Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Auszeit

Es mag sein, dass „Ich kann nicht mehr“ bei den meisten Menschen eigentlich „Ich will nicht mehr“ bedeutet. Zumindest bei mir gibt es in der Regel diesen einen Punkt, der Schlimmeres verhindert, weil der Geist dem Körper vorgeschaltet ist. Man muss nicht stolz sein auf diese Eigenschaft. Dankbar wäre schon ausreichend. Mag sein, dass die beiden Marken nicht sehr weit auseinanderliegen, doch angesichts der Alternative Totalzusammenbruch sind auch Nuancen Gold wert.

Da diese Blogeinträge hier nach Feierabend entstehen, gibt es regelmäßig Abende, an denen ich mir noch drei schnelle Kaffees ´reinzimmere, um etwa 90 Minuten zusätzliche Zeit zu gewinnen, bevor ich vor dem Bildschirm einnicke. Im Ergebnis bin ich am nächsten Tag nicht so fit wie ich sein möchte, war – wenn man es überspitzen möchte – mehr auf dem Klo als vor der Tastatur und selten zufrieden, weil entscheidend weitergekommen mit dem Texten, wiederhole den Vorgang dennoch zwei bis drei Abende, damit alle zwei Wochen ein ansprechender Text herauskommt. Dieser wird dann von den üblichen fünfzehn Leuten wahrgenommen, von denen allerdings regelmäßig fünf thematisch von vorneherein nicht abgeholt wurden. Von den restlichen zehn haben sechs keine Zeit zum Lesen, aber zwei davon überfliegen mir zuliebe das Ganze, um einigermaßen glaubhaft zu versichern, dass der Blogeintrag diesmal wieder besonders gelungen ist. Nichts davon mache ich irgendjemandem zum Vorwurf, aber mit zehntausenden Fans im Rücken würde sich diese Aussage definitiv leichter tätigen lassen als mit zehn.

Es mag sein, dass es dort draußen Schreiberlinge gibt, für die das Konzept, vor allem für sich selbst zu schreiben, hervorragend funktioniert. Als gesunde Basis ist diese Einstellung auch überhaupt nicht zu verachten. Doch warum sollte ich mir selbst in die Tasche lügen, wenn ich doch weiß, um was es eigentlich geht: Bestätigung und Anerkennung. Im Prinzip also die gleichen Motive, derentwegen andere Sport treiben, teure Autos fahren oder einen Facharzt für ästhetische Chirurgie aufsuchen. Nur individueller.

Üblicherweise ist es ja so, dass es spätestens im Angesicht des Todes keinen Unterschied mehr macht, wie viel Kohle man hatte, welche Karre man gefahren oder wie viele Menschen man flachgelegt hat. Nach einer gewissen Zeit bleibt eine Handvoll Leute übrig, denen man tatsächlich fehlt. Für manche, einschließlich meiner selbst, ein Problem. Für irgendwas muss das alles ja gut gewesen sein. Also versucht man, unsterblich zu werden, indem man ein wie auch immer geartetes Werk hinterlässt, das einen stellvertretend am Leben erhält. Was das alles so schwierig macht und weshalb sich dieses Werk am Ende doch nur auf das Zeugen einer mehr oder minder zufälligen Anzahl an Nachkommen beschränkt: Man muss schon sehr, sehr gut sein, um Generationen danach wenigstens dem Namen nach noch eine feste Größe im kollektiven Gedächtnis zu sein. Man hat also entweder das Telefon erfunden oder ist auf dem Mond gelandet, hat Kriege geführt oder ein Attentat auf Menschen verübt, die Kriege geführt haben. Dagegen kann ich mit ein paar Zeilen Prosa nicht anstinken. Überhaupt auf die Idee zu kommen, irgendeine Sau außerhalb der familiären Blase würde sich auch nur 10 Jahre später noch wohlwollend an einen erinnern, ist vermessen! Und: Nein, der geniale Text über die misslungene Entsorgung der vollgeschissenen Unterhose am Baum im Hof ändert an diesem Sachverhalt leider nur wenig. Es mag sein, dass das alles gerade extrem harter Stoff für einen Blog ist, der eigentlich der Unterhaltung dienen soll. Aber für jemanden, der eigentlich keinen Kaffee mag, ist sowieso schon länger Schluss mit lustig. Es hätte mich ehrlich gesagt auch gewundert, wenn der Satz „das war alles eigentlich ganz anders geplant“ ausgerechnet hier einmal nicht anzuwenden gewesen wäre.

Es mag sein, dass die Konsequenz, die ich aus all diesen Überlegungen zu ziehen gedenke, nicht allerorten begeistert aufgenommen wird, aber: Ich benötige eine Auszeit.

Ich brauche Zeit, um mir darüber klar zu werden, wie schlau die Fortführung eines Projektes, bei dem ich seit viereinhalb Jahren auf der Stelle trete, überhaupt sein kann. Denkbar, dass ich während dieser Auszeit zu dem Schluss komme, dass alles keinen Sinn mehr macht, der Ertrag den Aufwand dauerhaft nicht rechtfertigt. Ebensogut kann es passieren, dass mir plötzlich oder allmählich ein richtig guter Plan einfällt, wie ich für den Meilensteinbildhauer irgendwie doch noch einen angemessenen Zuwachs an Popularität generieren kann. Möglicherweise steigt meine Motivation schneller als erwartet wieder an, weil einige meiner treuen Leser mir sehr gute Ideen zukommen lassen, wie dieser Blog endlich die Aufmerksamkeit bekommen kann, die er verdient.

Es könnte aber natürlich auch die Aufdringlichkeit, mit der hier mit dem Zaunpfahl gewunken wurde, als gar zu offensiv empfunden werden. Wer weiß das schon?! Ich bin Texter, kein Prophet. Jedenfalls bin ich dann ´mal für eine Weile weg.

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  1. Michi Beyer

    Ich wünsche dir alles Liebe und viel Glück beim Sortieren deiner Gedanken.
    Irgendwann bemerkt man das man sich um sich selbst kümmern muss. Dank Corona habe ich das in den letzen 8 Monaten selbst am eigenen Leib erfahren.
    Denk an dich….wir haben nur dieses eine Leben

    LG Michi

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