa so originell wie das Zitieren von Fußballersprüchen. Weil „Kult“ allerdings in der Liga der nervigsten Ausdrücke immer noch Jahr für Jahr um den ersten Platz mitspielt, ist die Erneuerung der Kritik nach wie vor aktuell. Drei Minuten „Recherche“: Die News-Seite einer bekannten Suchmaschine listet unter dem Stichwort „Kult“ am 22. September 2018 Schlagzeilen unter anderem zu folgenden Themen: Kult-Rockband, Kult-Konsole, Kult-Auto, Kult-Filme, Kult-Kneipe, Kult-Drinks, Kult-Serie, Kult-Kiosk, Kult-Karussell oder Kult-Konferenz. Der Begriff wird verwendet in so unterschiedlichen Zusammenhängen wie dem früheren Fußballtrainer Dragoslav Stepanovic, der Currywurst, den Simpsons, Altona 93, einer Friseurin, einer Scheune, einem Stadionsprecher sowie diversen Veranstaltungen, die über lokale Relevanz nicht hinausreichen. Alles, was mehr als zwei Leute länger als zwei Tage fasziniert, ist Kult. Ganz offensichtlich ist nichts denkbar, das sich nicht dazu eignet, als „Kult“ geadelt zu werden. Selbst Produkte, die gerade erst in den Markt dringen und also noch nicht einmal von irgendjemandem vermisst werden können, sind schon Kult. Keine Spur davon, dass sich dieses Ungetüm an Wort seit inzwischen bestimmt 30 Jahren abnutzt.

Wenn man masochistisch genug veranlagt ist, sich eine Folge der Comedy-Spielshow „Für immer Kult“ anzusehen, stellt man sehr bald fest, dass dort so gut wie alles, was zwischen 1970 und 1999 bekannt war, nostalgisch verklärt zum Kult überhöht wird. Mit dieser Gleichsetzung von Retro und Kult ist die Beliebigkeit, die den Begriff ohnehin schon umgibt, in nochmals neue Dimensionen vorgestoßen. Wenn aber alles Kult ist, das aber im Grunde genommen rein gar nichts mehr aussagt, verstehe ich nicht ganz, wieso überhaupt noch alles Kult sein will.

Ein selbst ernannter Kultreporter blamiert sich bei RTLs „Supertalent“. Nicht dass die Sendung in irgendeiner Weise als Maßstab für Qualität bekannt wäre, aber wer nicht einen Satz geradeaus sprechen kann, wird mit Recht auch beim dritten Anlauf verrissen. Wer sich selbst als Kult bezeichnet, kann sowieso schon nicht alle Tassen im Schrank haben. Wenn dazu weder an der Persönlichkeit noch am Auftreten irgendetwas zu erkennen ist, das die Verwendung der Bezeichnung „Kult“ objektiv rechtfertigen würde, kommt man natürlich ins Grübeln über den Zustand unserer Gesellschaft im allgemeinen sowie darüber, woher solche Leute ihr Sendungsbewusstsein nehmen, im speziellen. Dass der Kandidat aus Offenbach kommt, macht das alles nicht besser. Hier in Offenbach bekommt auch der chronisch unterfinanzierte Fußball-Viertligist mangels anderer vorzeigbarer Eigenschaften den Stempel „Kult“. Man muss dem Verein und speziell seinen Fans natürlich zugute halten, dass hier einiges kreiert wird, das diese Bezeichnung durchaus eher rechtfertigt als bei einer x-beliebigen Biermarke. Aber wenn eine Kreativ-Agentur sich Gedanken macht und dann den komplett unkreativen Slogan „Kult sind wir“ präsentiert, lässt das tief blicken.

Falls also irgendwann einmal in Zusammenhang mit dem Meilensteinbildhauer das Wort Kult fallen sollte, hoffe ich inständig, mindestens einer meiner wenigen Freunde möge mich bei den selten gewordenen Gelegenheiten, Zeit miteinander zu verbringen, daran erinnern, dass eine solche Titulierung keine Ehrerbietung ist, sondern der Anfang vom Ende.

Tagebuch einer nicht nennenswert charismatischen Person

„Lassen Sie Ihre Persönlichkeit leuchten“, „Schritt für Schritt in 30 Tagen eine umwerfende Ausstrahlung entwickeln“ oder „9 Schlüssel, die Dir alle Türen öffnen“. Wenn wir Wahlwerbung als Sonderform der Reklame einmal bewusst ausklammern, ist der Markt der Persönlichkeitsentwickler mutmaßlich der Bereich mit den kühnsten Versprechungen. Das Missverhältnis zwischen vollmundigen Ankündigungen und tatsächlichen Erfolgen ändert allerdings nichts an meiner grundsätzlichen Empfänglichkeit für einige solcher Inhalte. Weshalb es auch nur eine Frage der Zeit gewesen ist, bis ich wieder einmal einen Selbstversuch starte.

Da mir eine ad hoc durchgeführte repräsentative Selbstbefragung keinen vernünftigen Grund lieferte, der gegen ein Mehr an charismatischer Ausstrahlung spricht, war das Übungs-Design verhältnismäßig schnell abgesteckt: „Menschen mit Charisma gehen mit Komplimenten verschwenderisch um.“ Konkret: Kann ja nicht so schwer sein, zunächst wenigstens ´mal einen Tag lang auszutesten, inwiefern ich mich abends als ein besserer Mensch fühle, nachdem ich tagsüber meine mitunter teils groben Kommentare gezielt durch kontrolliertes Aussprechen anerkennender Worte ersetzt habe.

Wie sehr ich den Schwierigkeitsgrad dieser Versuchsanordnung unterschätzt habe, konnte ich vorher nicht ahnen.

Doch der Reihe nach: Da ich mir selbst gegenüber sowieso meistens nur lobende Worte finde, beginnt der Tag in diesem Sinn mit dem ersten Heraustreten auf den Hof. Die nicht schließende Haustür erinnert mich daran, dass ich meinem Vermieter eigentlich viel zu selten mitteile, wie aufopfernd er sich permanent um den Zustand seiner bescheidenen Hütte kümmert.

Bevor ich zur Tat schreiten kann, muss ich mich mit einem Nachbarn auseinandersetzen, der wieder irgendeine sagenhafte Story zum Besten gibt, wen er wieder aus welchem eigentlich nichtigen Grund geboxt hat oder was er früher eigentlich alles erfolgreich gemacht hat. Geschichten dieser Art erzählt er jedes Mal, aber es ist irgendwie noch zu früh, um angemessen im Sinne meines selbstauferlegten Programms zu reagieren. Jedoch: Erste und für den Tag bestimmt nicht die letzten Gedanken, das Ganze einfach abzubrechen und zu tun, als wäre nie etwas gewesen, sind bereits jetzt vorhanden.

Im weiteren Verlauf der ersten Hunderunde taue ich langsam auf. Der Wagen eines Servicepartners der Deutschen Post hat es mir angetan. Ein sichtbar ramponiertes Auto ist nach meiner Beobachtung offenbar entscheidendes Kriterium, um im Auftrag der Deutschen Post die Briefkästen leerenzu dürfen. „Coole Karre“ murmele ich im Vorbeigehen, noch etwas zurückhaltend, aber ein Anfang ist gemacht.

Jetzt habe ich Blut geleckt: Die zuverlässig übel gelaunte Kassiererin im gegenüber gelegenen Rewe bekommt heute endlich einmal mitgeteilt, dass ich ihr am liebsten den ganzen Tag bei der Arbeit zusehen würde. Nur wenig später, ich befinde mich inzwischen im Auto, erhalte ich die nächste Gelegenheit, zu beweisen, wie charismatisch ich bin: Als ein anderes Fahrzeug mir ohne überhaupt zu gucken die Vorfahrt nimmt, um danach ohne große Eile vor mir her zu tuckern, hupe ich etwa zehn Sekunden lang, um auf die Anwesenheit weiterer Verkehrsteilnehmer aufmerksam zu machen. Ich kurbele die Scheibe ´runter und will gerade den Mittelfinger recken, bevor mir gerade rechtzeitig noch einfällt, dass das nicht richtig wäre. Ich hebe stattdessen meinen Daumen, nicke ihm anerkennend zu und rufe ihm ein paar warme Worte bezüglich seiner umsichtigen Fahrweise zu.

Das war gut, muss ich mich zwischendurch auch ´mal selbst loben. So kann es weitergehen. Zum Glück bin ich bald auf der Arbeit, wo sich erfahrungsgemäß massenweise Gelegenheiten bieten, im Sinne meines Experiments initiativ zu werden.

Überraschend positives Zwischenfazit

Einer der Kollegen kommt wie immer zu spät. Beiläufig erwähne ich seine Konsequenz, sich auch durch gutes Zureden von Vorgesetzten nicht von dieser Gewohnheit abbringen zu lassen. Ich merke, wie das Programm langsam auf Touren kommt. Eine weitere Aushilfskraft bekommt von mir gesagt, was ich schon eine ganze Weile loswerden wollte. Dass ich nämlich seine Art, mit einer Hand in der Hosentasche durch den Kommissioniergang zu schlendern, für außerordentlich lässig halte.

Ich komme in Fahrt. Zwar spüre ich auch, wie schwer es noch fällt, angesichts eines weißen T-Shirts keinen gehässigen Kommentar abzulassen, wenn die Bestellung eigentlich ein schwarzes verlangt. Aber es fühlt sich plötzlich so richtig an, dem hierfür verantwortlichen Kollegen eben nicht die zwei falsch kommissionierten Teile vorzuwerfen, sondern ihm stattdessen die Mitteilung machen zu dürfen: „Vier richtige von sechs Stück insgesamt sind ein verdammt guter Wert!“

Habe ich das eben wirklich gesagt? Ich muss langsam aufpassen, dass meine garantiert ernst gemeinten Komplimente nicht als ironisch aufgefasst werden. Vielleicht muss ich auch aufpassen, dass ich selbst die beiden Dinge nicht verwechsle. Die Grenzen sind jedenfalls fließend. Dafür steht eines allemal fest: Ich darf auf keinen Fall vergessen, heute noch den Bossen für ihre in zwei oder drei Fällen fürwahr gelungenen Personalentscheidungen zu gratulieren.

Allmählich wünsche ich mir, ich würde auch ab und zu ´mal so nette Sachen gesagt bekommen wie ich heute austeile. Aber mir ist natürlich klar, dass nicht jeder so charismatisch sein kann wie ich. Ist ja auch ein langer und steiniger Weg gewesen bis zu dem Punkt, an dem ich diesbezüglich heute stehe.

Ohne weitere erwähnenswerte Möglichkeiten, meine frisch erworbenen Fähigkeiten weiter zu verfeinern, geht der Arbeitstag zu Ende. Der Selbstversuch freilich ist mit dem Feierabend noch lange nicht zu Ende. Anerkennung wird in der modernen Zeit bekanntlich bevorzugt ausgedrückt, indem noch die irrelevantesten Regungen auf Facebook wohlwollend beachtet werden. Also klicke ich was das Zeug hält. Nicht nur bei den Sachen, die mir wirklich gefallen. Der Typ, mit dem mich außer der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Singlegruppe nichts verbindet, postet sein obligatorisches Foto von einem Glas Whisky. Gefällt mir. An anderer Stelle wird ein x-beliebiger Sinnspruch mit dem Kommentar „Wie war“ geteilt. Gefällt mir ebenfalls. Ich schreibe drunter: Endlich ´mal jemand, der ´wahr´ korrekt schreibt!“ Auch das tägliche „War beim Training und bin erschöpft aber glücklich“ einiger Zeitgenossen bekommt heute ein „Like“ von mir. Der nächste bekennt sich dazu, gerade das „Beste“ aus 15 Jahren „Frauentausch“ im TV zu sehen. Das Unterlassen eines Kommentars, dass es offenbar noch trostlosere Leben als meines gibt, muss an dieser Stelle Lob genug sein. Überhaupt muss es für heute reichen!

Im Bett rekapituliere ich den Tag. So richtig charismatisch fühlt man sich kurz vor dem Einschlafen keineswegs. Was aber auch daran liegen kann, dass – wenn ich ehrlich bin – ich heute nicht unbedingt immer ehrlich gewesen bin. Vielleicht bin ich einfach noch nicht bereit fürs Loben. Vielleicht ist auch mein Umfeld noch nicht bereit dazu. Alles eine Frage der Sichtweise.

Ich erinnere mich an den in diesem Zusammenhang nicht ganz unerheblichen Nachsatz: Wenn man nichts Lobenswertes findet, ist es besser, nichts zu sagen als etwas Unaufrichtiges zu sagen

Wer sich schon einmal gefragt hat, weshalb ich zu den eher ruhigeren Menschen gehöre, findet vielleicht exakt an dieser Stelle Antworten.

Kein Mann für alle Fälle

Wenn man von einer geschätzten Bekannten gesagt bekommt, Männer wie ich hätten unter Umständen vergessen, wie man offen auf Menschen jeglichen Geschlechts oder Alters zugeht, reagieren Männer wie ich üblicherweise, indem sie eine Woche darüber grübeln. Es könnte ja etwas Wahres dran sein. Nicht unbedingt entsteht daraus gleich ein Text, schon gar nicht zwangsläufig ein guter. Aber man kann erwarten, dass ein Ergebnis dabei herauskommt, wenn man sich eine Woche lang damit beschäftigt. Ein Fazit, das in diesem Fall etwa wie folgt lautet: Das ist nicht ganz richtig. Ich bin gar nicht so geworden.
Ich war schon immer so.

Selbstredend kommt dazu, dass ich im Laufe der Jahre einer Reihe von Menschen jeglichen Alters und Geschlechts begegnet bin, bei denen ich in der Tat in keinster Weise das Bedürfnis hatte, offen auf sie zuzugehen. Und dass sich, weil solche Menschen die beeindruckende Mehrheit stellen, das auf meine diesbezüglichen skills mutmaßlich nicht gerade fördernd ausgewirkt hat. So weit, so wenig diskussionswürdig.

Auf Menschen eines bestimmten Geschlechts bezogen kommt mir dabei auch nicht direkt entgegen, dass Männer wie ich, also optisch eher durchschnittlich oder knapp darunter ausgestattet, mit jedwedem Gesprächsangebot eher abwehrende Reaktionen bei eben jenem Geschlecht hervorrufen. Es gibt aber Männer, die sind nicht wie ich. Die modellieren keine Luftballons, sondern schrauben an ihren Motorrädern und ihren Helicoptern. Und nach dem Schrauben fahren und fliegen sie damit herum, um allen zu zeigen, woran sie gebastelt haben. Oder sie machen sie einen möglichst trendigen Sport, derweil ich während Spaziergängen und Hunderunden gedanklich an meinen Texten arbeite. Und obwohl oder weil die anderen Männer so cool sind, sehen sie auf Fotos stets aus, als hätte man sie gegen ihren Willen fotografiert. Und das fehlende Lächeln auf den Fotos oder von Angesicht zu Angesicht oder die Motorräder oder die Schrauberei daran oder irgendwas sonst scheint unwahrscheinlich männlich anziehend zu sein. Denn jedenfalls bricht bei denen ein „Na“ oder „Hi“ durchaus das Eis selbst bei Frauen, die gern für sich reklamieren, doch bitte auf keinen Fall auf irgendwie plumpe Art und Weise kontaktiert zu werden. Wer also will es mir verdenken, wenn ich nicht offen auf Menschen zugehe? Mit Logik jedenfalls ist dieser Problematik nicht beizukommen; wie in vielen anderen Bereichen gesellschaftlichen Zusammenlebens geht es eher um Emotionen denn um Stringenz. Auch wenn – natürlich – nicht alle so sind, sondern nur eine überwältigende Mehrheit, schränkt das die Auswahl dummerweise stark ein.

Dabei schneidet das Single-Dasein im direkten Vergleich mit einer Zweierbeziehung gar nicht ´mal so schlecht ab. Wäre da nicht diese eine Sache, die zu zweit definitiv mehr Spaß macht, eigentlich auch nur zu zweit wirklich Sinn macht – man müsste sich wirklich gut überlegen, ob man überhaupt wieder eine Partnerschaft eingeht. Aber zum Heiraten gehören schon zwei, finde nicht nur ich. Und genau das habe ich vor.
Weil nämlich nur wenig andere Anlässe so viele Freunde zusammenbringen. Und sei es nur, weil sie sehen wollen, ob man es wirklich macht. Bei einer Beerdigung kommen auch viele Freunde zusammen, höre ich da einige einwenden, und da geht es eher weniger darum, zu sehen, ob man es wirklich tut. Aber a) hat man selbst meistens nicht mehr so viel von dieser netten Zusammenkunft und b) hat sich, wenn man das Ereignis zu lange hinauszögert, der Freundeskreis bis dahin schon arg dezimiert, weil andere einem schlicht zuvorgekommen sind.
Jetzt ist eine ausartende Party natürlich kein Motiv, das in der Liste der möglichen Beweggründe, sich das Ja-Wort zu geben, besonders weit oben steht. Um wie viel romantischer ist da natürlich das Bekenntnis jedes sechsten Deutschen zu den steuerlichen Vorteilen als Grund für den Bund fürs Leben? Weswegen ich gern noch einen weiteren Grund nachschiebe:

Sportlicher Ehrgeiz

Wenn man so will, hat meine Exgattin mit ihrer in diesem Jahr stattgefundenen Hochzeit den Spielstand auf 2:1 erhöht. Zwar gelte ich als guter Verlierer, aber damit kann nicht gemeint sein, nicht wenigstens zu versuchen, auf den Ausgleich zu drängen.

Ich kann mir vorstellen, dass nach allem, was hier heute geschrieben steht (und der Text geht ja noch weiter), potentielle Partnerinnen erst recht nicht mehr Schlange stehen, aber um alle Beteiligten zu beruhigen: Dafür ist auch noch etwas Zeit. Da ich im Jahr 2022 meinen 50. Geburtstag feiern werde, sofern das Schicksal keine anderen Pläne mit mir hat, wäre es ein sympathischer Gedanke, im selben Jahr einen weiteren Meilenstein zu setzen.
Jetzt werden sich einige fragen: 2022 ist noch so lange hin, warum sucht der denn jetzt schon? Berechtigte Frage. Ich dachte mir, man könnte die Zeit bis dahin eventuell nutzen, um zu sehen, ob man tatsächlich zueinander passt. Gegebenenfalls könnte man noch umschwenken.
Zweiter Grund: Da ich mit den Planungen dafür alsbald beginnen möchte, sollte der zweiten Hauptperson bei diesem Ereignis eine gewisse Chance eingeräumt werden, mitzubestimmen, was an diesem Tag geschehen wird. In jedem Fall aber kann man bei solchen Angelegenheiten gar nicht früh genug mit den Planungen beginnen.

Gut, ich habe vor etwa fünfzehn Jahren auch ´mal vorsorglich angefangen, die Meisterfeier für den Fußballverein meines Herzens im Jahre 2009 zu planen, weil ich der festen Überzeugung gewesen bin, alle 50 Jahre einmal Deutscher Meister zu werden, wäre bestimmt nicht zu viel von ihm verlangt. Also losgelegt. Die Feier wurde standesgemäß als Mischung aus Heiliger Messe und Chaostagen konzipiert. Das kann man wirklich nicht früh genug anfangen zu planen.
Jetzt muss man dazu wissen, dass die Eintracht zu dieser Zeit eher Bestandteil der zweiten Liga gewesen ist als dass sie ernsthaft an einen Meistertitel in der ersten denken konnte. Ferner sollte man wissen, dass das Schicksal bislang noch selten individuelle Wünsche berücksichtigte. Die Eintracht belegte in den vier Spielzeiten bis einschließlich der Fast-Meisterschafts-Saison Plätze zwischen Rang 9 und 14. „Wenn Du es Dir vorstellen kannst, kannst Du es auch machen.“ Nicht alles, was für Walt Disney gilt, kann ´mal eben so auf Frankfurter Verhältnisse übertragen werden. Entsprechend habe ich irgendwann auch nicht weiter planen müssen. Manchmal kann man wohl doch zu früh anfangen zu planen. Aber immerhin weiß ich seitdem: Groß denken kann ich schon manchmal. Dass es hinterher eher wie das Hornberger Schießen ausgeht, ändert daran erst einmal nichts Grundsätzliches. Wenn man sich allerdings vergegenwärtigt, dass ich nur mit einem verschwindend geringen Teil meiner großartigen Ideen überhaupt an die Öffentlichkeit gehe, möchte man sich als Außenstehender manchmal besser nicht vorstellen, welche Ideen in diesem Kopf sonst noch herumschwirren.

Nichtsdestotrotz möchte ich an meinem Ziel für 2022 vorläufig noch festhalten. Die Braut müsste dann halt neben manchen meiner anderen Macken zusätzlich noch damit klar kommen, dass ich hin und wieder seltsam anmutende Ideen habe und bei den richtig guten unter ihnen auch nicht lange zögere, sie in die Tat umzusetzen.

Männer wie ich sind nun ´mal so.

Demnächst in diesem Theater

Fragen, die niemand gestellt hat und Antworten, die niemand lesen will – dieses erfolgreiche Konzept wird heute fortgesetzt, und zwar anlässlich meines bevorstehenden ersten Kinobesuches seit Jahren mit dem Thema „Wenn Dein Leben ein Filmtitel wäre – wie würde er heißen?“

Recht schnell offenbart sich, dass das Leben zu bunt und vielfältig ist, um mit nur einem Slogan hinreichend charakterisiert zu werden. Man spielt darin ja auch unterschiedliche Rollen. Selten habe ich mich eine Grundidee so schnell über den Haufen werfen sehen. Stattdessen werden hier gleich eine ganze Reihe mehr oder weniger zutreffender Titel vorgestellt. Darum musste als nächstes meine Neigung, ins Beliebige abzudriften, kanalisiert werden, weshalb hier ausschließlich existierende Filmtitel genannt werden. Die Cineasten unter meinen Lesern mögen mir verzeihen, dass teilweise sehr holprige Übersetzungen darunter sind.

Vergleichsweise unoriginell könnte mit …denn sie wissen nicht, was sie tun ein erster Versuch der Zusammenfassung gestartet werden. Vielleicht im heutigen Abschnitt meines Daseins nicht mehr so naheliegend wie in der Jugend. Denn wer weiß zu dieser Zeit schon so genau, was er tut?! Abgesehen natürlich von den Leuten, die immer schon genau wussten, wohin ihre Reise einmal gehen soll. Weswegen sie sich mit jugendlichen Flausen auch gar nicht erst aufgehalten haben, sondern zielgerichtet von der Schule über die Ausbildung in den Job durchmarschierten und nun mit beiden Beinen erfolgreich im Leben stehend vielleicht tatsächlich bis zum Ende des Lebens nicht die „Was wäre wenn“-Frage stellen.

Ich gebe zu, dass mein tragikomisch anmutendes Reich wirst Du nie als Gegenentwurf keine besonders hohe Attraktivität ausstrahlt. Das war vielleicht eher Die große Illusion gewesen. Ist eben typisch Ich – einfach unverbesserlich. Immerhin habe ich bei meinem Streben nach Glück bis jetzt stets Abzweigungen genommen, die mir eine nur bedingt erstrebenswerte Karriere als Hauptrolle in einem modernen Psycho erspart haben.

Ich weiß gerade selbst nicht, wie ich nach dem letztgenannten Titel auf das Thema Arbeit komme, will mich auf der anderen Seite aber auch nicht allzu sehr beschweren, wenn mir eine solch hervorragende Überleitung dahergeflogen kommt. Reden wir also über Apocalypse Now, eine bei uns durchaus gebräuchliche Zustandsbeschreibung, wenn das Arbeitsaufkommen derart hoch ist, dass der Ausruf „Hölle!“ die Situation nur noch unzureichend zu beschreiben vermag. Ein Mann sieht rot kann es an solchen Tagen durchaus heißen. Der große Diktator bin ich ja unabhängig vom Arbeitsvolumen für manche der Kollegen ohnehin schon.

„Möchte jemand Eis?“

Der Dummschwätzer ist der Fahrer, der bis vor kurzem abends im Auftrag des Paketdienstleisters unsere Sendungen abholte und dabei noch jedes Mal irgendeinen Mist zu erzählen wusste. Meistens war es das Immergleiche (Und täglich grüßt das Murmeltier), zum Beispiel wenn er einen der Kollegen als „Sabotateur“ (sic!) ansprach und dabei wahrscheinlich nicht im Ansatz ahnte, dass er damit dichter an der Wahrheit dran war als mir lieb sein kann. Aber meine Mitstreiter haben noch mehr drauf als Saboteure zu sein. Auch hier drängt sich natürlich zunächst …denn sie wissen nicht, was sie tun auf. Vielleicht gibt es zwischen ihnen und mir doch mehr Verbindendes als Trennendes. Ansonsten noch: Ein Käfig voller Narren oder natürlich Dumm und Dümmer. Eigentlich erstaunlich, wie viele Filmtitel offensichtlich meinem Arbeitsalltag entlehnt sind. Das macht es noch schwieriger als sowieso schon, an Zufälle zu glauben.

Doch besteht das Leben bekanntlich nicht nur aus Arbeit, und so benötige ich noch ein bis zwei Filmtitel für die passende Umschreibung der Zustände daheim. Natürlich kamen mir da auch Die glorreichen Sieben in den Sinn. Das war allerdings bevor ich nachgezählt und dadurch festgestellt habe, dass ich allein dafür exakt sechs Menschen zu wenig bin. Was bleibt mir also anderes übrig als wieder einmal mein ausschweifendes Sexualleben heranzuziehen?! Auch wenn es einem Teil der Leser an der nächsten Stelle sehr wahrscheinlich zu viel der Information ist – Der Wixxer trifft es schon einigermaßen gut.

Okay, es reicht auch wieder mit dem Mitleid! Ich habe ja – hoffentlich – noch ein bisschen Zeit, an meinem Drehbuch zu arbeiten. Schön wäre zum Beispiel folgende Vorstellung: Mit Blick auf den Main als Der alte Mann und das Meer am Ende vor allem Nichts bereuen. Und wie jeder weiß: Das Beste kommt zum Schluss.
Unabhängig davon, wie der Film am Ende heißen wird – sollten tatsächlich unmittelbar vor dem Schluss Ausschnitte aus dem Leben wie im Filmtrailer an einem vorbeirauschen, ist davon auszugehen, dass auch ein paar brauchbare Szenen dabei sind.

Selbstverständlich in 3D.

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