Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Monat: Juni 2017

Tagebuch einer angespannten Beziehung

Da war es wieder! Nicht auf der Suche. Woher nehmen eigentlich manche Frauen die Gewissheit, eine solche Aussage wäre eine tolle Methode, einen interessierten Mann abzuwimmeln, ohne ihm ein allzu schlechtes Gefühl zu geben?
Wir reden hier wohlgemerkt nicht über Anquatschversuche auf der Straße, sondern im Kontext von Partnerschaftsbörsen im Netz, wo mindestens die Anmeldung mehr oder weniger deutlich darauf hindeutet, daß da jemand sehr wohl auf der Suche ist. Insofern: Schön wenn manchmal wenigstens überhaupt eine Antwort kommt, aber in diesem Fall gesellt sich zu dem an sich schon nicht erhebenden Moment der Zurückweisung obendrauf noch die Ahnung, daß die Wahrheit eventuell einen Ticken weniger frustrierend wäre. Weil dann nämlich nicht noch das Gefühl dazu käme, für besonders einfältig gehalten zu werden, da so eine Aussage in so einem Rahmen nun einmal eine der unglaubwürdigsten überhaupt ist.

In meiner Neigung, das letzte Wort gern für mich zu beanspruchen, habe ich auf so ein „Ich bin zur Zeit nicht offen für neue Kontakte“ neulich trotzdem zurückgeschrieben. Daß ich es in diesem Fall für die schlechteste aller Strategien halte, sich auf einer Singlebörse anzumelden. Man möchte dann ja auch etwas Nettes mit auf den Weg geben. Also habe ich ergänzend noch viel Erfolg bei was auch immer sie sucht gewünscht. Ich habe noch einen zwinkernden Smiley eingebaut, um sicher zu stellen, daß meine Unmutsbekundung auch als Witz verstanden wird.
Ohne ins Detail zu gehen – ich glaube, sie war mit dem Inhalt meiner Nachricht nicht einverstanden.
Ich habe dann nochmal zurückgepöbelt und sie gleich danach blockiert. Für den Fall der Fälle.

Generell sollte man normalerweise annehmen, daß die Erlebnisse bei der Partnersuche ein schier unerschöpflicher Quell an Inspiration für lustige Texte sind. In der Tat wage ich mir kaum auszumalen, was hier für Beiträge entstünden, wenn ich von gelegentlichen Treffen berichtete. Das Problem an der Sache: Zu persönlichen Begegnungen kommt es im Normalfall nicht.
Es kommt ja nicht einmal zu gescheiten Antworten. Manchmal freut man sich dann sogar schon, wenn überhaupt geantwortet wird. Selbst wenn nur selten mehr als Scheißdreck herauskommt. Auch hierzu ein Beispiel:
Ich wurde angeschrieben. Von einem FC-Bayern-Fan, wie mir ihr Profilbild verriet. Und viel zu jung. Als ob ein K.O.-Kriterium allein nicht schon gereicht hätte. Aber na gut. „Hallo wie geht’s“, wollte sie wissen. Oops! Habe ich nicht tausendfach gelesen, daß die potentiellen Partnerinnen sich wünschen, nicht in 08/15-Manier angeschrieben zu werden? Und aber haben wir nicht alle tief in uns drin die Überzeugung, wenn man etwas erreichen möchte, sollte man mit gutem Beispiel vorangehen? Und jetzt so ein Einstieg, der an Originalität kaum zu überbieten ist. Hut ab!
Wir haben uns trotzdem ein paarmal hin und hergeschrieben, ohne daß es jedoch ansatzweise in die Tiefe ging. Das war alles so spannend wie der Einstieg. Ich habe ihr irgendwann zu verstehen gegeben, daß ich ihre Nachrichten recht einsilbig finde. Ihre letzte Nachricht war „ich hab nicht immer zeit einen Roman zu schreiben.“ Was ich dann zum Anlass genommen habe, in diesem Fall darauf zu verzichten, das letzte Wort haben zu wollen.

Bewerbung, Werbung, Partnerwahl

Viele Singles in den einschlägigen Portalen haben mit einem Problem zu kämpfen, das ich sonst überwiegend bei Fans mancher Fußballvereine beobachte: Sie neigen einfach zu einer gewissen Überschätzung bei der Frage, in welche Liga sie gehören. Mag ja sein, daß es in dem einen oder anderen Fall auch klappt, aber es steigen eben immer nur ein paar wenige auf.
Deswegen bewerbe mich ja auch nicht als Bankdirektor, wenn ich bislang als Paketfahrer tätig gewesen bin. Überhaupt: Bewerbung, Werbung, Partnerwahl – das sind ja im Prinzip Geschwister. Manchmal kommt es im Rahmen der Partnersuche zu Vorstellungsgesprächen, nach denen es heißt: Wir melden uns. Manchmal wird ein begonnenes Verhältnis in der Probezeit beendet, weil eine der Vertragsparteien sich mehr versprochen hatte oder andernorts gar schon mehr gefunden hat. Hier wie dort gehören die Nicht-Reaktionen auf die Zuschrift zu den nervigsten Angelegenheiten. Und es wird gelogen, daß sich die Balken biegen. Daß ich beispielsweise einer sich selbst als sportlich bezeichnenden Frau nicht schreibe, liegt in jedem zweiten Fall weniger an meiner innersten Überzeugung, daß Sport und ich nicht zusammenpassen. Sondern daß ich es angesichts anderer Profilmerkmale einfach nicht abkaufe mit dem sportlichen Engagement und den Verdacht hege, dieses Attribut wurde sich selbst aus taktischen Gründen verliehen, um das Interesse zu steigern. Ergibt einen gewissen Sinn, denken sich wahrscheinlich jetzt manche Leser wieder. Zu Recht. Partnersuche ist also keineswegs bloß die Fortführung der Jobsuche mit anderen Mitteln. Sondern die Mutter aller Marktbeeinflussungen.

Vielleicht ist der Rat so verkehrt nicht, den mir noch jeder meiner Freunde nach meiner Ankündigung gab, online mein Glück zu (ver)suchen: Ein professionelles, aussagekräftiges Produktfoto.
Doch was genau war nochmal „aussagekräftig“? Das echte und authentische? Oder das in Szene gesetzte, die Schokoladenseite betonende und nachbearbeitete?
Ich habe Grund zur Annahme, auch deswegen eher weniger Antworten zu bekommen als ich eigentlich verdient hätte, weil ich optisch durch diverse Raster falle. Weil ich nicht gerade mit Strandfotos mit sichtbar gut geformtem Oberkörper dienen kann; die Sonnenbrille lässig im Haar geparkt oder noch schlimmer dort wo ehemals Haar gewesen ist. Ihre Tattoos genauso individuell wie ihre Vollbärte, die noch vor zehn Jahren bei über 90 Prozent der Frauen ein absolutes Ausschlusskriterium gewesen sind. Die Kerls, die diesbezüglich noch jedes Klischee übererfüllen, sind höchstwahrscheinlich diejenigen, die auch die Schale einer Wassermelone essen, weil diese das Stehvermögen erhöhen soll.
Sagt man. Ich habe es nicht getestet. Sollte ich eventuell ´mal tun. Ich kann mir höchstens noch vorstellen, daß man sich – ähnlich wie nach dem Knacken von Nüssen zwischen den Gesäßbacken – nach dem Verzehr der Schale so männlich fühlt, daß auch der beste Freund von allein steht, weil man sich selbst so geil findet. Falls ich es irgendwann einmal probieren sollte, so könnt Ihr Euch sicher sein, die Erfahrungen exklusiv hier beim Meilensteinbildhauer präsentiert zu bekommen. Bis dahin interessiert unabhängig von der Frage, wer so etwas herausfindet, vor allem noch: Wie findet man das heraus? Und: Warum findet man das heraus?

Was ich allerdings inzwischen herausgefunden habe: Fotos, auf denen Tiere mit abgebildet sind, sind der Sache nicht dienlich. Mit Hundefotos hatte ich ja hier im Blog schon einmal über Erfahrungen berichtet, aber auch Fotos mit Papageien, Ziegen, Schafen oder Eseln schrecken tendenziell eher ab. Für den ersten Eindruck ungeeignet. Ich achte bei Aufnahmen im Freien inzwischen sogar drauf, daß nicht irgendwo im Hintergrund ein Vogel das Foto gebombt hat. Insekten sind ebenfalls so ein Thema. Wobei der Negativeffekt bei letzteren bei Innenaufnahmen vermutlich noch größer wäre. Andere umherfliegende Gegenstände, die Vögeln ähneln, gehen inzwischen eigentlich auch nicht mehr.
Solltet ihr also wirklich gelungene Aufnahmen von Euch auf dem Markusplatz haben – denkt gar nicht erst drüber nach..!

Mein Intellekt ist meine Schönheit

Testosteron wirke sich wesentlich auf die Entscheidungsfindung und Urteilskraft des Mannes aus, hat eine Studie kürzlich herausgefunden. Heißt: Zunächst gar nichts. Bestätigt es doch lediglich den Zustand, den jeder, der halbwegs bei Trost ist, bereits seit geraumer Zeit geahnt hatte. Trotzdem empören sich die ersten echten Männer, obwohl bei genauerer Betrachtung die Frauen dabei viel schlechter wegkommen als auf dem ersten Blick ersichtlich. Legt man nämlich eine heteronorme Zweierbeziehung zugrunde, finden wir als Gegenstück zum Testosteron-Protz eine Frau, die das alles außerordentlich attraktiv findet und der es also offenbar nichts ausmacht, wenn der Sexualpartner nicht klar denken kann.
Bedenkt das bitte, bevor Ihr schadenfrohes Gelächter anstimmt.

Sollte jemals einer meiner Blogeinträge einen tieferen Sinn gehabt haben, dann wohl dieser hier an genau dieser Stelle, an der wir uns jetzt befinden.
Wenn ich mich spontan entscheiden müsste, würde ich nach wie vor lieber schlau sein. Ich bin gewiss kein Genie, aber auch nicht dumm. Ich habe Humor und Kreativität. Und sogar ein bißchen Charme (wenn ich will). Was ich nicht mehr habe: Die Erwartung, daß eine Frau das interessiert. Fremde Menschen mit diesen Eigenschaften beeindrucken zu wollen, ist auch nur so lange spannend, wie diese Menschen vielleicht im Gegenzug ebenfalls etwas in dieser Hinsicht anbieten können.

Insofern bekommen wir am Ende vielleicht tatsächlich alle den Partner respektive die Partnerin, die wir verdienen. Nervig ist dabei gar nicht das Warten darauf, die Richtige zu finden, sondern während der Suche mit so vielen Menschen klarkommen zu müssen, die recht offensichtlich die Falschen sind.

Konfliktmanagement für Fortgeschrittene

Eigentlich kann ich den Sommer nicht ausstehen. Weil er mich ziemlich jeden Tag vor diese unmöglich zu lösende Aufgabe stellt: Einerseits gerade so viel Stoff über der Haut zu tragen, daß nicht alles den ganzen Tag klebt und ungemütlich ist. Andererseits noch genügend Stoff zu tragen, daß man sich mit der Auswahl der Garderobe nicht gar zu sehr dem Gespött seiner Mitmenschen aussetzt. Weil man so oder so keine gute Figur darin macht. Wie auch, wenn man eben einfach keine gute Figur hat.

Zu den Vorteilen jedoch, die selbst ich am Sommer schätze, gehören diese entspannenden Situationen, wenn mein Gegenüber nur rätseln kann, ob die Farbe meines Gesichts ausschließlich vom Sonnenbrand herrührt. Oder ob da eventuell mein durch jemandes unentschuldbare Ungebührlichkeiten in die Höhe geschnellter Blutdruck mit im Spiel ist und deshalb der empfohlene Sicherheitsabstand von mindestens einer Armlänge freiwillig eingehalten wird.

Grundsätzlich besteht bei sich ankündigenden Auseinandersetzungen natürlich auch immer die Alternative, alles weise beiseitezulächeln.

In der Theorie klappt das bei mir auch eigentlich sehr gut. Meine Tagträume jedenfalls sind um einiges friedlicher geworden, seit ich um diese Möglichkeit weiß.

Wenn mir dann aber zwei vorlaute Halbstarke bei einem Ballonmodellage-Einsatz mein Material klauen, während ich neben dem Modellieren eine Warteschlange von 30 Menschen moderieren muss, kann man auch ´mal anders entscheiden und die Situation entspannt eskalieren. Ich empfahl den Lausbuben, sich von der nebenan stehenden Frau bitte bestätigen zu lassen, daß meine momentane nicht meine ständige natürliche Gesichtsfarbe ist. Auf daß ihnen bewusst wird, auf welch dünnem Eis sie sich aktuell bewegen an diesem heißen Sommertag.

Seit diesem Tag weiß ich: Wenn sich tumultartige Zustände jemals durch einen lockeren Spruch haben vermeiden lassen, dann können keine pubertierenden Jungs als Hauptakteure beteiligt gewesen sein. Manches lässt sich eben doch besser über Lautstärke regeln. Ich habe den beiden noch hinterher geschickt, daß sogar mein Hund besser erzogen ist als sie.

Nüchtern betrachtet kann der letzte Satz natürlich leicht auf mich zurückfallen. Deshalb sei angemerkt, daß ich zu jener Zeit erstens noch nicht alleinerziehender Mensch dieses zweitens erst seit einem halben Jahr in unserem Haushalt anwesenden als Hund bestens getarnten Monsters gewesen bin.

Hundeerziehung, gemeinsamer Haushalt, Monster – wenn ich recht darüber nachdenke, sind Frauen übrigens auch nicht immer ideale Konfliktparteien in diesem Sinn. Was nun beileibe keine originelle Erkenntnis ist. Aber vielleicht muss man es einmal, vielleicht auch mehrere Male im Leben niederschreiben, um es verstanden zu haben. Inzwischen glaube ich sogar, daß das Gelassenheitsgebet als direkte Folge einer solchen Einsicht entstanden ist. Aber das bleibt Spekulation.

Davon unabhängig halte ich daran fest: Die edelste aller Eigenschaften, die ein durchschnittlich begabter Mensch im Repertoire haben sollte, äußert sich in folgender Konfliktsituation: Obschon gedanklich bereits Szenarien durchgespielt werden, die einen FSK-18-Aufkleber auf der Stirn mehr als rechtfertigen würden, ist man noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und also in der Lage, sich bewusst gegen das Inferno und für eine weniger destruktive Reaktion zu entscheiden. Ein ironischer Kommentar ersetzt das dringende Bedürfnis, auszurasten und zuerst Karthago und danach den kompletten Planeten zu zerstören. Wenn es nach dem Versuch trotzdem knallt, hat es wenigstens nicht an einem selbst gelegen.

Gestern – heute – morgen

Als Praxisbeispiel eine Begebenheit aus grauer Vorzeit: Ich hatte mir gerade meine ersten Sporen im Lager eines Tonträgervertriebs verdient, als wir zu dritt auf der Hühnerstange eine selbstverständlich wie stets hochverdiente Rauchpause einlegten. Wir rekapitulierten den aktuellen, eher suboptimal zu bezeichnenden Ist-Zustand: Das Lager war so voll, daß wir manche Lagerplätze nur im Krebsgang erreichen konnten. (Ich machte damals eine bessere Figur als heute, also löscht die Vorstellung aus Eurem Kopf wieder.) Niemand konnte ernst gemeinte Vorschläge einbringen, wohin mit dem ganzen Kram. Die Stimmung war also bestens, anders kann man es nicht beschreiben. In diese Situation hinein kam eine Kollegin, erzählt mir von ihren Ordnern, die in ihrem Büro so viel Platz wegnähmen, „und da dachten wir uns: wozu haben wir denn ein Lager…“

Die Szenerie wäre jedem Western gerecht geworden, wenn im Saloon ein falscher Spruch ausreicht, so viel Spannung zu erzeugen, daß der ganze Laden mucksmäuschenstill ist und jeder weiß, daß die Stimmung nun kippt. Ich habe von einer Sekunde auf die andere allein dagesessen, weil die anderen zwei Kollegen ihre Kippen so schnell ausgemacht und sich in Sicherheit gebracht haben, daß ich es gar nicht mitbekommen habe. Nun wollte ich mir – anders als die entschwundenen Kollegen – meine gerade erst begonnene Zigarette nicht verderben lassen. Schließlich hält man das als Raucher tatsächlich für so etwas wie Genuss. Und obendrein entspannend. Und je mehr mir allmählich dämmerte, daß ich für ihr Anliegen keine vernünftige, beide Seiten zufrieden stellende Antwort finden würde, umso lustiger fand ich das alles. Am Ende konnte ich nicht umhin, laut loszulachen. Kein „Wohl zu nahe an der Wand geschaukelt“, keine vergleichbaren Beleidigungen. Danach waren die Verhandlungen leichter.

Bei meiner jetzigen Stelle haben wir momentan zwar nicht diese extremen Platznöte, aber dennoch seit Wochen ausreichend andere Probleme, gegen die letztinstanzlich im Grunde ausschließlich Galgenhumor weiterhilft. Seit fünf Wochen trägt jeder Arbeitstag das Qualitätsprädikat: Vergessenswert. Eine Stressfigur hat schon den Kopf verloren. Abgebissen. Nichts hält mehr. Ansonsten aber keine größeren Schäden. Gemessen an dem Stress ein gutes Zeichen. Vielleicht bin ich doch langsam auf dem Weg zurück zu dem Ideal, dem ich früher schonmal näher gewesen bin.

Was waren das Zeiten, als die beste Freundin beispielsweise meinen Kauf des Buches „Wege zur Gelassenheit“ mit dem Kommentar begleitete, das sei ich doch sowieso schon ausreichend. Oder eine andere frühere Kollegin: „Wer mit Dir Ärger bekommt, der hat den aber auch gewollt.“

Dieses Image, verbunden mit einer Aufrechterhaltung des Nimbus´, wonach viele Leute es besser nicht auf den Test ankommen lassen, wie es ist, wenn ich wider Erwarten doch einmal ausraste – dort will ich wieder hin; diese Kombination ist unschlagbar.

Doch offen gestanden weiß ich nicht, wo genau auf dem Weg an dieses Ziel ich mich zur Zeit befinde. Es gibt Tage, an denen mir scheinbar jegliche Grundlässigkeit früherer Tage abhanden gekommen ist. Wenn diese Grundlässigkeit die Schale gewesen ist, in der sich ein leicht entzündlicher Kern verbirgt, ist im Laufe der Jahre diese Hülle reichlich zerrieben worden. Irgendwie. Irgendwo. Vermutlich zwischen Lohnarbeit, Beziehung, allgemeinen Alltagssorgen, anhaltender Missachtung meiner Attraktivität durch Frauen. Nicht zu vergessen eine gesellschaftliche Formation, mit der Frieden zu schließen sich nach wie vor verbietet, sowie, und auch das muss ausgesprochen werden, Abstinenz von alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken.

Geblieben ist der explosive Kern, an den man umso leichter gelangt. Das ist wohl relativ genau das, was der Spruch, „die Nerven liegen blank“ ausdrücken möchte.

Diesen Prozess umzukehren, rückgängig zu machen, wäre doch mal ein Ziel, dessentwegen sich das Weiterleben noch wirklich lohnt.

Und dabei noch eine gute Figur zu machen… zwei Ziele, die mich über den Sommer hinaus beschäftigen werden.

Das Leben ist Seife

Vielleicht macht es Sinn, manchmal Phasen zu durchleben, in denen man sich selbst einmal nicht jeden Tag neu beweisen muss, wie sehr man sich doch permanent weiterentwickelt. Vielleicht macht es Sinn, eine Weile auf einem gewissen Niveau zu verbleiben, sich zu sammeln und erst wenn die Zeit reif dafür ist zum Sprung ins nächste Level anzusetzen. Vielleicht mache ich aktuell eine solche Phase durch und muss mich überhaupt nicht sorgen, weil es gerade ´mal nicht in dem Tempo vorangeht wie ich es vielleicht gern hätte, weil mein anderes Ich mir dezent von hinten die Formel Stillstand ist Rückschritt ins Ohr spricht.

Ja, das Leben ist Seife. Ständig muss man auf der Hut sein, daß es einem nicht aus der Hand gleitet.

Vielleicht wundere ich mich in ein paar Wochen über mich selbst und darüber, wie schwer es mir dieser Tage gefallen ist, mich für Neues zu motivieren und Altes gerade so mit einem Rest an Pflichtbewusstsein aufrechtzuerhalten. Der Alltag hat mich eingeholt. Nicht daß ich mir ihm gegenüber einen furchtbar weiten Vorsprung erarbeitet hätte, doch wenn ich die letzten etwa zwei Jahre zurückblicke, war immer irgendwas neu. Dieses angefangen, mit jenem pausiert, manch anderes Überflüssiges komplett über Bord geworfen.

Fragen, die neu gestellt wurden, vielleicht nach der Trennung überhaupt erst neu gestellt werden konnten. Fragen, die ich mir so generell erstmals stellte. Umorientierung. Wo will ich noch hin? Lohnt sich das in meinem Alter noch? Vielleicht kennzeichnet die derzeitige Ruhephase einfach nur einen notwendigen Zwischenschritt, die Bewältigung einer Etappe. Auf daß ich mir eine Strategie für die nächste konstruieren soll. Eine Etappe mit vielleicht weniger Hauruck und mehr Plan. Mehr aufs Ziel fokussieren statt punkrockmäßig einfach loslegen; weniger spontaner Aktionismus und covfefe, stattdessen mehr Weitsicht. Und: Vielleicht muss ich einfach akzeptieren, daß Perioden des Nichtstuns zum ganz normalen Repertoire menschlichen Verhaltens gehören. Zumindest normaler als alle 24 Stunden des Tages durchzustylen.

In der Fachsprache nennt man das Chillen. Obwohl „Chillen“ für vieles steht, meistens für das früher gebräuchliche „Abhängen“. Was in meinen Ohren ehrlicher klang. Im Sinne von „Runterfahren“ wird mir der Begriff schon sympathischer. Denn Runterfahren ist wichtig. Ganz unabhängig davon ob man wirklich nichts macht oder ob man die ruhige Zeit zum Reflektieren verwendet, ob eingeschlagene Wege die richtigen sind. Vermutlich gelangt man auch ohne aktives Reflektieren zu vernünftigen Einsichten, wenn man sich eine Zeitlang ausgeklinkt hat. Aber wer weiß das schon so genau. Diejenigen, die vorgeben, es ganz genau zu wissen, sind mir meist sehr suspekt.

Die Menschen sind Föhn

Die Fähigkeit zur Reflektion ist das höchste Gut, das wir haben. Vielleicht ist der schlechteste Rat, den man einem Menschen mit auf den Weg geben kann, sich nicht ständig in Frage zu stellen. Das kann im Einzelfall hilfreich sein. Zum Programm erhöht sorgt ein solches Vorgehen allerdings für einen dauerhaften Nachschub an Leuten, die sich für die Geilsten halten, in Wirklichkeit aber 99 Prozent ihres Umfeldes penetrant auf die Nüsse gehen.

Ja, die Menschen sind Föhn. Zu viele sind zu lange damit beschäftigt, überwiegend nur warme Luft zu produzieren.

Weil sich die Dinge entwickeln, also Zeit benötigen und nicht auf Knopfdruck wie in den Klick-ködernden Youtube-Tutorials à la „4 einfache Tricks für sofort mehr Selbstvertrauen“ funktionieren, sind Pausen wohl doch sinnvoller als ich manchmal anzunehmen geneigt bin. Nicht umsonst spricht man wohl bei der Persönlichkeit eines Menschen von einem Reifungsprozess. Alles andere ist Hollywood. Anders als bei Obst oder Käse verläuft dieser Prozess jedoch weder linear noch wird er durch bloßes Herumliegen in Gang gesetzt. Analog zu Obst oder Käse wird jedoch alles faul, wenn es zu lange einfach nur herumliegt. Ja, vielleicht ist jetzt die Zeit, für einen längeren Moment Luft zu holen. Aber nur, um anschließend mit Feuer richtig durchzustarten.

Vielleicht gehört zur Entwicklung von Persönlichkeit auch die eine oder andere Entscheidung, die man mit dem Wissen von später so auch nicht mehr treffen würde. Bis heute weigere ich mich, solche Entscheidungen als „falsch“ einzuordnen. Fast jede Entscheidung ist für den Moment, in dem sie getroffen wird, richtig. Als richtig oder falsch, schlecht oder gut wird sie erst im Nachhinein interpretiert. Das kann jeder. Hinterher ist man immer schlauer.

Daß ich beispielsweise so etwas wie berufliche Karriere komplett ignoriert habe, seit dieser eine vielleicht einzige echte Traum geplatzt ist, gehört in diese Kategorie. Daß ich in dieser Hinsicht zu viel dem Zufall überlassen habe und generell zum Teil bis heute mit ähnlicher Konsequenz mein Licht unter den Scheffel stelle, ärgert mich allerdings mehr. Erst recht weil es Menschen in meinem Leben gab, die mir vor 25 Jahren gesagt haben, ich könne mehr aus mir machen. Viel mehr! Das muss man sich vor Augen halten: da existieren Leute, die mehr an mich glauben als ich selbst.

Vielleicht sind solche Menschen das, was mir heute tatsächlich fehlt; Leute, deren Ratschläge ich heute eher annehmen als beiseite wischen würde. Freunde, die ich umgekehrt genauso ermutige, kritisiere und inspiriere – einfach ein Team eben. Ein Team von drei bis fünf Leuten, die sich nicht nur gegenseitig in ihrer Ansicht bestärken, daß sie die Lässigsten sind. Sondern die daran arbeiten, daß sie die Lässigsten überhaupt werden. Oder bleiben.

Was vielleicht auch fehlt, ist die eine, an der man noch näher dran ist als an seinen guten Freunden: Eine Partnerin. Die meine Gespräche mit mir selbst und mit den Haustieren ersetzt durch echte Dialoge. Die meine Innenansichten um die neue Perspektive der Draufsicht ergänzt. Da steckt weniger Sehnsucht dahinter als es vielleicht hier den Anschein erweckt. Da kommt auch kein „Vielleicht“ an dieser Stelle. Es wäre nett, aber zur Zeit geht es auch ohne. Gerade noch so.

So oder so scheint das Leben spannend zu bleiben.

Womit ja auch schon etwas erreicht wäre.

Vielleicht.

Mülltrennung konkret

Wenn man mit dem Beutel Müll in der einen Hand und wichtigen Dokumenten zum eigenhändigen Einwurf beim Finanzamt in der anderen das Haus verlässt, kann man schon ´mal ins Grübeln geraten. Ob es beispielsweise nicht effizienter wäre, beides ins selbe Behältnis zu entsorgen. Weil es ja irgendwie dem in etwa gleichen Gebrauchswert entspräche.

Daß ich nicht der erste bin, der über genau diesen Sachverhalt nachgedacht hat, kann als erwiesen gelten, wenn man sich das Design von Briefkästen einmal genauer ansieht: Wer sich jemals gewundert hat, weshalb die Schlitze eines Briefkastens so schmal sind, daß ein Müllbeutel selbst mit größter Anstrengung schwer bis gar nicht hineingezwängt werden kann, ahnt, worauf ich hinaus möchte. Das gleiche Problem kennen wir übrigens von Wahlurnen. Allmählich beginne ich nicht nur meine eigenen Texte zu begreifen, sondern auch, weshalb die Menschheit anfing, Wurst und Käse nicht am Stück zu lassen, sondern in Scheiben zu schneiden.

Nicht unbedingt staatstragende Gedanken, die mir an einem heißen, aber durchschnittlichen Nachmittag durch den Kopf schwirren. Aber für staatstragende Gedanken werde ich ja auch nicht bezahlt. Eigentlich werde ich für Gedanken sowieso von niemandem bezahlt. Eher schon fürs Machen. Apropos machen – richtig: Steuererklärung. Die muss ja gemacht werden, nicht nur gedacht.

Es ist nach diesen ersten Zeilen wohl halbwegs klar geworden, daß ich Steuererklärungen nicht so sehr mag. Wenn sich die Abgabefrist nähert, hüpft mein Herz wie sonst maximal noch wenn die Zeugen Jehovas klingeln, der Zahnarzt eine Wurzelbehandlung oder die Kelly Family ihr Comeback ankündigt.

Immerhin ist in den Wochen vor Abgabefrist, in denen an sich noch ausreichend Zeit für Erledigung dieser lästigen Angelegenheit wäre, meine Wohnung so aufgeräumt wie sonst nur selten. Und wer über den letzten Satz zumindest schmunzeln muss, verrät über sich selbst unfreiwillig, daß er bei solch unangenehmen Aufgaben genauso gern alternative Tätigkeiten verrichtet wie ich.

Wenn man dann an einem durchschnittlichen Nachmittag im Mai in Richtung Finanzamt spaziert, begegnet man fast zwangsläufig Menschen mit ihren Hunden, obwohl es für die Tiere an und für sich zu heiß ist. Und weil man grundsätzlich immer geneigt ist, den anderen ihr dolce vita zu neiden, ohne auch nur einen Hauch einer Ahnung davon zu haben, wie die Zustände und Befindlichkeiten bei ihnen in Wahrheit sind, denke ich mir: Die machen es richtig. Lassen ihre Hunde dem Finanzamt einen fetten Haufen vors Tor setzen und machen in ihrer Steuererklärung ebendieses Tier dann als außergewöhnliche Belastung geltend. So wie ich es einst mit einem früheren Mitbewohner versucht hatte. Allerdings erfolglos.

Zu den größten Hunderassen gehören Bernhardiner, Irischer Wolfshund oder Mastino Napoletano. Die können 90 Kilogramm schwer sein. Also in etwa so schwer wie ich.

Okay – so schwer wie ich in etwa sein wollte bis zum Sommer. Also genau jetzt, denn wenn ein durchschnittlicher Nachmittag so heiß ist wie momentan, ist Sommer. Ein Hund dieser Größe also frisst pro Tag auch einiges weg. Die Fütterungsempfehlungen von Okas Futter hören bei 60 kg Hund auf. Früher oder später kommt das naturgemäß auch alles wieder heraus aus dem Wauzi. Von der Einwaage des Ausstoßes hängt dann ab, ob zum Auflesen ein kleiner Beutel wie aus den Hundekotbeutelstationen ausreicht oder ob es doch eher die große Ikea-Tasche sein sollte. Den gefüllten Beutel wiederum möchte man ja auch nicht ewig mit sich herumtragen. Und wenn einen dann die Kraft verlässt, was an einem so heißen Nachmittag vorkommen kann, ist mit den Unterlagen ehe man sich versieht auch der gefüllte Kotbeutel in den Briefkasten geglitten.

Bevor sich wieder irgendjemand empört: Ich möchte hiermit weder sagen, daß ich diesen Tagtraum auch umgesetzt habe noch möchte ich jemanden inspirieren, das auszutesten. Da bin ich mir meiner Vorbildrolle sehr bewusst. Ich will damit wie immer ganz dem Geist der Wissenschaft verpflichtet lediglich festgestellt haben, daß es möglich ist. Trotz allem darf sich jeder nach der Lektüre eingeladen fühlen, kurz die Augen zu schließen und die durch mein Geschriebenes ausgelösten Gedanken im Kopf ein wenig wirken zu lassen.

Oder sich von mir aus auch sonst irgendwelche warmen Gedanken zu machen, die er oder sie an einem ohnehin heißen Nachmittag für angemessen hält.

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