Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Monat: Januar 2017

Das Smalltalk-Experiment

Das Wetter war schon ´mal ansprechender. Vielleicht nicht die letzten sechs bis acht Wochen, aber im allgemeinen eben. Ob und wie sich die klirrende Kälte auf mein Vorhaben auswirkt, wird sich weisen. Oka ist wie so oft mit dabei. Viele hier in der Gegend kennen mich nur mit Hund. Was gar nicht unbedingt daran liegt, daß ich ihn immer dabei hätte, sondern eher daran, daß mich die Leute schlicht nicht erkennen, wenn ich ohne ihn unterwegs bin. Ein kalter Wind beißt mich ins nackte Gesicht. An der Bushaltestelle steht sie: die schönste Frau des Viertels. Jetzt oder nie! Zielsicher steuere ich an ihr vorbei.

Wenigstens habe ich mich nicht blamiert, könnte man ein positives Fazit aus dieser Begegnung ziehen. Allerdings entspricht das nur bedingt meinem Konzept, mehr Gespräche mit Unbekannten zu suchen, weil die Freunde und Bekannten sowie deren Freunde und Bekannte mich bereits seit letztem Winter meinem Ziel nicht näher gebracht haben, den nächsten, das heißt diesen Winter nicht mehr alleine frieren zu wollen. Bauer sucht immer noch Frau.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend. Das nächste Übungsobjekt steht schon parat: Der Typ, der ein bißchen wie ein Vagabund wirkt mit seinem mit Plastiktüten überladenen Rollator, seinem Vollbart und seiner vielen Zeit, die er frühmorgens an der Bushaltestelle verbringt.

Sein Bart ist einer der Sorte, bei der man sich auf sein Gehör verlassen können muss. Wer ihm ins Gesicht schaut, kann lediglich erahnen, daß sich der Kiefer bewegt, weil sich um den Mund herum Haare bewegen. Da jedoch kein Öffnen des Mundes sichtbar ist, kommt man ins Rätseln, ob gerade etwas gesagt wurde oder ob der Mensch einfach nur am Wiederkäuen ist und er nicht weiter beachtet werden muss.

Ja. Wenn man einen Hund hat, muß man bei jedem Wetter ´raus“, ruft er mir entgegen. Wenn man irgendwas anderes zu tun hat, muss man das auch, will ich beinahe entgegnen. Doch halt! Das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Meine Smalltalk-Eignung kann ich ebenso gut an ihm testen.

Da die Gesprächseröffnung von ihm ausgeht, hat er mir zumindest das voraus. Doch beherrscht er sogar weitere Regeln des Smalltalks. Erstens: Finde etwas an Deinem Gegenüber, das ihn aktuell beschäftigt und spreche das gezielt an (Hund, Wetter, ´Rausgehen). Zweitens: Hobbys (Hund) locken noch den zurückhaltendsten Menschen (Ich) aus der Reserve. Drittens: Wetter geht immer. Jeder kann mitreden.

Ich ergänze viertens: es bestätigt sich immer wieder, daß man offenbar noch vom Kaputtesten etwas dazulernen kann. Fünftens: sollte man letzteres dem Gegenüber niemals sagen, selbst wenn die spontane Begeisterung darüber spontan noch so sehr dazu einlädt.

Ich bin natürlich bestens vorbereitet. Schließlich hat er bis jetzt noch jedes Gespräch mit mir mit diesem Satz begonnen. Üblicherweise nicke ich dann im Vorbeilaufen und murmele etwas, das sich nach „So sieht´s aus“ anhört. Heute aber ist alles anders. Denn übers Wetter kann jeder, kann also auch ich mitreden. Ich sage: „Die Gravitationskraft des Mondes hält die Erdneigung stabil, die für die Entstehung der Jahreszeiten ursächlich ist.“

Nichts kommt zurück, aber ich erkenne die Fragezeichen in seinem von Haaren vermummten Gesicht. Da bin ich wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen. Aber ich gestatte ihm und mir einen weiteren Versuch: „Die Temperatur ist ein Maß für die kinetische Energie der Teilchen eines Systems.“

Wenn ich auch einerseits froh bin, daß mein Gerede nicht als Kreuzworträtselwissen ohne wirkliches Fundament entlarvt wird, möchte ich aus dieser Situation doch irgendwie wieder herauskommen. Ein Kompliment wirkt immer, erinnere ich mich. Ich beginne mich darüber zu ärgern, daß ich nicht die Frau angesprochen habe. Da hätte ich mit Sicherheit einen Aufhänger gefunden. Aber dieser alte Mann mit seinen Plastiktüten bietet so gar nichts an.

Ein Witz. Zwar wird im allgemeinen davon abgeraten, aber vielleicht hebt sich die Negativwirkung eines Witzes mit der Positivausstrahlung des Themas auf und wird in smalltalk-technischer Hinsicht zu einem Zwitter, wenn ich jetzt einen Witz übers Wetter mache. Doch wäre das ein unzulässiger Eingriff ins Untersuchungsdesign, innerhalb eines Experiments ein weiteres Experiment zu starten. Also bleibt mir nur noch die Flucht nach vorn und der Abbruch des Versuchs. Warum überhaupt Smalltalk? Wird absolut überbewertet.

Auf und davon

Zumindest eines beherrsche ich exzellent, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin: den Ausstieg aus einem Gespräch. Sei es ein tatsächliches oder ein gar nicht erst angefangenes wie das eben. Dem Hund sei zu kalt oder „Du siehst ja: der Hund drängelt“, geht immer. Selbst wenn er sich gerade gemütlich auf den Boden gelegt haben sollte. „Übersprungshandlung“ erkläre ich, falls mich einmal jemand darauf aufmerksam macht, daß er eher tiefenentspannt wirkt.

Also nach Hause. Auf dem Weg dorthin nachdenken. Das Experiment mit der vorzeitigen einseitigen Beendigung für gescheitert erklären. Beschließen, daß ich meine skills in Sachen Smalltalk eventuell noch verfeinern muss, bevor ich damit auf Frauen losgehe. Kurz überlegen, woher ich meine Inspirationen für diesen Blog nehme, wenn es den Hund nicht mehr gibt. Überlegen, ob Kosten für den Hund Betriebsausgaben wären, wenn ich mit der Schreiberei über ihn Geld verdiente.

Daheim den Hund von den Eiszapfen befreien, die sich entlang der Haare seines Bauches gebildet haben, weil ich ihn getreu der Anweisungen der Hundetrainerin unmittelbar vor dem Gassigang mit einer vollen Ladung Wasser aus der bereitstehenden Flasche bespritzt habe. Bevor wieder jemand schreit: Natürlich hat die Trainerin nicht gesagt, daß ich ihm jedes Mal unmittelbar bevor wir das Haus verlassen eine Dusche verpassen soll. Aber wenn es mit dem zu bestrafenden Verhalten zeitlich zusammenfällt ist es eben so. Für alle, die es immer ganz genau wissen müssen: In vorliegendem Fall war es so, daß der Kater in den Flur vomiert hat, was für den Hund – und ich bitte vorab, dieses naheliegende Wortspiel zu entschuldigen – ein gefundenes Fressen darstellte.

Ich merke, daß ich allmählich auf den Punkt zusteuere, an dem es wieder jenseits der Salonfähigkeit ausartet. Andere würden behaupten: ab dem es interessant wird. Ich allerdings halte mich wenigstens dieses Mal an den Rat, daß Vulgäres und Obszönes für einen gepflegten Smalltalk gänzlich ungeeignet seien, und empfehle ich mich an dieser Stelle.

Übung macht den Meister

Manchmal erkenne ich mich selbst nicht wieder. Noch letzte Woche gehörte ich zu denen, die an vorderster Front die Kollegin ob ihres Muskelkaters aufzogen. Vielleicht war ich auch der einzige, der das tat. Manchmal muss man eben polarisieren. Die Frau spielt Fußball. In dieser Eigenschaft wusste sie schon früher hin und wieder von Trainingsmethoden zu berichten, die für Nichteingeweihte mehr nach Folterkammer als nach gesunder Leibesertüchtigung klingen. Da nun bekanntlich wer den Schaden hat für den Spott nicht zu sorgen braucht, habe ich wie meistens in solchen Fällen für klare Verhältnisse gesorgt. Bedeutet: Kein Mitleid. Sie hat das freiwillig gemacht. Noch dazu zahlt sie regelmäßig Geld dafür, sich quälen zu lassen.

Eine Woche später. Ich habe Muskelkater. So weit, so belanglos. Aber dieser Muskelkater ist anders. Nicht entstanden, weil ich ungewohnt hart gearbeitet hätte, nicht weil wieder einmal Billardtische, Grabsteine oder Klaviere durch die Gegend bewegt werden mussten und zu viele potentielle andere Helfer meines oder angrenzender Jahrgänge inzwischen wegen Rückenbeschwerden ausfallen. Sondern weil ich ohne Not und freiwillig mit Übungen begonnen habe. Ein 10-Wochen-Programm, an dessen Ende 10 korrekt ausgeführte Liegestütze stehen sollen. Verspricht der Trainer. Einer von vielen Trainern, die man sich auf YouTube aussuchen kann. Aber dieser scheint seriös.

Nicht nur die Person wirkt integer, auch das Versprechen wirkt realistisch. Ich bin alt genug, zwar auch schon viel gesehen zu haben, andererseits aber einigermaßen einschätzen zu können, was geht und was nicht. „Sixpack in 10 Tagen“ ist dann bei allem Respekt wohl eher Dichtung als Wahrheit. In der gleichen Kategorie landen Knaller der Marke „Penisverlängerung um bis zu 40% ohne OP“ . Das ist kein zum Handwerk gehörendes Klappern mehr, das sind Glücksversprechen, die selbst die Botschaften von Teleshopping-Sendern sowie allerlei Sekten und allgemein Religionen in den Schatten stellen.

„Wie man garantiert jede Frau herumkriegt“ – was geht in jemandem vor, der glaubt, der Schlüssel zu einem erfüllten Sexualleben wäre nur diesen einen Mausklick entfernt? Aber dümmer geht immer, denn beim Thema Geld laufen unsere Spezialisten zu erneuter Höchstform auf: „97 € in 5 Minuten! ONLINE GELD VERDIENEN“

Wer einigermaßen bei Trost ist und sich die Frage stellt, für wie bekloppt die Urheber solcher Phrasen die Leute eigentlich halten, wird in den Kommentaren zu den entsprechenden Beiträgen fündig. Das Publikum, zumindest jedenfalls das dort sich verewigende, ist nämlich bei weitem nicht so medienkompetent, wie man sich das als halbwegs aufgeklärter Mensch vielleicht wünscht. Wie auch an etlichen anderen Orten im Netz inzwischen üblich, sind Gehalt, Stil und Orthographie der geäußerten Meinung unterirdisch. Starker Tobak für jemand, der eigentlich nur kurz nach Fitnessübungen ohne Geräte suchte.

Wir haben genug Zeit, wenn wir sie nur richtig verwenden“

Als zweite Voraussetzung neben der Seriosität sollte das Trainingsprogramm hauptsächlich nicht zu einem Vollzeitjob mutieren, um in der versprochenen Zeit das versprochene Ergebnis zu zeigen. Daß ich dafür wieder einmal eine andere, eine schöne, eine vielleicht wichtige Aufgabe aus meinem Programm streichen muss, ist ohnehin klar.

Warum also bitteschön, wenn ich doch sowieso schon keine Zeit habe, mache ich jetzt dieses Fass auch noch auf? Objektiv betrachtet fällt es schwer, das glaubwürdig nicht in Zusammenhang mit Brautwerben zu bringen. Doch wie sich zeigen wird, habe ich für eine Beziehung ohnehin keine Zeit. Ab 40 sei jeder für sein Aussehen selbst verantwortlich, heißt es. Andere sagen das selbe nur übers Gesicht. Im Grunde ist es wohl egal, ob dieses oder jenes. Noch nebensächlicher ist, ab wann genau im Leben jedes Einzelnen dieser Sachverhalt zutrifft. Jedoch ist sicher, daß es diesen einen Zeitpunkt gibt, ab dem es sich auswirkt, wenn man sich nicht weiter um sich und sein Äußeres kümmert. Und exakt diesen Moment habe ich vor Jahren verpasst. Und jetzt wird wieder aufgeholt!

Daß ich deswegen irgendwann vor dem Spiegel posiere und mich supergeil finde, glaube ich ehrlich gesagt nicht. Zumindest nicht geiler als ich sowieso bin.

Ich gebe zu, daß ich beim Thema Fitness-Studio gewisse Vorurteile pflege. (Das Wort „Gym“ wird von mir einzig und nur einmalig dazu gebraucht, um meine Verachtung gegenüber diesem Begriff zu dokumentieren.) Diese meine Sicht der Dinge wird nicht durch besagte Kollegin noch durch etliche andere Kollegen und Bekannten geprägt, die solche Einrichtungen natürlich gern und immer wieder besuchen dürfen und sollen. Andererseits ziehen diese Etablissements regelmäßig solche Typen an, die den ganzen Tag mit einem Blick durch die Gegend laufen, als wären sie auf der Suche nach jemandem, um Blutrache zu nehmen. Was meinen Eindruck bestärkt, daß es sich bei Fitness um eine relativ spaßbefreite Angelegenheit handelt.

Darum werde ich es mir auch weiterhin nicht nehmen lassen, diejenigen mit feinem Spott zu überziehen, welche, ihre Sporttasche demonstrativ auf der Rückbank liegend, beim anschließenden Einkauf mit ihrer Karre am liebsten in den Discounter hineinfahren würden, um sich bloß keinen Meter zu viel bewegen zu müssen. Nehmt´s mir nicht übel, aber bei so etwas verwandle ich mich in einen echten Spießer und möchte darauf hinweisen, daß das da zwei Meter vom Eingang kein ordentlicher Parkplatz ist.

Das ist ein bißchen so wie mit der korrekten Mülltrennung. Nicht daß ich den Untergang einer wie auch immer gearteten abendländischen Kultur bereits um die Ecke kommen sehe, wenn diese nicht ordentlich gehandhabt wird. Aber ich frage mich schon, was daran so schwer sein kann, das voneinander zu unterscheiden. Wenn es ein Scherz sein soll, war er einmal gut und bereits bei der ersten Wiederholung nervig. Und um darin eine Art Protest gegen irgendetwas zu erkennen, fehlt mir sowohl Phantasie als auch Glaube.

Kehren wir zum wesentlichen zurück, nämlich zu mir, sprach der Meister der Überleitung.

Nicht völlig unerwartbar, daß mein neu erwachtes Engagement irgendwann wieder einschläft. Immerhin habe ich weitaus bedeutendere angefangene Dinge aus Mangel an Zeit wieder zurückgestellt, die seitdem auf bessere Zeiten warten. Was ja nichts anderes heißt als: Zeiten mit mehr freier Zeit. Oder nie.

Insofern gehört zu den guten Seiten des Alleinlebens eindeutig, daß niemand außer mir selbst mich daran misst, was und wieviel meiner angekündigten Pläne mit einer gewissen Nachhaltigkeit in die Tat umgesetzt werden. Und welche meiner Bemühungen demgegenüber eher ausgehen wie das Hornberger Schießen. Weitererzählen, welch toller Hecht ich doch bin, kann ich immer noch, wenn absehbar ist, daß meine Motivation den Moment des ersten Rückschlages überdauert.

Daß ich das gleichzeitig in diesem Blog vor einem theoretischen Millionenpublikum breittrete, steht auf einem anderen Blatt und zählt daher wenn überhaupt als künstlerische Freiheit.

Das nun folgende ist nichts, worauf ich besonders stolz sein könnte:

Gedächtnistraining, Speed Reading, Lachyoga, Gitarrespiel, Autogenes Training, Stimmtraining – was hatte ich in den letzten beiden Jahren nicht alles für Einfälle, um einen besseren Menschen aus mir zu machen. Alles ist gut, alles ist irgendwie gestartet und über das Stadium des Ausprobierens auch ganz klar hinausgekommen. Aber dann ist es in Summe einfach zu viel auf einmal.

Oder aus praktischen Erwägungen so nicht durchführbar. Wie geschehen beim Autogenen Training. Ich formuliere es ´mal so: Die Übungen werden durch die Anwesenheit von kontaktbedürftigen Haustieren nicht unbedingt begünstigt. Die haben eine Antenne dafür, wann ich so richtig bei mir bin, und platzieren sich gerade dann auf Bauch oder Schulter, wenn ich am entspanntesten liege oder sitze. Alternativ bellen sie den Flur zusammen, weil im Treppenhaus jemand etwas lauter als gesellschaftlich anerkannt flatulierte.

Griechisch nimmt eine Sonderstellung ein. Das musste ich ja anfangen zu lernen, um meine hübsche Nachbarin zu beeindrucken und mache das deshalb bis heute beinahe täglich. Aber weiter komme ich da auch nicht. Mit der Sprache nicht. Mit der Nachbarin gleich gar nicht. So verkehrt kann die Prognose nach 18 Monaten Bemühungen nicht sein.

Es bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung, daß das Schreiben für dieses Baby hier mir wieder regelmäßig Zeit von der Uhr nimmt. In einem Umfang, den ich einerseits gern ´mal messen würde, andererseits auch lieber nicht wissen möchte. Aber da kommen wenigstens Ergebnisse.

Meine Löffelliste

Auf der Liste der Dinge, die ich getan haben will, bis meine Uhr abgelaufen ist, stehen überwiegend Einträge, was ich können möchte. Das ist ein gewisser Nachteil gegenüber denen, die darauf lediglich stehen haben, was sie einmal getan haben wollen, bis der Löffel abgegeben wird. Eine Kreuzfahrt kann nach 10 Tagen abgehakt sein, eine Ballonfahrt nach einem. Karate lernen dagegen zieht sich über Jahre. Und ich habe noch nicht einmal damit angefangen.

Natürlich befinden sich in meiner Aufstellung Vermerke, die vergleichsweise einfach umzusetzen sind: Einradfahren, Moonwalk lernen, Duckwalk lernen, Stadion an der Anfield Road besuchen.

Und dann ist da aber dieses große, mächtige Vorhaben: einmal vor Publikum die Leute unterhalten. Ein Publikum, das nicht nur aus Freunden und Bekannten besteht.

Dazu brauche ich natürlich einen gewissen Ausstoß an guten Texten. Inklusive des Zugeständnisses an mich selbst, daß es nicht immer nur Preisverdächtiges sein kann, sondern auch ´mal einer darunter ist, den ich nur mittelmäßig finde. Vielleicht findet genau diesen ein anderer Leser ja hervorragend.

Dazu brauche ich ferner eine wohlklingende Stimme. Zuletzt muss ich natürlich auch eine gute Figur abgeben. Alle drei Voraussetzungen keineswegs Aufgaben, die von heute auf morgen erledigt wären.

Die Prioritäten sind also gesetzt. Zu welchen Vorhaben die Zeit darüberhinaus noch reicht, wird sich zeigen.

…denn sie wissen nicht, was sie tun

Es begab sich kürzlich, daß ich mit einem Vorgesetzten Für und Wider einer Einführung der Prügelstrafe für unterlaufene Fehler erörterte. Ergebnislos. Alles bleibt zunächst wie es ist. Wirkungsvoller sind nach seinem Dafürhalten gelungene Ansprachen, wie er sie auch schon bei mir beobachtet haben will. Wahrscheinlich hatte ich an jenem Tag die Dose mit den blutdrucksenkenden Präparaten vergessen. Jetzt habe ich beantragt, eine Bütt anzuschaffen und diese bei Redeanlässen in Stellung zu bringen, damit ich schon durch das Setting mehr Gewicht und Verbindlichkeit in meine Aussagen bringen kann, wenn ich zu den versammelten werktätigen Massen spreche. Im Durchschnitt sind das fünf, sechs Leute, die im Lager ihr Unwesen treiben.

Ob und wann ich die Bütt tatsächlich bekomme, vermag ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht realistisch einzuschätzen. Meine Idee, für Botengänge einen Firmenpanzer anzuschaffen, wurde bis dato auch noch nicht umgesetzt. Es spricht aber für meine Bosse, daß sie über solche Vorschläge nachdenken und nicht sofort sagen: „Micky, sowas brauchen wir nicht.“ Weil: „Sowas haben wir bis jetzt auch nicht gebraucht.“

Also gehe ich erst einmal zurück in mein Lager und blicke so in die Runde und denke mir: die machen ihr Ding, ich mache meins. Privat natürlich erst recht. Dennoch hätte alles viel schlimmer kommen können. Hier befinden sich die Kollegen größtenteils, weil studierende Aushilfen, mittendrin in ihrer persönlichen Entwicklung. Spannend. Ich habe genügend Leute kennengelernt, bei denen merkte man: da tut sich nicht mehr viel. Nicht spannend.

Einen Höhepunkt solcher Beobachtungen am lebenden Objekt durfte ich während des runden halben Jahres genießen, in dem ich mich auf die Externenprüfung zur Fachkraft für Lagerlogistik vorbereitete und dazu einen von der Arbeitsagentur gesponserten entsprechenden Kurs besuchte. Da war diese eigenartige Form des Unbeteiligttuns wie unter einem Brennglas zu betrachten. Die ungleiche Gruppe der Lernenden bestand neben Lagermenschen aus angehenden Kaufleuten verschiedenster Couleur, den größten Anteil machten Bürokaufleute aus. Alles, was ich über diese aufschlussreiche Zeit schreibe, ist wirklich so passiert, ich muss mich da für nichts entschuldigen.

Selbstverständlich waren auch fitte Leute darunter. Korrekte Leute auch. Im Prinzip konnte man mit allen gut klar kommen. Solange wir gemeinsam in diesem Boot saßen, waren sie alle keine Fressfeinde. Gleichwohl die Neigung dazu bei manchem erkennbar war und ich froh bin, sie in diesem Kontext und nicht etwa als Kollegen kennengelernt zu haben.

Und rund die Hälfte war eben von schlichtem Gemüt. Einfach gestrickt hätte man früher vielleicht auch gesagt. Was eben so gesagt wird, wenn es diplomatisch elegant klingen soll, am Ende allerdings natürlich genauso verletzend ist wie unverblümteres Vokabular. „Naturtrüb“ wäre eine Formulierung nach meinem Geschmack, während „kognitiv suboptimiert“ zwar fein, aber fast schon wieder zu hart klingt. Dabei bin ich mir sicher, daß jeder einzelne aus dieser Runde irgendwo seine Qualitäten hat, die Prüfungsvorbereitung jedoch nicht der geeignete Rahmen war, diese einbringen zu können. Das Lernen war weitgehend individuell eigenverantwortlich organisiert mit einigen frontalen Einwürfen, darunter zwei Wochen zu Beginn. Da war dieses Traumensemble noch lange nicht komplett, aber man wusste bei den meisten schon nach diesen 14 Tagen, wo sie stehen.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen beabsichtigt

Der Totalverweigerer: Fachrechnen war scheiße, IHK war scheiße. alles war scheiße. Hat er keinen Bock drauf. Braucht er nicht. Weil: Hat er bis jetzt auch nicht gebraucht. Folgerichtig stand vom zweiten Tag an fest, daß er diesen Kurs abbrechen wird. Weil die Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur – logisch – auch scheiße war, musste er erst Atteste abliefern, um aus dieser Scheiße relativ unbeschadet wieder herauszukommen. Seit einem Unfall fährt er auch keinen Stapler mehr. Was die Jobaussichten für einen ungelernten Lagerhelfer wie man sich sicher vorstellen kann um einiges steigen lässt. Reicht ja, wenn die Frau arbeitet. Es gehört vielleicht nicht hierher, aber: Offenbacher. Deswegen will das Schicksal auch, daß ich ihn häufiger treffe. Auf keinen der Jobs, die er seitdem hatte, hatte er eigentlich Bock. Auf Zeitarbeitsfirmen selbstredend erst recht nicht.

Auf gewisse Weise hat er Recht behalten, denn für das, was er aktuell tut, braucht er tatsächlich keinen Abschluss. Bier einkaufen, Fernsehprogramm wählen, Bier trinken – läuft bei ihm.

Unvergessen sein Urteil über einen weiteren Kollegen aus dem Kurs: „Ich glaub´ manchmal, der will gar nicht arbeiten.“

Der auf diese Weise Gescholtene war

der Dortmunder: In erster Linie war er SGE-Fan und hatte Dortmund noch als Zweit- oder Drittverein auserkoren. Er stieß spät zu unserem Haufen dazu und hatte eben das Pech, an seinem ersten Tag in diesem Trikot zu erscheinen, das mich spontan zu meiner Lieblingsäußerung „Sowas sehen wir hier gar nicht gern“ als Begrüßung veranlasst hatte. Seitdem war er der Dortmunder. Selbst wenn er das Trikot danach nie wieder in unserer Gegenwart getragen hätte, wäre er der Dortmunder geblieben.

Der Dortmunder machte sich an die Arbeit, hat sich seine eigenen Karteikarten zum Lernen erstellt, in relativ kurzer Zeit den Prüfungsstoff aufgeholt und die schriftliche Prüfung bestanden. Die mündliche musste er ein halbes Jahr später wiederholen, weil er den Termin um einen Tag verpasst hat.

Es gab einige Kandidaten, denen ich eine solche Aktion eher zugetraut hätte. Zum Beispiel

Die Lebenserfahrene: Sie hat sich einen Wissensvorsprung herausgearbeitet, weil sie das „Gedöns mit Prüfung und so“ schon zweimal durchgemacht hat. Ihre wie sie stets betonte nunmehr letzte Chance versuchte sie durch eine eigens von ihr entwickelte echte Innovation auf dem Feld der Lernstrategien zu nutzen. Ich nenne es hier stark vereinfachend exzessives Zuspätkommen. In Bezug auf Unlust war sie folglich die weibliche Entsprechung zum Totalverweigerer. Immerhin keine faulen Ausreden, sondern Klartext: „Ich pack´s halt einfach nicht, früh aufzustehen.“ Von dem gleichen Menschen bei anderer Gelegenheit „Shopping, teure Handtaschen – das gehört bei mir zur Lebensqualität einfach dazu.“ Keine weiteren Fragen. Aus dem Zuspätkommen wurde gelegentliches Kommen, woraus wiederum komplettes Nichterscheinen wurde. Ich nehme an, die Arbeitsagentur hat ihr daraufhin die Zuschüsse zu ihrer nächsten Shoppingtour leicht gekürzt.

Du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du die meiste Zeit verbringst.“

Mein wahnsinniger Sitznachbar: ein total korrekter Kerl, aber verpeilt ohne Ende. Bei Rechenaufgaben musste man immer damit rechnen, daß bei ihm irgendwo in der Aufgabe aus dem Nichts Zahlen auftauchen, die mit nichts aus der Aufgabe oder den vorangegangenen Lösungsschritten in Verbindung stehen. Mit ihm hatte ich außerdem den spaßigsten Moment des ganzen halben Jahres, als wir auf punkname.de neue Namen für uns alle generieren ließen. So zum Beispiel „Pimmel“ für den Dozenten, „Besen“ für Petra, die Gruppenälteste und personifizierte Prüfungsangst, „Burger“ für meinen vorderen Nachbarn.

Burger: kam sehr spät dazu und wusste wohl weder wie ihm geschah noch was er dort soll. Ich habe berechtigten Grund zu der Annahme, daß das sein Sachbearbeiter der Arbeitsagentur vermutlich auch nicht wusste. Entweder war dessen Motiv Hauptsache ´raus aus der Statistik oder war es evolutionärer Zufall, der ihn überhaupt erst auf die andere Seite des Schreibtischs gespült hat. Beunruhigend ist dabei höchstens, daß ich ersteres nicht zwangsläufig für wahrscheinlicher halte. Im schlimmsten Fall war es eine Kombination aus beiden Ursachen.

Burger war der einzige im Kurs, vor dem ich Angst hatte. Nicht Angst in dem Sinn, daß ich auf die Mütze bekomme, wenn ich etwas verkehrtes sage. Sondern diese Angst, die man vor Psychopathen hat. Die immer zwar auf gewisse Weise seltsam, aber doch freundlich sind und man aber nie weiß, ob sie nicht vielleicht doch in der nächsten Sekunde ein Samuraischwert auspacken, um einem damit die Gliedmaßen abzutrennen und diese in ihr abendliches Menü zu integrieren.

Weil er sich ständig zu mir nach hinten gedreht hat, um mir Gespräche aufzuzwingen, habe ich ihm irgendwann erklärt, warum ich in diesem Kurs bin. Nachdem das vordergründig geklärt war, hat er sich nur noch umgedreht und nichts gesagt. Einfach abgewartet. Mich minutenlang angestarrt, bis ich das von ihm gewollte Gespräch endlich mit „Was ist!“ eingeleitet habe.

Ähnlich selten wie Burger hat sich nur noch einer der anderen mit den Inhalten beschäftigt, die uns alle in diesen Kurs geführt haben. Das war

Der Burnout-Vermeider: die fleischgewordene Antithese zur Behauptung, es gebe keine dummen Fragen. Ebenfalls sehr spät dazugestoßen, hat er sich offenbar gedacht: wenn schon keine Zeit, dann brauche ich diese wenige Zeit auch nicht unbedingt nutzen. Internetpräsenzen von Hotels sowie allerlei Videos waren zu 90 Prozent auf seinem Bildschirm zu sehen. Ob die restlichen 10 Prozent tatsächlich komplett Prüfungsrelevanz besaßen, weiß ich nicht. Nach der schriftlichen Prüfung und seinem Verdacht, das könnte für ihn möglicherweise nicht ganz gereicht haben, war das Verhältnis jedenfalls etwas ausgewogener.

Was bleibt? Bei der Beantwortung der Frage, ob jenes halbe Jahr bleibende Schäden bei mir hinterlassen hat, könnte es hilfreich sein, jetzt nochmal die ersten beiden Absätze dieses Blogeintrags zu lesen und danach zu entscheiden.

Zum Glück einen Plan

Ich nehme ein Glas. Ein gebrauchtes Einmachglas mit Gummiring und Bügelverschluss um genau zu sein. Das erst eben genauer definierte Behältnis, in das die gesammelten Wochenwerke meiner Glücksmomente hineinsollen, bleibt allerdings leer. Das neue Jahr wird um eine Woche verschoben. Das war so nicht unbedingt der Plan. Welcher so einfach klingt: jede Woche einen besonderen Moment auf einen Zettel notieren und ab damit in ein Behältnis nach Wahl. Und am Ende des Jahres alle Zettel durchlesen und freuen, welch famoses Jahr hinter einem liegt. Im Mutterland des Wehklagens sollte das zur Pflichtaufgabe werden.

Die Suche nach dem persönlichen Glück scheint universell, sobald das Dasein nicht mehr allein davon geprägt ist, das Überleben zu sichern. Wohlwissend, daß ich 30 unterschiedliche Antworten bekomme, wenn ich 25 Menschen danach frage, worin dieses Glück eigentlich bestehe, stehe ich in diesem einen Punkt und nur ausnahmsweise gern einmal mit der Mehrheitsgesellschaft in Einklang: Glücklich zu sein ist sexy.

Allerdings hören hier die Gemeinsamkeiten vermutlich auch schon wieder auf. Ein Beispiel reicht aus, um den mühevoll hergestellten Konsens wieder zu zerstören: Selbst wenn ich monetär entsprechend aufgestellt wäre – bevor ich eine Dreizimmerwohnung mit einem zweiten Fernsehgerät ausstatte, das einen vierstelligen Betrag kostet, würde ich ein gefülltes Bücherregal allemal bevorzugen. Ob das jetzt nämlich auch noch mehrheitsfähig ist, weiß ich nicht, mutmaße jedoch, die Antwort wird mir nicht gefallen.

Ich konnte nicht erwarten, daß es sich so schwierig gestaltet, einen gescheiten Moment pro Woche zu finden. 52 kleine Höhepunkte in einem Jahr sollten doch drin sein. Aber immerhin habe ich seit kurzem ein adäquates Behältnis für das Festhalten dieser Augenblicke.

Jetzt sitze ich hier mit meinem gebrauchten Einmachglas und starre darauf, als ob es mir meine Überlegungen auch nur ein kleines Stück weit erleichtern könnte. Der Gürtel kann ein Loch enger geschnallt werden. Aber auch wenn dieser Zustand den Moment überdauert hat, war das erste Mal, das ich ihn erreichte letzte Woche, letztes Jahr am 30. 12. Bescheißen gilt nicht.

Einen einzigen Glücksmoment. Einen, der nicht selbstverständlich ist. Oder sind es die Selbstverständlichkeiten, die wir zu selten, zu wenig zu schätzen wissen, die Glück ausmachen?

Grundsätzlich ja: an einem relativ frei selbst bestimmten Wohnort in ein warmes Bett gehen im Wissen, daß auch am nächsten Tag ausreichend Nahrung vorhanden sein wird, und ansatzweise gesund wieder aufstehen. Aber so essentiell all diese Punkte sind, daß ich sie jede Woche, jeden Tag aufschreiben und in das heute als für diesen Zweck auserkorene Behältnis werfen könnte – ich möchte nicht unbedingt damit starten. Wenn ich in einem knappen Jahr die einzelnen Beiträge aus dem Glas fische und auf diese Weise das Jahr Revue passieren lasse, ist mir das aus heutiger Sicht nicht Höhepunkt genug. Und falls das alles Ende des Jahres nicht mehr selbstverständlich sein sollte, werde ich mehrere Tausend andere Angelegenheiten eher erledigen als Zettel aus einem gebrauchten Einmachglas zu lesen.

Wo ist der Deinhard?

Welches Ereignis also ist bedeutend, welches selbstverständlich? Nehmen wir die Arbeit: Wenn eine Aushilfe fehlerfrei eine Warenlieferung auf die richtigen Plätze räumt, ist das dann eine Selbstverständlichkeit oder ein Glücksmoment?

Wenn´s mein Kind wäre, wäre es eine Sensation, gar kein Zweifel! Aber nicht bei einem jungen erwachsenen Menschen mit allgemeiner Hochschulreife, der in wenigen Jahren als Gehalt ein Vielfaches dessen zu erhalten plant als ich gegenwärtig bekomme. Da liegt die Messlatte höher, da erwarte ich mehr, das darf nicht ausreichen. Jetzt, da ich mich endlich für ein sensationell schönes Behältnis für meine Erinnerungen entschieden habe, will ich das Projekt nicht durch so etwas entwerten, bevor es richtig begonnen hat.

Es gibt Tage, da bin ich äußerst glücklich, wenn der Hund seinen Haufen gemacht hat. Aber sind das Dinge, die ich Ende des Jahres lesen möchte? Seien wir ehrlich: Am Silvesterabend Zettel durchlesen, die in einem gebrauchten Einmachglas gesammelt wurden, ist schon beschämend genug. Dann muß da wenigstens content her, der Eindruck macht. Glanzleistungen, Rekorde, Sensationen statt solcher Verzweiflungstaten.

Etwas gekauft, das mich diese Woche zu einem glücklicheren Menschen gemacht hätte, habe ich die letzten Tage auch nicht. Aber da ich ja immerhin jetzt ein Behältnis habe, könnte ich auf meinen ersten Papierfetzen schreiben: „sehr schönes Glas für mein Best Of des Jahres gefunden“.

Ich werde langsam ungehalten.

Warum fange ich nicht gleich noch kleiner an, indem ich auf meinem ersten Blatt für die Glücksbox vermerke: „vorgenommen, die Idee mit den Glücksmomenten dieses Jahr endlich einmal umzusetzen“. Wie liest sich das Ende 2017?

Zu meinem Glück gibt es ja Suchmaschinen. Auf der Suche nach Glück landet man dort spätestens auf der dritten Seite beim Thema Zweierbeziehung. Na, das hat mir zu meinem Glück jetzt gerade noch gefehlt! Ich nahm an, dies leidige Thema wenigstens einmal irgendwie umschiffen zu können, aber da sind wir wieder. Täglich grüßt das Murmeltier. Meine Stimmung schickt sich an, in einen Unterbietungswettbewerb mit den Temperaturen dieser Woche zu treten.

Beim Fotovoting der kostenlosen Singlebörse, in der ich seit einem halben Jahr erfolglos Mitglied bin, stehe ich aktuell mit 5,0 da. Das höchste wäre 10. Mehr Durchschnitt geht also nicht. Weniger übrigens auch nicht, fällt mir gerade auf. Micky Mustermann. Zwar ist dies ganze Bewertungs-Prozedere an Oberflächlichkeit nur schwierig zu überbieten, aber für jemand, dessen vorheriges Foto Werte unter 3 erzielt hatte, ein gewisser Fortschritt. Und wenn mein Marktwert steigt, steigt mein Selbstwert, wodurch meine Stimmung steigt. Für ein Foto lediglich von mir ohne meinen Hund ist das mehr als in Ordnung. Da ist mein Glücksmoment! Mit zittrigen Händen fingere ich kleines Blatt Papier aus der Schublade und kritzele so schnell es geht und bevor dieser Moment wieder vergeht etwas von „sexiest man alive“ darauf. ´Rein damit in die Box! Wusste ich doch, daß es mir ein leichtes sein wird, das Altglas mit Inhalt zu füllen. Wenn einem also gutes widerfährt, dann ist das einen Asbach Uralt wert. Wo ist der Deinhard? Darauf einen Dujardin! Was genau will der Kater jetzt an meinem Glas? Besen, Schippe, alles auf Anfang. Wenn das so weitergeht, weiß ich auch nicht mehr.

Rollenspiele

Unter den diversen Rollen, die das Leben uns nötigt zu spielen, gibt es solche und solche. Traumrollen und andere, die wir lieber abgelehnt hätten, wären wir gefragt worden. Allein auf der Arbeit vereine ich in einer Person beispielsweise Kapazität, Entertainer, Stilikone, Sklaventreiber, Sexsymbol, Papa Schlumpf. Die Reihenfolge ist zufällig gewählt. Ich verrate nicht, welche dieser Rollen mir am ehesten liegt, aber die mir am wenigsten zusagende Rolle ist die des Fossils.

Gleichzeitig gilt letztgenannter Punkt zunächst noch vorbehaltlich einer intensiven Prüfung, da bei solchen Zuschreibungen Selbst- und Fremdwahrnehmung erfahrungsgemäß stark divergieren können. Während die anderen aufgezählten Figuren unstrittig sind, besteht beim Stichwort Fossil immerhin die Möglichkeit, daß ich selbst Dinge empfinde, die die Kollegen so gar nicht bemerken.

Doch zunächst die Fakten, die ich nicht wegdiskutieren kann: Wie haben viele studierende Aushilfen. Eine einzige Teilzeitkollegin ist älter als ich, ansonsten kommt über mir niemand mehr. Vom Alter selbstredend. Und in dieser Eigenschaft bin ich für wahrscheinlich einige Kollegen „Zeugnis vergangenen Lebens“. Zwar noch nicht älter als 10.000 Jahre (was ich vermutlich in diesem Leben auch nicht mehr ganz hinbekomme), aber zumindest relativ nah dran.

Ich bin in manchen Punkten unzeitgemäß, aber ich bekenne mich.

Dazu, daß ich Musik nach wie vor gerne von Tonträgern höre. Da ist nichts verwerfliches dran. Daß ich in der ganzen Stadt der wahrscheinlich einzige bin, der noch CD- und DVD-Rohlinge benötigt. Mit einem peinlichen Gefühl, als ob ich gerade Hämorrhoidensalbe verlangen würde, ertappe ich mich bei der Überlegung, wie ein alter Mann in der Apotheke beim Bezahlen irgendwie noch verkrampft beiläufig erwähnen zu müssen, daß die Teile „für einen Freund“ sind.

Kurz: angesichts solch offen zur Schau gestellten Verweigerung, an den Errungenschaften der Technik in angemessener Weise teilhaben zu wollen, leben die jüngeren Mitarbeiter in ständiger Angst, von mir angesprochen zu werden, die simpelsten Funktionen des Smartphones erklären zu müssen.

Dabei geht es weniger darum, daß ich das nicht kann, sondern daß ich das nicht können müssen will. In etwa analog zu der Bekannten, die einst dem Literaturkanon des Deutschunterrichts den ausgestreckten Mittelfinger entgegenreckte und mit den Worten „ich muß nicht jeden Scheiß gelesen haben“ vielen aus dem Herzen sprach, die sich nicht trauten, derlei offen zuzugeben.

Die allermeisten kommen mit dieser Einstellung trotzdem ganz gut durchs Leben. Warum soll es mir dann schlechter gehen, nur weil ich nicht jeden Mist mitmache?!

Generation App

Die Anzahl an Apps ohne Gebrauchswert ist Legion. Kann mir niemand erzählen, daß der Alltag eines gesunden Menschen dadurch erleichtert oder wenigstens bereichert würde, wenn zum Beispiel das Stehenlassen des oben erwähnten Fingers von einer App virtuell besorgt wird. Nächstes Beispiel: Mir fallen spontan nicht viele Dinge ein, die die Welt weniger dringend nötig hätte als eine App zum Würfeln.

Es ist mir auch ein Rätsel, wie Milliarden von Fußballspielen geleitet werden konnten ohne die App iSchiedsrichter mit der kryptischen Beschreibung: „Schiedsrichter gibt Ihnen einen guten Schiedsrichter-Leben der Fußball.“ Immerhin: Früher musste man noch in den Import-/Export-Laden gehen und dort Konsumgüter mit ähnlich geringem Nutzen wie die beschriebene Software kaufen, um an solche Meilensteine der Übersetzungskunst zu gelangen. Heute hat man es da leichter.

Manchmal abends – Ihr ahnt es bereits – wenn das Tagwerk getan und manches auch nicht getan und ich mit dem Hund vor der Couch sitze, denke ich über mein verpfuschtes Leben nach. Muß ich an meiner Individualität-Konformität-Balance noch feilen? Ich könnte mich ausgeschlossen fühlen, aber will ich dazugehören? Wohnst Du noch oder lebst Du schon? Wie kommt Kuhscheiße aufs Dach?

Wilde Zeiten

Nicht zwingend, aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gebe ich nach solchen Abenden an einem der nächsten Tage auf der Arbeit eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen zum Besten. Wie ein Opa mit Erlebnissen von der Front fühle ich mich verpflichtet, den Kollegen mit meinen ungefragt wiedergegebenen Ausführungen zweierlei zu bescheinigen:

Dem einen Teil, daß mein Alltag nicht immer so unspektakulär und belanglos wie heute gewesen ist, sondern ich auch ´mal so ungestüm und leidenschaftlich war. Wie heute gesagt würde: stabil. Oder sagt man das schon wieder nicht mehr?

Dem größeren Teil, daß man sich nicht nur über die Zukunft und die spätere Karriere, sondern gern auch ´mal über die Gegenwart und das Leben Gedanken machen kann und daß Leben nicht unbedingt mit Konsum verwechselt werden muß.

Es sind dann Geschichten wie die folgende, hier der Einfachheit halber auf die stichwortartige Wiedergabe der Eckdaten und Eskalationsstufen beschränkt:

19. Geburtstag – ein Freund und ich – und viel Whisky für ihn und Bier für mich – anschließend Konzert besucht – weitere Freunde – begonnene Schneeballschlacht – Antwort unsererseits mit Leuchtspurmunition vom Balkon – Empörung unten – Festzeltbank nach unten befördert – beschlossen, daß man gehen soll, wenn es am schönsten ist – zurück zum Ausgangspunkt und weitere Biere und Whiskys nehmen

Es geht hier nicht um enthusiastisches Abfeiern solch brachialer Aktionen. Mehr um die dazugehörige Einstellung, die sich problemlos auch ohne Hinzunahme von Alkohol generieren lässt: daß man sich nämlich hin und wieder einfach ´mal einem Abend „ausliefert“ ohne voraussagen zu können, wann und wie das alles endet. Daß trotz der gebotenen Verpflichtung gegenüber der eigenen Lebenszeit ein Fenster geöffnet bleibt für zeitweise Ausflüge ins Ungeplante. Daß ein gelegentlicher Ausbruch aus allen Rollen nicht schaden muß.

Bloß beschleicht mich nach und nach der Verdacht, eigentlicher Adressat dieser Geschichten, vor allem der dahinter wartenden Moral ist weder der eine noch der andere Teil der Belegschaft, sondern bin ich selbst.

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