Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

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Die vier Jahreszeiten

Nicht zwingend muss ein bestimmtes Verhalten nachvollziehbar sein, um die Konsequenz, mit der selbiges durchgezogen wird, zu bewundern. Wenn ein junger Mann, der vor ein paar Jahren morgens regelmäßig in Richtung der Berufsschulen in unserer Straße unterwegs war, sich dafür entscheidet, diesen Weg sommers wie winters grundsätzlich ohne Jacke zurückzulegen, könnte man das belächeln. Man könnte anmerken, dass es lediglich eine Frage von maximal 30 Sekunden sein dürfte, die er früher aufstehen müsste, damit es für das Komplettieren der Garderobe noch reicht.

Allerdings geht es in diesem Alter bekanntlich oftmals mehr um das Herausstreichen von Individualität und sehr viel weniger um eine funktionierende Thermoregulation. Insofern wären auch Anerkennung der letztendlich offensichtlich erfolgreichen Suche nach einem brauchbaren Distinktionsmerkmal sowie Respekt vor der Bereitschaft, das ohne Wenn und Aber umzusetzen, angemessene Reaktionen.

Der Persönlichkeit dieses mutmaßlichen Schülers vollumfänglich gerecht wird also weder Spott noch Überhöhung. Dass er weiß, um welches Thema es gehen wird, wenn er von fremden Menschen angesprochen wird, sind wohl auch eher Erfahrungswerte als hellseherische Fähigkeiten. „Ich habe eine Jacke“ war die Antwort, die meine Ex-Gattin zu hören bekam, als sie ihn darauf ansprechen wollte und mit diesem Ansinnen offenbar nicht die Erste gewesen war.

Sehen wir darüber hinweg, dass, wo die Frage gar nicht gestellt werden konnte, es sich streng genommen auch nicht um eine Antwort handelt, muss man in einer solchen Situation die nächste Frage eher an sich selbst richten: Reicht mir diese Aussage? War es das, was ich herausfinden wollte: dass er sehr wohl eine Jacke hat? Falls nicht: Wie realistisch ist es, ihm eine seriöse Antwort auf die sich unweigerlich anschließende Frage zu entlocken, wie kalt es noch werden muss, damit er in Betracht zieht, die in seinem Besitz befindliche Jacke auch ´mal anzuziehen? Ob es Teil eines Konzeptes ist, dass die Grundfarbe seiner T-Shirts immer schwarz ist, gerät da schon fast zur Nebensache. Ich vermute ´mal, dass Zufall dahinter steckt. Stil hat man oder eben nicht.

Wie immer wenn zuverlässige Informationen Mangelware sind, sind Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Mein Verdacht ist also, dass sein Alleinstellungsmerkmal ein auf die Spitze getriebenes Resultat der Auseinandersetzung mit einem leidigen Thema ist, dem sich früher oder später ohnehin jeder stellen muss, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Die Frage lautet: Wie sinnvoll sind Übergangsjacken?

Man geht ja bei dem Konzept der Übergangsjacke fälschlicherweise davon aus, es gäbe ein Kleidungsstück, welches seinen Träger von Februar bis April und dann nochmal ab Mitte September bis mindestens Oktober morgens bei 3 Grad in eine angenehme Wärme hüllt, ohne diesen am selben Tag, nur eben 10 Stunden später, bei 19 Grad im gleichen Kleidungsstück ordentlich schwitzen zu lassen. Dagegen erscheint die Quadratur des Kreises oder – noch schwieriger – ein Auswärtssieg beim FC Barcelona fast schon als lösbare Aufgabe.

Wenn man in der Früh demnach getrost mit der stinknormalen Wintergarnitur zurechtkommt, später am Tag aber ein T-Shirt ausreicht, gehört eine Übergangsjacke außer vielleicht in dem kurzen Zeitfenster zwischen 11 und 12 Uhr zu den letzten Dingen, die man in dieser Situation benötigt.

Insofern gehören Übergangsjacken in die gleiche Kategorie überflüssiger Gegenstände wie ungelesene Bücher oder Laufschuhe. Mir ist bewusst, dass „Bock-drauf-haben“ das eigentliche „brauchen“ ist, und dass ich mich als jemand, der in Flur und Schlafzimmer Platz für 60 Paar Schuhe benötigt, auf sehr dünnem Eis bewege, wenn ich die Bekleidungsindustrie als eine derjenigen Branchen brandmarke, die uns am erfolgreichsten sinnlosen Kram als überlebenswichtig aufschwatzt. Dennoch: Die Frage, ob man etwas wirklich braucht, hat bei einer Übergangsjacke die gleiche Berechtigung wie bei einem Schützenpanzer.

Fassen wir bis hierher zusammen: Man braucht streng genommen keine Übergangsjacke, sondern eine normale dicke Jacke, die einen regelmäßig zuverlässig durch den durchschnittlichen, also für die Jahreszeit zu warmen Winter bringt. Dazu braucht man nachmittags irgendjemand, der einem diese Jacke abnimmt, solange man noch draußen unterwegs ist. Von der anderen Seite aufgerollt: Was wir eigentlich brauchen, ist eine Tasche für mindestens eine Jacke. Für den Fall der Fälle sollte die Tasche ausreichend Platz für zwei Jacken bieten, weil die Jeansjacke, welche bei den für den Nachmittag angekündigten 18 Grad genau richtig gewesen wäre, direkt in dieser Tasche bleibt, weil das Thermometer stattdessen 22 Grad anzeigt und sich somit jedwede Jacke verbietet.

Eine solche Übergangstasche sollte natürlich ästhetisch kein allzu großer Unfall sein. Leider sehe ich exakt an dieser Stelle ernsthafte Probleme auftauchen. Denn angesichts einer Vielzahl von Männern, die bereits mit ihren normalen Umhängetaschen modisch komplett überfordert sind und diese demonstrativ vor ihrem Bauch tragen anstatt sie lässig seitlich baumeln zu lassen, darf man sich diesbezüglich überhaupt keinen Illusionen hingeben. Irgendjemand wird schon dafür sorgen, selbst die geilsten Taschen aussehen zu lassen als wären sie samt ihren Trägern gerade einem Puppentheater entsprungen.

Man wird sich an solche verstörenden Anblicke gewöhnen müssen, denn solange der Mensch nicht anpassungsfähig genug ist, saisonale Temperaturunterschiede beispielsweise über einen Fellwechsel zu regulieren, wird man bei Bedarf Jacken an- oder ausziehen müssen. Somit geht an der Übergangstasche wohl kein Weg vorbei.

Denn wie man außerdem immer wieder beobachten kann, weiß das Wetter oft genug selbst nicht so genau, in welche Richtung es sich entwickeln soll. Und was macht man als Wetter, wenn man sich nicht entscheiden kann? Genau: Man pendelt zwischen den Extremen hin und her und ignoriert sämtliche Stadien dazwischen. Nehmen wir die drei Tage im Jahr, in denen die Temperaturen den Einsatz einer Übergangsjacke, welche sich bereits seit Monaten für den Tag X fit hält, tatsächlich als praktikabel erscheinen lässt – das Wetter ist damit doch regelmäßig dermaßen überfordert, dass tags darauf der status quo ante wiederhergestellt wird. Im Frühjahr bedeutet das: auf einen Tag mit milden 15 Grad folgen zweieinhalb Wochen mit Temperaturen zwischen 2 und 4 Grad. Danach geht es ohne Umschweife in den Sommer über. Im Herbst besinnt sich das Wetter nach einem kühleren Tag gern darauf, dass 28 Grad uns an und für sich ganz gut durch die letzten Monate gebracht haben und kehrt daher bis zum ersten Schnee zu entsprechenden Temperaturen zurück. Wo aber zwischen sehr warm und sehr kalt kein Raum für alles Dazwischenliegende mehr existiert, fehlt der Übergangsjacke zur Existenzberechtigung der Übergang.

Wo soll das alles hinführen? Festzustehen scheint: Selbst wenn bloß die optimistischsten Prognosen in Bezug auf den Klimawandel zutreffen, werden wir uns – der mutmaßliche Berufsschüler mit ohne Jacke eingeschlossen – warm anziehen müssen. Im Hinblick auf den Umgang mancher Zeitgenossen mit diesem Thema bleibt außerdem festzuhalten: So manche menschliche Verhaltensweise ist längst nicht mehr nachvollziehbar; über die Konsequenz, mit der sie durchgezogen werden, kann man sich nur noch wundern.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

So etwas sagt einem ja wieder niemand. Während man bei manchem, was im Laufe eines durchschnittlichen Lebens auf uns einprasselt, recht schnell ahnt, dass man eine gerade erworbene Kenntnis oder Fertigkeit aller Voraussicht nach niemals mehr benötigen wird, gibt es einen blinden Fleck, bei dem die eigene Intuition regelmäßig versagt: Bekommt man bescheinigt, ein guter Zuhörer zu sein, fühlt man sich geschmeichelt. Gerade in jungen Jahren, wenn man auf der Suche nach sich selbst irgendwie noch nicht wirklich fündig geworden ist und man aus diesem Nichts heraus plötzlich ein solches Kompliment erhält, ist das Balsam für die ansonsten geschundene Seele. Zuhause wird man ja doch nur dauernd mit Vorwürfen wie „Wie lange soll das mit dem Studieren eigentlich noch dauern?“ oder „Raucht Ihr wieder Crack?“ konfrontiert – da kommt ein kleines bisschen Anerkennung im Grunde genau zur richtigen Zeit.

Leider ist die Konsequenz häufig, dass man den irrigen Glauben, es handele sich dabei um eine positive Eigenschaft, übernimmt und in diesem Sinne weiter daran arbeitet, diese zu verfeinern. Zwar hat man eine ungefähre Ahnung davon, dass die Eigenschaft des Gut-Zuhören-Könnens keine Perspektive für die nächsten 20 Jahre bietet, zumindest solange man nicht Jürgen Domian ist, aber – nein, direkt sagen wird einem das niemand.

Noch dazu weist in dieser Situation auch niemand darauf hin, dass „Du bist ein guter Zuhörer“ auf derselben Stufe steht wie „stets bemüht“ oder, noch vernichtender, „die Richtung stimmt“: Es klingt von vorne wie ein Lob, tritt Dir aber von hinten in den Arsch. Es nimmt den Adressaten weder irgendwohin mit noch überhaupt irgendwie ernst. Wer einmal nach einem Treffen den Satz „Mit Dir kann man sich super unterhalten“ vernahm und sich daraufhin dachte, „nachdem ich jetzt zwei Stunden lang Deinen Monolog zunächst aus Höflichkeit, spätestens ab der zweiten Hälfte aber allein aus Mangel an Möglichkeiten nicht unterbrochen habe, muss ich das jetzt am Ende auch nicht mehr aufklären“, kennt die Spielregeln.

Was mir erst im Nachhinein richtig aufgefallen ist: Woher genau wollten die Leute denn eigentlich gewusst haben, wie gut ich zuhören kann? Woher nahmen sie die Gewissheit, dass ich überhaupt zugehört habe? Denn man muss ja an sich nicht wirklich viel machen, um den Eindruck zu erwecken, man höre gut oder meinetwegen wenigstens mittelmäßig zu. Brechen wir es einmal ´runter auf die Basisaspekte: Solange man die Augen geöffnet hält, sich nicht demonstrativ Kopfhörer aufsetzt oder einfach aufsteht und geht, hinterlässt man ja beinahe zwangsläufig den Eindruck, man würde zuhören, selbst wenn man die ganze Zeit bloß überlegt, was man am Abend essen wird.

Oder, was wahrscheinlicher ist, wie sich welches Ergebnis am kommenden Spieltag der Fußball-Bundesliga auf die Tabelle auswirkt.

Weil man für gewöhnlich von niemandem auf nichts hingewiesen wird, sei an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht: Nur weil das Zuhören relativ einfach zu simulieren ist, bedeutet es mitnichten weniger Anstrengung als das Sprechen.

Was soll man auch groß sagen?! Ich habe in meinem Leben schon so viel Quatsch anhören müssen, dass für mich inzwischen eine Art selektives Nichtzuhören die eigentliche hohe Schule des Zuhörens geworden ist. Zum Beispiel kann ich mir das Zuhören in all denjenigen Fällen von vorneherein sparen, in denen sowieso nicht über mich gesprochen wird. Das menschliche Gehirn ist ohnehin ständig damit beschäftigt, unwichtige von wichtigen Informationen zu trennen. Weshalb diese Praxis keineswegs so verwerflich ist wie sie sich zunächst anhört.

Man könnte selbst an dieser Stelle noch einwenden, mein höchst persönlicher Umgang mit dieser Materie müsse ja nicht bindend für alle anderen sein, im übrigen genauso wenig wie mein Wunsch, mir ein Eichhörnchen in der Wohnung zu halten, um dessen Schweif bei Bedarf als Flaschenbürste benutzen zu können.

Allerdings: Fürs Zuhören allein benötigt das Hirn lediglich ein rundes Viertel seiner Kapazität. Die übrigen drei Viertel mäandern durch das restliche Weltgeschehen und machen dabei, bedingt durch die schiere Masse an möglichen relevanteren Themen, schon rechnerisch eine Beschäftigung mit anderen Dingen sehr viel wahrscheinlicher als eine Auseinandersetzung mit dem, was der Gesprächspartner gerade von sich gibt.

Wenn man also einem Anderen eines seiner normalerweise in doppelter Anzahl verfügbaren Ohren leiht, sollte man stets bedenken, was sich zur gleichen Zeit zwischen den Ohren sonst noch abspielt. Ich hoffe, dass dieser Sachverhalt bei möglichst vielen Senioren ankommt, bevor ich mir das nächste Mal, bloß weil einer von ihnen mit mir erfolgreich ein Gespräch über den Hund an meiner Leine begonnen hat, vor der Arbeit noch seine komplette Lebensgeschichte anhören darf.

Wenn sich Umfragen zufolge dennoch 96 Prozent der Erwachsenen für gute Zuhörer halten, könnte man sich also nicht allein auf Lebenserfahrung, sondern auch auf valide Forschung stützen, wollte man diese Zahl in Zweifel ziehen und einmal mehr auf den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung verweisen. Wobei speziell bei diesem Thema die Kluft zwischen beidem schwierig aufzulösen ist: Denn wenn jemand Schwierigkeiten mit dem Zuhören hat, wird er kaum eine Ausnahme machen, wenn man ihm exakt dies sagen will. Dass obendrein ausgerechnet viele der kommunikationsunfähigsten Zeitgenossen mit einem unangemessen hohen Sendungsbewusstsein ausgestattet wurden, macht die Aufgabe nicht leichter. Dass sich innerhalb dieser Gruppe auch noch eine keineswegs vernachlässigbare Menge an Leuten mit einem gefühlten IQ von 75 befindet, bringt zusätzliche Brisanz in das Unterfangen. Mission kann nicht abgeschlossen werden.

Es ist wahrscheinlich jedem schon einmal passiert: Ihr denkt beim Schreiben, der letzte Abschnitt war dann eher für die Misanthropen unter den Lesern, lest daraufhin den gesamten Text nochmal, um herauszufinden, an welcher Stelle Ihr auf diese Spur abgebogen seid, und stellt dabei überrascht fest, dass im Grunde jede einzelne Zeile vorher auch schon diese Zielgruppe bedient. Als Resultat einer mehrere Monate dauernden Schreibpause hätte selbst ich ich etwas mehr von mir erwartet. Wie komme ich aus dieser Nummer wieder ´raus? Vielleicht hiermit: Ich bin der festen Überzeugung, dass die Leute nicht grundsätzlich nicht zuhören können, sondern die allermeisten von ihnen irgendwann einfach aufgegeben haben, zuzuhören, nachdem sie allzu oft Zeuge ausufernder Selbstgespräche geworden waren.

Das Weiterreichen des Schwarzen Peters von den Weghörern an die Dummschwätzer macht die Angelegenheit vielleicht nicht unbedingt weniger zynisch, ermöglicht aber optimistischere Perspektiven. Denn einfacher als sich das Zuhören wieder anzutrainieren, bis man kurz darauf doch wieder Rudi Völler zitiert („Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören!“), erscheint es mir, immer und immer wieder darauf hinzuweisen: dass man Stille innerhalb eines Gesprächs tatsächlich aushalten lernen kann; dass nichts Peinliches an einem „Dazu kann ich gar nicht viel sagen“ ist, im Gegenteil; dass ein Telefonat oder eine Moderation allerdings tendenziell ungünstige Gelegenheiten sind, Schweigen auszutesten.

Und nicht zuletzt: dass, wenn man aktuell nichts zu sagen hat, nicht bedeutet, dass man grundsätzlich nichts zu sagen hat.

Auszeit

Es mag sein, dass „Ich kann nicht mehr“ bei den meisten Menschen eigentlich „Ich will nicht mehr“ bedeutet. Zumindest bei mir gibt es in der Regel diesen einen Punkt, der Schlimmeres verhindert, weil der Geist dem Körper vorgeschaltet ist. Man muss nicht stolz sein auf diese Eigenschaft. Dankbar wäre schon ausreichend. Mag sein, dass die beiden Marken nicht sehr weit auseinanderliegen, doch angesichts der Alternative Totalzusammenbruch sind auch Nuancen Gold wert.

Da diese Blogeinträge hier nach Feierabend entstehen, gibt es regelmäßig Abende, an denen ich mir noch drei schnelle Kaffees ´reinzimmere, um etwa 90 Minuten zusätzliche Zeit zu gewinnen, bevor ich vor dem Bildschirm einnicke. Im Ergebnis bin ich am nächsten Tag nicht so fit wie ich sein möchte, war – wenn man es überspitzen möchte – mehr auf dem Klo als vor der Tastatur und selten zufrieden, weil entscheidend weitergekommen mit dem Texten, wiederhole den Vorgang dennoch zwei bis drei Abende, damit alle zwei Wochen ein ansprechender Text herauskommt. Dieser wird dann von den üblichen fünfzehn Leuten wahrgenommen, von denen allerdings regelmäßig fünf thematisch von vorneherein nicht abgeholt wurden. Von den restlichen zehn haben sechs keine Zeit zum Lesen, aber zwei davon überfliegen mir zuliebe das Ganze, um einigermaßen glaubhaft zu versichern, dass der Blogeintrag diesmal wieder besonders gelungen ist. Nichts davon mache ich irgendjemandem zum Vorwurf, aber mit zehntausenden Fans im Rücken würde sich diese Aussage definitiv leichter tätigen lassen als mit zehn.

Es mag sein, dass es dort draußen Schreiberlinge gibt, für die das Konzept, vor allem für sich selbst zu schreiben, hervorragend funktioniert. Als gesunde Basis ist diese Einstellung auch überhaupt nicht zu verachten. Doch warum sollte ich mir selbst in die Tasche lügen, wenn ich doch weiß, um was es eigentlich geht: Bestätigung und Anerkennung. Im Prinzip also die gleichen Motive, derentwegen andere Sport treiben, teure Autos fahren oder einen Facharzt für ästhetische Chirurgie aufsuchen. Nur individueller.

Üblicherweise ist es ja so, dass es spätestens im Angesicht des Todes keinen Unterschied mehr macht, wie viel Kohle man hatte, welche Karre man gefahren oder wie viele Menschen man flachgelegt hat. Nach einer gewissen Zeit bleibt eine Handvoll Leute übrig, denen man tatsächlich fehlt. Für manche, einschließlich meiner selbst, ein Problem. Für irgendwas muss das alles ja gut gewesen sein. Also versucht man, unsterblich zu werden, indem man ein wie auch immer geartetes Werk hinterlässt, das einen stellvertretend am Leben erhält. Was das alles so schwierig macht und weshalb sich dieses Werk am Ende doch nur auf das Zeugen einer mehr oder minder zufälligen Anzahl an Nachkommen beschränkt: Man muss schon sehr, sehr gut sein, um Generationen danach wenigstens dem Namen nach noch eine feste Größe im kollektiven Gedächtnis zu sein. Man hat also entweder das Telefon erfunden oder ist auf dem Mond gelandet, hat Kriege geführt oder ein Attentat auf Menschen verübt, die Kriege geführt haben. Dagegen kann ich mit ein paar Zeilen Prosa nicht anstinken. Überhaupt auf die Idee zu kommen, irgendeine Sau außerhalb der familiären Blase würde sich auch nur 10 Jahre später noch wohlwollend an einen erinnern, ist vermessen! Und: Nein, der geniale Text über die misslungene Entsorgung der vollgeschissenen Unterhose am Baum im Hof ändert an diesem Sachverhalt leider nur wenig. Es mag sein, dass das alles gerade extrem harter Stoff für einen Blog ist, der eigentlich der Unterhaltung dienen soll. Aber für jemanden, der eigentlich keinen Kaffee mag, ist sowieso schon länger Schluss mit lustig. Es hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert, wenn der Satz „das war alles eigentlich ganz anders geplant“ ausgerechnet hier einmal nicht anzuwenden gewesen wäre.

Es mag sein, dass die Konsequenz, die ich aus all diesen Überlegungen zu ziehen gedenke, nicht allerorten begeistert aufgenommen wird, aber: Ich benötige eine Auszeit.

Ich brauche Zeit, um mir darüber klar zu werden, wie schlau die Fortführung eines Projektes, bei dem ich seit viereinhalb Jahren auf der Stelle trete, überhaupt sein kann. Denkbar, dass ich während dieser Auszeit zu dem Schluss komme, dass alles keinen Sinn mehr macht, der Ertrag den Aufwand dauerhaft nicht rechtfertigt. Ebensogut kann es passieren, dass mir plötzlich oder allmählich ein richtig guter Plan einfällt, wie ich für den Meilensteinbildhauer irgendwie doch noch einen angemessenen Zuwachs an Popularität generieren kann. Möglicherweise steigt meine Motivation schneller als erwartet wieder an, weil einige meiner treuen Leser mir sehr gute Ideen zukommen lassen, wie dieser Blog endlich die Aufmerksamkeit bekommen kann, die er verdient.

Es könnte aber natürlich auch die Aufdringlichkeit, mit der hier mit dem Zaunpfahl gewunken wurde, als gar zu offensiv empfunden werden. Wer weiß das schon?! Ich bin Texter, kein Prophet. Jedenfalls bin ich dann ´mal für eine Weile weg.

Europameister der Herzen

Dass in Deutschland die Erwartungen an die soeben begonnene Fußball-EM nicht sonderlich hoch sind, ist nachvollziehbar: Nach dem frühen Aus in der Vorrunde der WM vor drei Jahren sind Demut und Bescheidenheit eingekehrt. Man hat gelernt, dass es oft, aber eben nicht immer ausreicht, einfach nur Deutschland zu sein und ansonsten irgendwelche Formeln mit dem Bestandteil „Turniermannschaft“ aufzusagen, um in jedem Wettbewerb automatisch bis mindestens ins Halbfinale vorzustoßen.

Da die erste paneuropäische EM unter dem Eindruck einer Pandemie stattfindet, ist allerdings auch andernorts die Vorfreude auf die Endrunde gedämpft. Insofern kommen Viren, auch wenn sie bereits seit einiger Zeit bereits nicht mehr neuartig genannt werden, relativ ungelegen. Andere meinen, dass umgekehrt angesichts dringenderer Probleme die EM zur Unzeit kommt. Egal von welcher Warte aus man das Ganze betrachtet – am Ende bleibt der Ersteindruck: Selten war ein fußballerisches Großereignis uninteressanter als diesmal. Kommt dann noch dazu, dass man in seinem Blog schon seit jeher über Themen berichtet, die die Welt nicht interessieren, liegt es nicht nur nahe, sondern verpflichtet einen fast schon dazu, endlich wieder einmal über Fußball zu schreiben. Ich lege bereitwillig noch einen drauf: Schon mein grundsätzliches Desinteresse an solchen Wettbewerben qualifiziert mich über die Maßen, darüber zu berichten. Wenn das alles zusammen nicht die besten Voraussetzungen für einen lesensunwerten Text sind, dann weiß ich auch nicht.

Ich bin kein Fußballfan. Ich liebe meine Eintracht, aber das war es auch schon. Wenn der Sinn und Zweck des sportlichen Kräftemessens nicht abverlangen würde, dass man wenigstens hin und wieder gegen andere Teams spielt, könnte ich schon auf andere Vereine voll und ganz verzichten. Für das Kräftemessen auf internationaler Ebene gilt das in verstärktem Maß. Das Konzept, Spielern, die man im Liga-Alltag zu Recht mit Bezeichnungen wie „Wichser“ oder „Arschloch“ schmückt, auf einmal zujubeln zu müssen, weil es um Deutschland geht, war ja schon vor rund 30 Jahren keines, das einem aufgrund seiner inneren Logik auf Anhieb einleuchten müsste. Als ob das Risiko, dass besagte Wichser und Arschlöcher irgendwann zum eigenen Verein wechseln und dann ebenfalls nicht mehr beschimpft, sondern gefeiert gehören, nicht schon ausreichte!

Um dieses Problem zu umschiffen, beschloss ich irgendwann, mir eine andere Auswahlmannschaft zu suchen, mit der ich guten Gewissens mitfiebern konnte, weil keine oder wenigstens nicht so viele Unsympathen aus München, Stuttgart oder Dortmund Teil des Ensembles waren. Ein weiteres Kriterium war: Halbwegs regelmäßige Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften. Weswegen es zugegeben auch etwas verwundert, dass es am Ende die Niederlande wurden. Aber nach den ersten fruchtlosen Diskussionen, wieso ich bitte nicht für Deutschland halte, war klar, dass ich dieser Borniertheit eine maximale Provokation entgegenzusetzen hatte. England hatte sich angeboten, zumal nach Kanzler Kohls verbalem Nachtreten nach dem für Deutschland siegreichen WM-Halbfinale 1990, man habe die Engländer in ihrem Nationalsport besiegt. Der Konter der damaligen britischen Premierministerin war hingegen weltmeisterlich: „Richten Sie ihm aus, dass wir die Deutschen in diesem Jahrhundert schon zweimal in ihrem Nationalsport besiegt haben.“ Das hatte Charme und Klasse, doch ein Problem blieb bestehen: Außer ein paar Hooligans interessierte sich in Deutschland nämlich kaum jemand für die seitens der Engländer recht einseitig gepflegte Rivalität. Wenn ich nachhaltig provozieren wollte, mussten schärfere Geschütze aufgefahren werden. Und glücklicherweise gab es zu jener Zeit eine andere bedeutende Fußballnation, die sich mächtig dafür ins Zeug gelegt hat, von den Deutschen abgrundtief gehasst zu werden: Dem ein´ Rudi Völler in die Locken zu spucken oder, zwei Jahre zuvor, sich am Hintern zu kratzen, während man das soeben getauschte deutsche Trikot noch in der Hand hält – beim Fußball hat schon weniger ausgereicht, um sich nachhaltig unbeliebt zu machen.

Letzten Endes konnte weder England noch Niederlande verhindern, dass Deutschland 1990 den Titel gewann. In einem Jahr also, das für dieses Land durch die nur noch einen Abwurf weit entfernte Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ohnehin besonders große Bedeutung hatte. Das Zusammenspiel von Fußball-WM und bevorstehender Einheit ließ das Bedürfnis wachsen, fahnenschwenkend auf den Straßen zu feiern. Das, was heute als Party-Patriotismus bezeichnet wird, wurde im Grunde 1990 geboren. Und das hatte Folgen: Weil Autokorsos und deutsche Lebensart ungefähr gar nicht zusammenpassen, hat man das Ganze erstmal von der Spontanität befreit und zum Ritual verkommen lassen, das in den darauffolgenden Jahren auch dann noch durchgeführt wurde, wenn man trotz einer indiskutablen Vorstellung durch Zufall gerade noch so die nächste Runde erreicht hat. Da rollt man nicht einfach so die Fahnen zusammen und geht nach Hause – da muss auf die Kacke gehauen werden! Schließlich hatte einer für diese Zeremonie extra nüchtern bleiben müssen, und in solchem Zustand waren noch die wenigsten Spiele mit deutscher Beteiligung ein Genuss.

Beseelt von WM-Titel und bevorstehender Wiedervereinigung kündigte beziehungsweise drohte Teamchef Beckenbauer eine „auf Jahre unschlagbare“ deutsche Nationalelf an. Andere betrachteten den nationalen Taumel argwöhnisch als die geöffnete Büchse der Pandora; es stand zu befürchten, dass bei weitem nicht alle ihre Fahnen brav wieder einrollen, sobald der Ball nicht mehr rollt. Kurze Zeit später wurden Flüchtlingswohnheime in Brand gesteckt, dafür aber bereits wieder wichtige Fußballspiele verloren. Ich hatte es geahnt, und dennoch: Hätte mir damals irgendjemand gesagt, dass nur eine dieser beiden Aussagen definitiv zutreffen wird, die andere dagegen ebenso definitiv nicht, wäre meine Schadenfreude angesichts der deutschen Endspielniederlage gegen Dänemark nicht so groß gewesen.

Zurück zum Sport: Mit den Jahren veränderte sich mein Verhältnis zur niederländischen Elftaal. Aus einem Zweckbündnis wurde echte Zuneigung. Das lag nicht nur daran, dass mir orange einfach sehr gut steht, sondern auch an einer Einsicht: Denn nach und nach begriff ich, dass es bei der ganzen Rivalität nur am Rande um den 2. Weltkrieg und die deutsche Besatzung geht. In Wirklichkeit verbirgt sich dahinter ein viel tiefer sitzender Konflikt. Er lautet Feingeist gegen Zweckmäßigkeit. Während in Deutschland Titel erkämpft werden, sind die Niederländer meistens die Titelträger der Herzen: Ineffizient, aber geil. Erfolglos, aber schön.

Für jemand wie mich bedeutet das natürlich ausreichend Projektionsfläche.

Unter Druck gesetzt

Plötzlich und unerwartet. Etlichen in meinem Haushalt befindlichen Gegenständen merkt man bereits an, dass sie mittelfristig durch Neuanschaffungen ersetzt werden möchten. Den Drucker hatte ich allerdings diesbezüglich nicht auf dem Zettel. Und was für ein Spektakel! Gewohnt behäbig, letzten Endes aber zuverlässig gerade noch eine Seite ausgedruckt. Als dann der nächste Text an der Reihe war: Kein Bild, kein Ton. Zunächst wunderte ich mich nicht über die Technik, sondern über mich: Wieso habe ich das Gerät ausgeschaltet, obwohl ich noch mehr zu drucken hatte? Aber okay – man wird halt auch nicht jünger. Erst als mehrere Versuche, das Teil wieder einzuschalten, gescheitert waren, wurde mir bewusst, dass ich den mutmaßlich nicht ausgeschaltet habe, sondern dass der von sich aus den Dienst für immer quittiert hat.

Ein handelsüblicher Drucker hat mit dem Menschen ja gemein, dass man ihm einen Auftrag gibt, das Ergebnis aber nicht immer das abbildet, was man sich vorgestellt hat. Doch diese Form der Arbeitsverweigerung war eine neue Qualität.

Immerhin kam nach dem ersten Schock Erleichterung wenigstens in einem Punkt: Die vollen Tintenpatronen, die er recht bald benötigt hätte, waren noch nicht bestellt. Bei älteren Menschen überlegt man ja auch zweimal, ob etwas Neues, seien dies nun Schuhe, eine Couchgarnitur oder Hüftgelenke, wirklich noch notwendig sind oder ob man die restlichen paar Wochen vielleicht doch noch mit dem aktuell vorhandenen Inventar weiterarbeiten kann.

Generell erinnert dieses abrupte Ende des Tintenstrahlers an die Fälle menschlicher Tragik, bei denen es heißt: Gestern habe ich noch mit ihm telefoniert, da war alles ganz normal. Und im Grunde wünscht man sich als Mensch für sich ja exakt dieses Szenario, wenn einem der Stecker für immer gezogen wird: Kurz und schmerzlos, ohne Vorankündigung und lange Leidenszeit einfach ´mal offline gehen. Für immer. Kein Resümee, kein Fazit, kein „Ich hatte doch noch so viel vor“ beziehungsweise „ich hatte doch noch einige Dokumente in der Warteschlange“.

Jede Medaille hat ihre zwei Seiten: So schön diese Form des Ablebens für den Betroffenen auch sein mag – für die, die den Rest dann wegkehren müssen, ist die Überraschung nicht so gelungen. Als jemand, der mit dieser neuen Situation anschließend irgendwie umgehen muss, hätte man sich im Gegensatz zu diesem Schock eventuell eine gewisse Vorbereitungszeit gewünscht, während der man sich allmählich an den Gedanken gewöhnen kann, dass das alles nicht ewig so weitergehen wird. Man kann daraus jetzt unterschiedliche Schlüsse ziehen, aber auf diesen Kern heruntergebrochen kann man festhalten: In Bezug auf die Fassungslosigkeit der Zurückgelassenen unterscheidet sich ein Drucker nicht nennenswert von einem Menschen.

Hier wie dort wird es zum Beispiel bald heißen: Mist! Jetzt muss ich mir wieder einen neuen suchen. In Einzelfällen mag es auch heißen: Okay, endlich Ruhe, läuft bei mir! Unterm Strich wird sich aber auch in diesen Fällen zur vorhandenen Gefühlsmelange irgendwann das Zugeständnis gesellen, wonach nicht alles schlecht gewesen sei.

Und so wie vielleicht der ein oder andere hinterbliebene Ehepartner sagt „Nun gut, die letzte Zeit hat das alles vielleicht eh nicht mehr so gepasst“, so bin ich bei meinem Ex-Drucker geneigt, sogar noch ein Stück weiterzugehen und zu sagen, es hat sowieso nie richtig gepasst. Man vergleicht ja seinen aktuellen Drucker fast unweigerlich mit den anderen Druckern, die man vor ihm hatte. Da wird man im Laufe der Zeit etwas milder im Urteil, verzeiht die eine oder andere Macke, die der Drucker hat. Schließlich war man früher noch ganz andere Sachen gewohnt. Bislang stellte sich noch bei jedem Drucker früher oder später heraus, dass die Erwartungen an ihn höher waren als er erfüllen konnte. Aber er war dann halt da, man lernte nach und nach, irgendwie damit umzugehen, und je öfter man darüber nachdachte, umso deutlicher bildete sich das Urteil heraus: An den ersten Drucker kam sowieso keiner seiner Nachfolger mehr dran.

Die Angst vor weiteren Enttäuschungen führt ja bei vielen Menschen auch dazu, dass fortan komplett auf einen Drucker verzichtet wird. Sollte das Bedürfnis nach ausgedruckten Bewerbungsunterlagen oder einem schönen Foto akut werden, kann das ja oft auch beim Nachbarn, einem Kollegen oder dem besten Freund gestillt werden. Wenn alle Stricke reißen, begibt man sich zu einem Dienstleister, bei dem sich bestimmte Bedürfnisse gegen Bezahlung befriedigen lassen. Alles legitim.

Nachdem spätestens an dieser Stelle des Textes beim geneigten Leser die Frage aufploppt, ob solche verqueren Gedanken etwa damit zusammenhängen könnten, dass der Verfasser im Leben bislang weniger Partnerinnen als Drucker gehabt hätte, gebe ich gern bereitwillig Auskunft: Man wird bei beidem im großen und ganzen auf einen etwa ähnlich niedrigen Wert kommen. Affären nicht mitgezählt.

Denn dass ich zu fast jeder Zeit nebenbei noch andere Drucker hatte, ist ja ein offenes Geheimnis. Zunächst sind es nur gelegentlich zwei bis drei Seiten, die auf dem Gerät in der Firma ausgedruckt werden, und irgendwann öffnet man Abdeckungen vorne und hinten und fummelt innerhalb des Gehäuses irgendwelche gestauten Blätter heraus oder wechselt die Tonerkassette. Und natürlich stellen diese für einen Drucker intimsten Momente den Drucker zuhause in keinster Weise in Frage. Trotzdem ist das Kränkungspotenzial natürlich hoch, wenn die Liaison auffliegt. Plötzlich muss man auf Fragen wie „Was hat der Drucker, was ich nicht habe“ spontan gescheite Antworten geben und kann dabei im Grunde nur verlieren. Man sagt da ja nie die Wahrheit. Etwa: „Der schafft 25 Seiten pro Minute. Da guckt man als Mann natürlich gern hin.“ Eher sagt man: „Das ist so unbedeutend. Ich bekomme doch nirgends sonst Diagramme in so sagenhafter Qualität ausgedruckt wie hier zuhause.“

Ein Drucker hat ja auch Gefühle. Die kann man manchmal gut verstehen, manch anderes Mal nur schwer nachvollziehen.

Aber dass sich einer sozusagen selbst den Stecker zieht, passiert wieder ´mal nur mir.

Wo soll das alles noch hinführen..?

30. 4. Die Entscheidung, den Abend vor einem Feiertag für den Wocheneinkauf auszudeuten, war vielleicht alternativlos. Aber alternativlos bedeutet halt auch immer: nicht geil. Dennoch: Lidl lohnt sich. Zumindest wenn man erfahren möchte, warum sich mancherorts die Pandemie einfach nicht ausbremsen lässt, ob sich wirklich jeder selbst der Nächste ist oder weshalb Offenbach von seinem schlechten Ruf partout nicht wegkommt.

1. 5. Ein Paar kürzlich via ebay-Kleinanzeigen erstandener kaum getragener Schuhe wurde heute eingeweiht. Als meine Freundin mitbekam, wie ich des Abends – wie man das eben so macht – eine ordentliche Nase davon nahm, meinte sie, mich beruhigen zu müssen: „Das ist nicht von Dir.“ Ich klärte sie darüber auf, dass es bei gebrauchten Schuhen fast etwas beunruhigender für mich wäre, wenn der Geruch von jemand anderem käme.

2. 5. Wann genau hat das eigentlich angefangen, dass man sich von dem Diktat befreite, auf emails binnen vier oder fünf Wochen antworten zu müssen, wenn man ernsthaft ein Produkt oder eine Dienstleistung verkaufen möchte? Und warum?

3. 5. In einer gerechten Welt wäre nicht nur mein Lieblingsfußballverein um mindestens einen Meistertitel reicher, sondern auch der Mythos, wonach der erste Eindruck entscheidend ist, längst als Propaganda entlarvt.

4. 5. Bin ich eigentlich der einzige, der sich angesichts der seit Jahren beinahe ungebrochenen Popularität von Kochsendungen im Fernsehen und des anhaltenden Trends zu Fertiggerichten die Frage stellt, wie das eine mit dem anderen zusammenpasst?

5. 5. Das Zeitfenster, innerhalb dessen man mit einer erhaltenen Impfdosis noch ordentlich angeben konnte, ist geschlossen. Exklusiv ist der Kreis, zu dem man nun gehört, irgendwie nicht mehr. Die Reaktionen auf diese Nachricht sind ähnlich leidenschaftslos als wenn man verkündet hätte, dass man jetzt auch endlich bei Instagram ist: Man kommt immer irgendwie zu spät mit allem.

Es ist symptomatisch, dass es bei mir nur für den unbeliebtesten aller hierzulande zugelassenen Impfstoffe gereicht hat. Und auch wenn es mir auf der Zunge lag, wollte ich nicht in letzter Sekunde diese Gelegenheit auch noch versemmeln, indem ich nachfrage, ob es da nicht etwas von ratiopharm gebe.

6. 5. Donnerwetter! Fachleute und Betroffene haben in Bezug auf Impfreaktionen teilweise wirklich nicht zu viel versprochen!

10. 5. Die seit einigen Wochen gehegte Vermutung, eine bestimmte Kombination aus hellem Anorak und Hut würde mich alt wirken lassen, erweist sich als völlig unbegründet. Denn wie ich heute zufällig sehen musste, liegt es nicht an den Klamotten, sondern daran, dass ich inzwischen auch in anderen Outfits alt aussehe.

12. 5. Wenn die Stadt Hanau den Kinzigsteg, den meine Freundin und ich noch vor wenigen Tagen überquert haben, aus Sicherheitsgründen sperrt, gibt das zu denken: Zwar hatte ich schon seit mehreren Monaten angemahnt, dass wir beide zu dick sind. Dass wir zwei Schwergewichte allerdings diesem Holzbauwerk den Rest geben,, hätte selbst ich nicht erwartet.

13. 5. Mein Vermieter und ich sind ja schon von Haus aus nicht die eloquentesten Vertreter unserer Art. Mit dem Wortgefecht, das wir uns heute früh geliefert haben, setzten wir diesbezügliche Maßstäbe jedoch noch einmal komplett neu:

Vermieter (nickt mir zu)

Ich: „Und – Vatertagsausflug?“

Vermieter: „Ja, scheinbar.“

Ich: „Super!

Vermieter: „Ebenso!“

(Fast) ohne Worte! Und trotzdem alles gesagt. So geht Smalltalk heute. Ich gehe immerhin davon aus, dass die zur Feier des Tages üblicherweise gereichten alkoholhaltigen Getränke seine Zunge später etwas gelöst haben.

14. 5. Der Vorteil des Laufens gegenüber einer Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln ist doch dieser: Beim Vorbeilaufen bekommt man von Gesprächen seiner Mitmenschen nur Fragmente mit, während man in Bus oder Bahn dazu verdammt ist, auch noch den Rest zu ertragen. Eine Perspektive, die nur gut finden kann, wer meint, auf Bekenntnisse wie „Dieses Tofu oder wie das heißt, bekommt mir nicht“ oder auf die blauäugige Einschätzung „Du kannst Dein Kind ja so erziehen, wie Du willst“ könnte tatsächlich noch etwas Substantielles folgen. Es mag Ausnahmen geben. So wie damals, als die beiden jungen Schülerinnen mit ihrer Diskussion über die richtige Schreibweise des Wortes Rhythmus ein halbes U-Bahn-Abteil unterhielten, weil allen Zuhörenden klar war, dass da nicht mehr viel zu retten sein wird, wenn auf das so korrekte wie unstrittige R ein Ü folgt.

Von solchen raren Beispielen abgesehen will man doch aber meistens lieber nicht wissen, wie es weitergeht. Es fängt doch schon damit an, dass man oft genug ohnehin nur das erzählt bekommt, wie derjenige in einer gewissen Situation gern gehandelt hätte. Wie es sich tatsächlich zugetragen hat, bleibt Spekulation. Und exakt deshalb reichen Gesprächsfetzen aus. Sie regen die Fantasie an. Und das Resultat des Nachdenkens darüber, wie es nach diesem oder jenem Cliffhanger nun weiterging, ist oftmals näher an der Realität als die Erzählung desjenigen, der es miterlebt hat.

Ich bin ja auch schon mit Fußballfans in der Bahn gefahren beziehungsweise war einer von ihnen und als solcher gewiss selbst Projektionsfläche des einen oder anderen Vorurteils. Ich weiß also, wovon ich spreche, denn so intellektuell unvorbelastet wie beim Fußball sind die Gespräche sonst höchstens noch auf der Arbeit. Dort also, wo man in besonders weihevollen Momenten auch ´mal Einschätzungen wie folgende zum Thema Lotto zu hören bekommt: „Sechs Zahlen aus 49 – das ist ja einfach!“ Und dann wird einem schlagartig klar, dass man die Antwort auf die Frage, wo das alles noch hinführen soll, lieber gar nicht hören möchte.

Verstehen Sie Spaß?

Wenn man jetzt im Frühjahr genau hinschaut, kann man manchmal gut den Unterschied erkennen, welche Mitmenschen in der letzten Zeit bloß eine typische Winterdepression hatten und welche einfach das ganze Jahr über mies gelaunt sind.

Nun möchte ich nicht bestreiten, dass es plausible Gründe gibt, ganzjährig schlechte Stimmung zu verbreiten, umgebe mich selbst allerdings inzwischen lieber mit Menschen, die einen locker aus dem Ärmel geschüttelten Spruch zwischendurch durchaus zu schätzen wissen.

So weit die Theorie. In der Praxis gestaltet sich die Suche nach Menschen, mit denen man humortechnisch auf der gleichen Wellenlänge funkt, leider oftmals schwieriger als gedacht. Offen gestanden gestaltet sich generell die Suche nach Menschen, mit denen man etwas anfangen kann, schwierig für jemanden, der problemlos Ratgeber wie „Die Kunst, keine Freunde zu finden“, „Unbeliebt in vier Wochen“ oder „Erfolglos netzwerken“ schreiben könnte. Doch bevor ich wieder unnötig abschweife – dem Problem jedenfalls, dass Individuen über Unterschiedliches lachen, muss man sich stellen. Das gilt übrigens unabhängig davon, ob man nun ein einsamer Blogger ist, der seit vier Jahren für die gleichen sieben bis acht Freunde veröffentlicht, oder ein renommierter Schauspieler: Fällen zu viele Menschen das Urteil „Da kann ich nicht drüber lachen“, hilft am Ende auch nicht, wenn die Arbeit rein handwerklich betrachtet absolut nicht zu beanstanden ist.

Jede witzige Bemerkung benötigt ihr je eigenes Publikum. Berichtet beispielsweise die Kollegin, dass sie soeben wegen der Handwerker auf der Frauentoilette zu den Herren der Schöpfung ausgewichen ist und sich natürlich just in jenem Moment ein männlicher Kollege irritiert umsieht, ob er die richtige Tür genommen hat, ist „als ob er´s gerochen hätte“ von vielen denkbaren Redewendungen eine der wenigst schmeichelhaften. Derart ungeschickte Wahl der Worte aufzuspüren und darauf aufmerksam zu machen, entspricht in etwa meinem Verständnis von Alltagshumor. Der jedoch bei einem zu großen hierarchischen Gefälle nicht hätte funktionieren können. Auf Augenhöhe hätte man getrost sogar noch einen draufsetzen können, indem man (nicht ganz wahrheitsgetreu) behauptet: „Gerochen haben wir das bis hier unten. Und zwar alle. Wir haben uns aber schnell darauf verständigt, besser nur einen der Unseren dieser Gefahr auszusetzen.“ Witzischkeit kennt keine Grenzen. Oder eben doch. Humor ist eben, darin Oralsex nicht ganz unähnlich, meistens einfach nur Geschmackssache.

Ein weiteres Beispiel soll verdeutlichen, dass man nicht von jedem Publikum die gleiche Reaktion erwarten kann. Wenn ich auf die Äußerung „Ich komme mir gerade ein bisschen blöd vor“ reagiere, indem ich mit „Du kommst Dir nicht blöd vor“ beginne, hole ich damit nämlich nur einen Teil der Umstehenden ab. In jungen Jahren habe ich einmal unbedarft auf einen wertvollen Hinweis eines Kollegen erwidert, dies sei genau das, was ich an dieser Firma so schätze: dass man selbst vom Dümmsten noch etwas lernen kann. Die gleiche Situation wie eben: Ein Teil der Belegschaft fühlt sich bestens unterhalten. Doch anzunehmen, aus so einer Nummer unbeschadet wieder ´rauszukommen, ist ähnlich naiv wie der Glaube daran, dass ein 16-jähriger Terrier bereits nach der ersten Woche intensiven Trainings, um stressfrei einen Maulkorb anzulegen, sagen wird: „Lass´ gut sein mit Deiner Fleischwurst! Mir reicht´s aus, wenn Du mir meinen Maulkorb bereitlegst.“ Ich formuliere es ´mal so: Auch wenn ich bis heute die Gültigkeit dieser Aussage nicht in Zweifel ziehe, würde ich diese heute so nicht mehr tätigen. Wenigstens sollte nach Lektüre des letzten Absatzes klar geworden sein, dass die weiter oben getätigte Aussage bezüglich des Findens von Freunden nicht übertrieben war. Um aber dem Eindruck vorzubeugen, ich hätte die Kunst des grobschlächtigen Scherzes exklusiv – gegen das folgende Beispiel bin ich ein Waisenknabe:

Die Mutter aller schlechten Scherze stammt von einem Mitarbeiter der Agentur für Arbeit, die seinerzeit wahrscheinlich noch Arbeitsamt hieß, und trug sich wie folgt zu: Der Sachbearbeiter kürzte einem armen Hund die Leistungen, da jener seiner Auffassung nach durch Verlust des Führerscheins die nachfolgende Kündigung seines Jobs als Fahrer eines Getränkehandels selbst verschuldet habe. Um dem Mann aber gleichzeitig eine Perspektive zu geben, sendete er ihm noch am selben Tag einen Vermittlungsvorschlag zu, dachte sich dabei wahrscheinlich noch „Hach, was bin ich heute wieder für ein Schelm“, und überlegte, wie der gute Mann wohl reagieren wird, wenn er sich bei der Firma XY bewerben soll – als Fahrer! Im Prinzip genau mein Humor. Der aber natürlich auch etwas polarisiert. Man nimmt bewusst in Kauf, dass eine Gruppe von Leuten das alles ganz und gar nicht witzig findet. Tut man es trotzdem, offenbart man damit eben auch, wo man selbst steht. Diesem Sachverhalt muss man sich stellen. Was für einen Blogger mit sei es noch so geringer Reichweite gilt, betrifft den renommierten Schauspieler natürlich in weitaus größerem Maße.

Es sollte drei Jahrzehnte dauern, bis ich begriff, wie jemand so wird. Dann hörte ich aber vor wenigen Wochen einen geschätzt siebenjährigen Knirps in der Drogerie zu seiner Mutter sagen: „Weißt Du, warum ich nicht gern mit Dir einkaufen gehe? Weil Du mich einfach nicht wertschätzt!“ Und es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Wer als Kind schon so redet und mit solchem Vokabular um sich wirft, wird später garantiert auch wenig Spaß im und am Leben haben und seine vorrangige Aufgabe darin sehen, anderen das Leben schwer zu machen. So zumindest meine erste, absolut voreingenommene Einschätzung.

Es war zwar noch Winter, aber irgendwie konnte, wer genau hinschaute, damals schon erkennen, dass es sich um mehr als eine typische Winterdepression handelt.

Nobody is perfect

Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss perfekt sein! Sei es das perfekte Dinner, der perfekte Pizzateig oder die perfekte Welle – unterhalb von Vollendung und Makellosigkeit ist scheinbar kein Hund mehr hinter dem Ofen vor zu locken. Der inzwischen schon einmal bis zum Ende und wieder zurück erklärte, diskutierte, verurteilte Trend, dass jede noch so erbärmliche Existenz auf Instagram und Co zum Goldstandard hochstilisiert wird, hat es nicht eben leichter gemacht, einfach nur durchschnittlich zu sein.

Dabei ist die Welt voll von Dingen, die wir fasziniert betrachten, obwohl sie alles andere als einwandfrei sind: Pfusch am Bau wird als schiefer Turm von Pisa eine weltbekannte Touristenattraktion. Dummheit und Ignoranz sind kein Hindernis, höchste politische Ämter zu bekleiden (und waren es im übrigen nie gewesen). Längst ist der Nachweis wirklich relevanter Fähig- oder Fertigkeiten zumindest hierzulande keine Voraussetzung mehr, um das Attribut „prominent“ zu erhalten. Und warum technische Unzulänglichkeiten dem kommerziellen Erfolg eines Produktes nichts anhaben können, sobald dort irgendwo ein angebissener Apfel draufgeprägt wird, gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen der modernen Welt.

Diese Kluft zwischen der oberflächlich inszenierten Perfektion und der Neigung, dort wo gerade niemand zusieht, fünfe gerade sein zu lassen, muss man überhaupt erst einmal aushalten können. Es darf dabei niemanden ernsthaft wundern, dass dies leicht fällt, solange man selbst der Akteur ist, während das Urteil umso härter ausfällt, wenn man solche Disgruenzen bei anderen Menschen entlarvt.

Und zwischen den Stühlen sitzen die Perfektionisten.

Kurze Zusammenfassung: Perfektionisten müssen eigentlich immer alles selbst erledigen, weil das Ergebnis bei weitem nicht so gut werden kann, wenn es von anderen gemacht wird. Im Delegieren von Aufgaben sind diese Leute demnach schonmal alles andere als perfekt, sondern ziemliche Nieten.

Weil man als Perfektionist nicht nur sich selbst, sondern eben auch den Menschen um einen herum das Maximum abverlangt, um den angestrebten Grad der Perfektion zu erreichen, gehen wir unserem Umfeld nicht nur manchmal gehörig auf den Zeiger.

Dass die selben Menschen auch noch unseren Frust darüber aushalten müssen, dass alle Anderen nicht im Ansatz so perfekt sind wie wir, kommt oft noch erschwerend hinzu, ist aber nicht einmal das Schlimmste.

Indem wir nämlich gleichzeitig an vielen anderen Stellen kapitulieren und unzählige Aufgaben und Projekte gar nicht erst beginnen, weil diese mit den momentan vorhandenen Ressourcen sowieso nicht gut genug werden können, müssen Freunde, Familie und Kollegen auch noch aushalten, dass wir in vielerlei Hinsicht ganz und gar nicht perfekt sind.

Ja, Perfektionisten können anstrengend sein. Aber Perfektionist zu sein, ist mindestens genauso anstrengend: Wir sind als Perfektionisten ja konstant unzufrieden. Was kein schöner Zustand ist. Ich möchte auch ´mal mit wenig zufrieden sein. Möchte ein absolut windschiefes Gebilde ansehen, welches nur mit einigem gutem Willen überhaupt als Raumteiler zu erkennen ist, möchte darauf zeigen und der Welt voller Stolz mitteilen: „Alles selbst gemacht.“ Ich möchte auch einmal einfach in die Tasten hauen und einen wütenden Kommentar mit wenig Information und umso mehr Ausrufezeichen und Großbuchstaben ungefiltert in die sozialen Netzwerke schicken und nicht immer nur über all die Anderen denken: Wenn die doch so schlau sind und alles wissen, warum können die das nicht in ganzen, zusammenhängenden Sätzen ausdrücken?

Früher, als bekanntlich alles besser war, konnte ich im Verhalten erwachsener Menschen spannende Beobachtungen machen, unter welchen Voraussetzungen man komplett unvollkommen sein durfte und so ziemlich jeder Fehler gestattet war: Wenn man Alkohol zu sich genommen hatte, durfte man fast alles tun. Man durfte laut, ordinär, aggressiv oder verletzend sein, aber hinterher hieß es: Schwamm drüber, der hat das nicht so gemeint. Man durfte sich absolut peinlich verhalten, ohne danach von den anwesenden Zeugen schräg angeschaut zu werden. Im Gegenteil wurde man für manche Aktion sogar beglückwünscht. Wer als Kind ebenfalls die eigene Mutter zu schlechter Schlagermusik, die von Big Harry auf seiner Wersi-Orgel interpretiert wurde, auf dem Tisch hat tanzen sehen, bekommt eine Ahnung, wovon ich rede.

Da man also mit einem zu tiefen Blick ins Glas offensichtlich sanktionslos Fehler begehen durfte, nahm ich mir vor, später auch die eine oder andere Gelegenheit zum Trinken wahrzunehmen. Die besondere Tragik liegt darin, dass von allen meinen Plänen ausgerechnet dieser derjenige werden sollte, den ich am konsequentesten umsetzte.

Als ich dann soweit war, empfand ich es als relativ praktisch, dass die Neigung zum Alkohol sehr gut korrespondierte mit einer Jugendbewegung, zu der ich mich etwa zur gleichen Zeit begann hingezogen zu fühlen.

Um Punk zu sein, musste nichts perfekt sein: Weder musste man perfekt tanzen noch irgendein Instrument virtuos beherrschen können. Man musste eigentlich gar nichts gut, geschweige denn perfekt können. Nicht einmal gut aussehen musste man. Genau genommen durfte man nicht nur nicht perfekt aussehen müssen, sondern man durfte sogar ausgesprochen schlecht aussehen, ohne das Punk-Sein damit zu verwirken.

Das einzige, was man als Punk wirklich perfekt können musste, war Saufen.

Zumindest galt das für die Punkfraktion, die sich bis Ende der Achtziger Jahre in Deutschland als dominante durchgesetzt hatte. Eine Situation, die perfekt für mich gemacht war.

Dabei habe ich unter all den Punks und anderen Wahnsinnigen am Ende mehr zwischen allen Stühlen gesessen als mir lieb sein durfte: Auf der einen Seite waren die, die so etwas wie Punk niemals benötigt hätten, sondern auch ohne Punk nichts auf die Kette bekommen, die Nicht-Perfektion des Punk als willkommene Ausrede für ihre Unzulänglichkeiten aber nur zu gern in Anspruch genommen haben. Auf der anderen Seite diejenigen, die ihre wilde Seite auslebten und juvenile Grenzübertritte unter dem Label Punk laufen ließen, während sie nebenher ihre perfekte Karriere offensiver planten als sie zuzugeben bereit waren.

Die eigentliche Tragik besteht allerdings darin, dass ich dieses System Alkohol selbst wieder nach dem Prinzip „Ganz oder gar nicht“ ausgelebt habe, das aber gesundheitlich betrachtet nur ein paar wenige Jahre gut gehen konnte, wollte ich nicht mit Mitte 30 bereits an einem Punkt sein, an dem gar nichts mehr perfekt ist, sondern der komplette Körper in Grund und Boden gewirtschaftet wurde. Außerdem merkt man ja irgendwann, dass der Plan, sich die Unvollkommenheit seiner selbst und seiner Mitmenschen allabendlich schönzutrinken, selbst nicht perfekt ist. Wenn es nämlich etwas gibt, das seinem Umfeld noch mehr auf den Zeiger geht als ein Perfektionist, dann ist das nämlich ein frustrierter Trinker. Vordergründig ergänzt sich das ganz gut, denn umgekehrt geht dem Trinker prinzipiell jeder auf den Senkel, der ihn auf die problematischen Aspekte seines Alkoholkonsums hinweist. Aber auf Dauer geht es eben irgendwann an die Substanz, gerade deswegen ständig perfekt sein zu müssen, weil das Umfeld jeden Fehler, den man begeht, auf das Saufen zurückführen würde und nicht darauf, dass man wie jeder andere Mensch eben nicht perfekt ist.

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Entgiftung, Reset in vielen Lebensbereichen, und so reagiere ich seit 20 Jahren an manchen Tagen wieder extrem dünnhäutig auf den Umstand, dass niemand perfekt ist und man im Grunde nur von Amateuren umgeben ist. Und ich muss damit leben lernen, dass ich keine vernünftigen Antworten auf Fragen erhalte, die außer mir mutmaßlich niemand stellt: Kann man das nicht so herstellen, dass es länger als sechs Wochen hält? Warum blinkt der Simbel jetzt? Gibt es das auch in meiner Größe? Warum überlässt der Vermieter die Betriebskostenabrechnung nicht einem Profi? Warum blinkt der Simbel jetzt nicht? Ist das noch Punk? Gibt es hier im Haus auch irgendwen, der weiß, was er tut? Hat man wirklich niemand besseren gefunden, der auch gern Verkehrsminister geworden wäre? Wer hat das Klopapier verkehrt herum auf den Abrollbügel gesteckt? Ist der Text jetzt endlich fertig, oder zuckt der noch?

Nein, ich glaube, der ist jetzt gut.

„Eier, wir brauchen Eier!“

Nach allem, was ich bis jetzt über mich weiß, kann davon ausgegangen werden, dass die Teilnahme an einem Osterbrauch, bei dem Eier mittels mehr oder weniger ausgefeilter Wurftechnik über eine möglichst große Distanz befördert werden müssen, mein Gefallen fände.

Generell habe ich eine gewisse Schwäche für Brauchtümer, bei denen Gegenstände, die zunächst nicht dazu entwickelt wurden, um sie durch die Gegend zu werfen, ihres ursprünglichen Zwecks entbunden werden, um sie – durch die Gegend zu werfen. Da wird einem einiges geboten: Von Mobiltelefonen über Gummistiefel bis zu Weihnachtsbäumen gibt es neben besagten Eiern eine gewisse Vielfalt unterhaltsamer Wettbewerbe. Der Weltrekord im Handtaschen-Weitwurf liegt übrigens bei äußerst respektablen 46 Metern, der im Erdnuss-Weitwurf bei 37.

Zugegeben sehen die wenigsten Menschen bei der Ausübung solcher Tätigkeiten so anmutig aus, dass man sie sich in dieser Pose bei Gunther von Hagens Körperwelten direkt neben dem Speerwerfer vorstellen kann. Doch ging es bei diesen Randsportarten noch selten um Ästhetik, sondern vielmehr um Spaß. Und der Spaß lässt sich – allen ethischen Grundsätzen zum Trotz – noch steigern, sobald Lebensmittel zum Einsatz kommen. Als jemand, der sogar das Schleudern von Salat am liebsten zeitsparend mit Übungen im Poi-Schwingen kombinieren würde, schlussfolgere ich: Falls ich irgendwann einmal eine ausgewachsene Depression entwickeln sollte, wäre vermutlich ein relativ erfolgversprechender Therapieansatz, mir ein Katapult und dazu einen Sack Kartoffeln zu verschreiben.

Von Therapie zum jährlichen Zeltlager der Katholischen Jugend überzuleiten, klingt schwieriger als es letztendlich tatsächlich ist. Dort haben wir vor gut 20 Jahren nach der Abreise der zu betreuenden Kinder unsere eigene Tradition entwickelt: Mit Honigmelonen haben wir Rugby gespielt; Salatköpfe, Tomaten und andere Lebensmittel mit guten Flugeigenschaften wurden mit dem Baseballschläger eher klein- als weggeschlagen. In der Szene der Lebensmittelsportler galt ich zu dieser Zeit als alter Hase. Nichts war uns heilig; Berührungsängste waren – wie insgesamt in der Katholischen Kirche – nur schwach ausgeprägt. Man weiß ja, wie der Hase läuft: Heute wären viele Kirchenfunktionäre selig, wenn eine Steige verschwendeter Äpfel der einzige Skandal wäre, mit dem sie sich auseinanderzusetzen hätten.

Noch dazu können ein paar Hände voll vorsätzlich zertrümmerter Grundnahrungsmittel in puncto Scheinheiligkeit Gott sei dank mit folgender Praxis nur schlecht als recht mithalten: Man nehme ein in Deutschland millionenfach verbreitetes niedliches Haustier, baut es über die Jahre zu einem Markenrepräsentanten für das Osterfest auf, lässt ihn Eier bunt bemalen und verstecken und zieht ihm als Belohnung nach getaner Arbeit das Fell über die Ohren, um ihn der versammelten Familie als Festtagsmahl aufzutischen.

Dass die Kaninchen inzwischen vermehrt „aus Bodenhaltung“ angeboten werden, macht den Braten auch nicht fett: Die Tiere haben ihr gewünschtes Gewicht nach etwa drei Monaten Lebenszeit erreicht, werden also zu einem Zeitpunkt geschlachtet, zu dem ihre Kollegen, die fürs Kinderzimmer bestimmt sind, überhaupt erst von der Mutter getrennt werden. Ein lebendiges Kaninchen beim Züchter oder im Zoofachgeschäft gibt es für 50 Euro aufwärts. Ihre tiefgefrorenen Artgenossen gibt es in der Osterwoche für 7,99 Euro bei Netto. Niemand muss also befürchten, dass sich die Tiermastbetriebe bei der Produktion dieser Kaninchen in besondere Unkosten gestürzt hätten. Wie rohe Eier werden die Jungtiere dort jedenfalls mitnichten behandelt. Dies sollte man sich gelegentlich vor Augen halten, wenn Eier und Hasen wie an Ostern als Symbole für immerhin nicht weniger als Fruchtbarkeit und Entstehung des Lebens benutzt werden. Nach allem, was ich bis jetzt weiß, kräuseln sich mir da regelmäßig die Haare.

Auch von hier ist die Überleitung zum nächsten Thema maximal einen Eierwurf weit entfernt. Den Schaumfestiger meiner Wahl gibt es neuerdings „wieder mit Lieblingsduft“. Das steht tatsächlich exakt so drauf.

Die erste Frage ist dabei natürlich: Wessen Lieblingsduft? Meiner ist es jedenfalls nicht. Soviel kann ich, nach allem, was ich bis jetzt über mich weiß, bereits sagen. Was nicht tragisch ist, denn ich hielte es auch in vielen Alltagssituationen für nicht angemessen, wenn meine Haare nach Pizza riechen würden.

Theoretisch könnte sogar der Lieblingsduft eines Hundes gemeint sein. Inwieweit man dann als Mensch davon profitiert, bleibt fraglich. Als Arbeitshypothese würde ich folgende Annahme in den Raum stellen: Wenn man in einer Metzgerei arbeitet, ist es in Ordnung, wenn das Haupthaar nach Fleischwurst riecht. In jeder anderen Situation würde ich einen etwas weniger aufdringlichen Duft vorziehen.

Die Probleme sind jedoch weitaus komplexer als diese oberflächliche Annäherung andeutet. Wenn der Schaumfestiger nämlich jetzt endlich wieder mit Lieblingsduft erhältlich ist, muss ja als produktpolitische Maßnahme irgendwann vorher einmal die Entscheidung gestanden haben: Okay, das ist zwar jetzt der Lieblingsduft (von wem oder was auch immer), aber wir arbeiten ab jetzt trotzdem mit einem weniger beliebten Duft weiter. Meistens sind solche Angelegenheiten ja keine einsamen Entscheidungen eines einzelnen Akteurs. Im Normalfall muss das ja in irgendeinem Gremium zur Sprache gekommen und diskutiert worden sein. Was war da der Grundgedanke?

Ich kenne mich in solchen Fragen nicht wirklich aus, beanspruche für mich aber eine gewisse Kompetenz, wenn es darum geht, Bewährtes in Zukunft schlechter zu machen. Mein Vorschlag wäre daher gewesen, wenn man einen sinnfreien Spruch auf der Packung überhaupt für nötig hält, diesen hier zu nehmen: „Das kannst Du Dir in die Haare schmieren!“

Nach allem, was ich bis jetzt über mich weiß, kann davon ausgegangen werden, dass ich einen mit einem solchen Slogan beworbenen Schaumfestiger sofort kaufen würde.

Home sweet Home

10.000 Dinge besitzt der Durchschnittseuropäer, meldete das Statistische Bundesamt schon vor einigen Jahren. Als ich neulich wieder über diese Zahl gestolpert bin, bewegte ich meinen geschundenen Körper in mein gewöhnlich wenig frequentiertes Wohnzimmer und begann, die dort aufbewahrten CDs zu zählen. Irgendwann bei etwas über 1000 war Schluss. Nicht weil ich mit der Zählung durch war, sondern weil ich auch ohne vorläufiges amtliches Endergebnis zu diesem Zeitpunkt bereits erahnen konnte, dass ich tendenziell nicht zu dem Personenkreis gehöre, der den Schnitt nach unten drückt. Zumal nach den ganzen Tonträgern ja auch noch Bücher, Hemden und Schlümpfe auf eine Inventur gewartet hätten.

Ich habe mich danach erst einmal an einen Ort zurückgezogen, an dem man einen solchen Befund gemeinhin am besten verarbeiten kann: aufs Klo. Da die Erwähnung dieser Örtlichkeit in meinen Texten üblicherweise nur ein überflüssiges Detail ist, das lediglich dazu dient, einige Fäkalausdrücke unterzubringen, sei darauf hingewiesen, dass es sich dieses Mal um eine relevante Information handelt, weil ich von diesem Platz aus beste Sicht auf einen Balkon des Hauses eines Nachbargrundstückes habe. Dieser Balkon sieht aus wie die Fortsetzung des Kellers mit anderen Mitteln. Als wenn jemand die Geschäftsidee entwickelt hätte, gegen geringes Entgelt sämtlichen Sperrmüll der näheren Umgebung bis zur Abholung auf diesem Balkon zwischenzulagern. Andere würden vielleicht wieder einfach nur sagen: Offenbach halt.

Der Flur in einer früheren, von mir und einem damaligen Kumpel bewohnten Bude hatte regelmäßig so ausgesehen wie dieser Balkon. Besagter Mitbewohner praktizierte nämlich bei angekündigtem Damenbesuch die von ihm entwickelte Aufräum-Technik: Er zählte bis Drei. Danach hat er alles, was sich nicht von selbst auf einen vernünftigen Platz begeben hat, in den gemeinschaftlich benutzen Bereich befördert. Seinen Gästen erzählte er, das wäre mein Zeug. Ich bin kein Fachmann, sah aber die Schwelle zur Behandlungswürdigkeit ab dem Punkt überschritten, an dem er das sogar mir gegenüber behauptete.

Man muss aber natürlich zugestehen, dass der Schwindel nicht hätte funktionieren können, wenn ich in der Gegend als Musterschüler in Sachen Ordnung bekannt gewesen wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Ich war schon seit jeher anfällig dafür, die räumlichen Kapazitäten an die Grenze der Belastbarkeit und darüber hinaus zu strapazieren. Schon früh hatten mich daher zum Beispiel Menschen fasziniert, die sich für einen anderen Weg entscheiden, ihre Wohnung kündigen und ihr gesamtes Hab und Gut auf ein Maß reduzieren, das locker in einem Einkaufswagen Platz findet. Die Profis unter ihnen bringen sogar noch einen altersschwachen Hund in diesem Einkaufswagen unter.

Überhaupt die Tiere. Für die einen sind diese das letzte, was sie herzugeben bereit sind. Andere agieren da weitaus pragmatischer: Bewahren zwar ansonsten jeden Scheißdreck auf, entscheiden im Falle des Hundes aber angesichts des bevorstehenden Urlaubs verhältnismäßig schnell: Wirklich brauchen tun wir das Tier eigentlich nicht, streng genommen kann der weg.

Mancher schüttelt da mit dem Kopf, doch eigentlich darf es nicht überraschen, dass bei der Frage, was bleiben darf und was weg soll, Irritationen entstehen. Weil das Aufbewahren von Dingen evolutionsgeschichtlich keine Frage von Sentimentalitäten, sondern hauptsächlich Überlebensstrategie gewesen ist, fehlen schlicht und einfach zum Allgemeingut gewordene Maßstäbe dafür. Die Angst vor Mangel prägte den Menschen Jahrtausende lang. Dass wenigstens Teile der Welt im Überfluss leben, ist ein relativ neues Phänomen. Die Trennlinien werden noch teilweise sichtbar, wenn Oma schimpft, weil Opa den defekten Toaster partout nicht wegwerfen mag, weil schließlich irgendein Teil davon für nochmal für irgendetwas gebraucht werden könnte, während Papa zur gleichen Zeit einen funktionierenden Toaster zum Wertstoffhof fährt, dessen Farbe sich jedoch mit der des neuen Wasserkochers beißt.

Bei aller Kritik an der Wegwerfmentalität unserer Tage plädiere ich allerdings trotz allem natürlich eher für das gelegentliche Ausmisten als für das permanente Vergrößern der Wohneinheiten, um den ganzen angehäuften Mist überhaupt noch unterzubekommen. Es ist weder darstellbar noch überhaupt notwendig, dass am Ende dieser Entwicklung jedes Individuum in einer ausreichend großen Umgebung ein persönliches Museum mit Erinnerungen aus sämtlichen Lebensphasen pflegen kann.

Das Grundproblem beim Aussortieren nicht mehr oder noch nie benötigter Dinge sollte jedoch beachtet werden: Es darf auf keinen Fall so wirken, als würde man bloß deshalb reduzieren, weil man den Platz für neue Sachen benötigt. Auch dies ist ein Aspekt, bei dem sich mancher immer wieder ´mal ertappt fühlt. Dabei hat Shoppen ja nicht nur Nachteile wie beispielsweise die relativ systematische Ausplünderung des Planeten, sondern auch Vorteile, die nur zu selten wirklich gewürdigt werden. Während zum Beispiel die Welt um uns herum stets komplexer wird, freut sich ein von diesem Umstand überforderter Mensch, wenn mit dem Einkaufen eine Sphäre erhalten bleibt, deren Prozesse in ihren Grundzügen erhalten geblieben ist. Sicher – man muss Verständnis aufbringen, dass einzelne Leute durchdrehen, weil der Supermarkt alle paar Jahre „dauernd“ umräumt und die Teigwaren fortan einen Gang weiter stehen. Aber jenseits von solchen Begleiterscheinungen ist beim Einkaufen doch die Welt noch in Ordnung. Und die übergeordnete Frage ist doch ohnehin: Macht es uns glücklich? Und da fällt die Antwort eindeutig aus: Ja, Shoppen macht glücklich. Zumindest eine kurze Zeit lang, mindestens also so lang, bis der Bezahlprozess abgeschlossen ist. Wie lange dieses Glücksgefühl anschließend letzten Endes anhält, hängt von vielen Faktoren ab. Man wird also kaum den Konsum grundsätzlich in Frage stellen können, bloß weil einige wieder ´mal nicht mitzuziehen in der Lage sind, wenn es um Angelegenheiten von grundlegender Bedeutung für die Menschheit geht.

Ohnehin ist ungeklärt: Wenn Ausmisten oder wenigstens Aufräumen glücklich macht, Kaufen aber auch – nach welchen Kriterien soll man bitte entscheiden, was man als nächstes tut? Dazu kommt: Hat man erst einmal das Leben als einfacher Konsument hinter sich gelassen und das nächste Level des Schnäppchenjägers erreicht, vervielfacht sich die Problematik, weil man ja dazu neigt, mehr zu kaufen, weil noch Geld übrig ist. Man braucht also mehr Platz oder muss besser Ordnung halten. Gleichzeitig beansprucht die Jagd nach Schnäppchen mehr Zeit, die dann exakt wofür fehlt? – Richtig: Aufräumen und Ausmisten.

Der durchschnittliche Schnäppchenjäger ist männlich, kaufkräftig und überdurchschnittlich gebildet. Das mit der Kaufkraft muss ich vielleicht etwas relativieren, aber die anderen beiden Attribute kann ich bestätigen. Wenn andererseits schon der Anblick von „%“-Zeichen das Belohnungszentrum des Gehirns aktiviert, gleichzeitig aber der Verstand aussetzt, kann ich mir davon am Ende auch nichts kaufen. Trotzdem freue ich mich nicht nur darüber, kurz vor Schluss doch noch dieses Wortspiel in einer halbwegs passenden Umgebung platziert haben zu können, sondern auch über die Bestätigung weiterer Studienergebnisse: Es scheint nämlich zu stimmen, dass es sich in einem unordentlichen Arbeitsumfeld kreativer lebt. (Auch wenn ich Komplimente über meine „kreativen“ Texte anders einordne, seit ich davon gehört habe.) Und einen Haken gibt es sowieso überall: Man lebt nämlich auch ungesünder. Dass man in einer unordentlichen Umgebung eher zu Süßwaren greift, erklärt einiges, vielleicht sogar alles über den Zustand meines Zuhauses.

Nur dass meine Neigung zu Keks und Schokolade auf der Arbeit genauso stark ausgeprägt ist, also dort, wo meine Aufgabe nun einmal ist, Ordnung zu schaffen und zu halten, gibt mir zu denken.

Aber das müssen die Bosse schon selbst entscheiden, ob sie für diesen Mist weiter Geld ausgeben wollen.

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