Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Häutungen

Die vollständige Metamorphose eines Schmetterlings besteht aus den Stadien Ei, Raupe, Puppe, Schmetterling. Beim Mensch sind derlei Faszinosa von der Natur zunächst nicht vorgesehen, weshalb es für die plastisch-ästhetische Chirurgie eine lukrative Einnahmequelle geworden ist, aus vermeintlichen Enten Schwäne zu machen. Oder aus Schwänen vermeintlich schönere Schwäne. Außerhalb solcher künstlichen Eingriffe kommen echte Verwandlungen selten vor, aber es gibt sie. Wer sich in letzter Zeit Tim Wiese angeschaut hat, weiß, was ich meine.

Daß gewichtiger Wandel in unterschiedliche bis gegensätzliche Richtungen geschehen kann, konnte seinerzeit bei Joseph Fischer begutachtet werden: noch zu Oppositionszeiten mutierte er zunächst zur Personifizierung des Spruchs „Krieg macht dick“ und fand anschließend in einem langen Lauf zu sich selbst. Jahre später soll den Minister a.D. der Jojo-Effekt eingeholt haben. Punkt. Zuviel Aufmerksamkeit hat der Mann jetzt auch nicht unbedingt verdient. Seine geistige Metamorphose lassen wir gleich komplett außer acht, halten aber fest: Extreme Veränderungen der Schale werden eher wahrgenommen als solche des Kerns. Was nur allzu verständlich ist, da wir die Hülle sehen, bevor wir zum Inneren überhaupt stoßen. Oder aber auch entscheiden, dorthin nicht stoßen zu wollen. Abgesehen von dieser Zwangsläufigkeit scheinen Äußerlichkeiten aber generell mehr Beachtung geschenkt zu werden. Oder wann habt Ihr das letzte Mal jemanden sagen hören: „Du bist aber gescheit geworden, Respekt“?

Zum Schluss kann es natürlich aber auch ganz einfach sein, daß äußerliche Veränderung deshalb häufiger registriert wird, weil sie schlicht häufiger auftritt. Outfit, Frisur, der inzwischen in gewissen Kreisen obligatorische Vollbart, das alles sind schnell erledigte Sachen. Doch selbst der große Wurf, die Königsdisziplin, nämlich die Gewichtsreduktion, wird auf eine leichtere Schulter genommen als beispielsweise den Intellekt zu schärfen. Machen wir wieder den Vergleich und fragen, wie oft wir – bei vorausgesetzter Freiwilligkeit – „ich habe mir vorgenommen, mehr Sport zu machen“ hören im Gegensatz zu „ich will mehr lernen“.

Nun ist das Thema Abnehmen ist für mich ja keine akademische Frage. Seit ich vor zweieinhalb Jahren bei einem Onlinehändler für fair gehandelte Textilien anheuerte, habe ich um die Weihnachtszeit ein Luxusproblem: Wofür löse ich den von der Firma regelmäßig als Weihnachtsgeschenk zur Verfügung gestellten Gutschein zum Shopping im eigenen Haus ein? Ich meine jetzt ohne daß seitens meiner Mutter noch einmal der Satz fällt, den jeder hören möchte, wenn er gerade ein neues Stück trägt, das halt gerade so noch gepasst hat, aber in noch größer eben nicht verfügbar ist: „Aber das nächste Mal holst Du Dir davon etwas, das Dir passt!“

Ein Text über das Dicksein, der eigentlich ein Text übers Abnehmen werden wollte

Da hätte sie auch gleich fragen können, was ich mit meiner Sammlung an Fitness-, Bewegungs- und Tanzspielen für Wii und X-Box Kinect anzufangen gedenke. Welche ich mir wegen der vielen positiven Rezensionen gekauft habe. Mehr schreibe ich dazu nicht. In tänzerischer Hinsicht sollte ich mich weniger an John Travolta und mehr an Bud Spencer orientieren. So gut kenne ich mich nach bald 45 Jahren immerhin. Was mich trotzdem nicht davon abgehalten hat, diese Tanzspiele bei heruntergelassen Rolläden auszutesten.

Ich hatte in diesen bald 45 Jahren mit Sicherheit auch die eine oder andere bessere Idee gehabt. Und ich hätte es besser wissen können. Müssen.

Rückblende: „Deutsche Panzer rollen wieder“ zählte fast noch zu den harmloseren Komplimenten, denen ich mich als Schulkind konfrontiert sah. Wirklich witzig fand ich allerdings auch diesen Spruch nicht einmal beim ersten Hören, sondern erst Jahre später mit einem gewissen emotionalen Abstand.

Als Sternstunden im Leben eines fetten Kindes dürfen auch Bundesjugendspiele gelten: dort habe ich das olympische Motto des Dabeiseins verkörpert wie vermutlich nur wenige andere meines Jahrgangs. Und nicht mal die Siegerurkunde mit nach Hause gebracht, die sonst praktisch jeder erhalten hat. Ich habe sie trotzdem immer wieder angepeilt. Wenn ich nur weit genug werfe. Aber eher wäre wohl tatsächlich die Hölle zugefroren.

Wenn freilich eine Siegerurkunde schon bedeutet, daß man eigentlich unterlegen ist, weil es für die Ehrenurkunde nicht reicht, was heißt es dann, mit komplett leeren Händen dazustehen, denn Teilnahmeurkunden gab es zu meiner Zeit noch nicht. Was mich für Leibesübungen ungefähr genauso motiviert hat wie der vorhersehbare Sport-Dreier im Zeugnis. In einem Fach, in dem alle anderen wenigstens eine Zwei bekamen, kommt das ja in etwa einem „stets bemüht“ gleich.

„Da schwabbelt das Fett nur so.“ Bestimmt hat der Lehrer diese seine Äußerung bei meinem Anlauf zum Weitsprung gegenüber meinen Mitschülern bereut, als er wenige Tage später dafür gemaßregelt wurde. Von meinem älteren Bruder. Auch wenn dieser selbst nur selten Gelegenheiten ausgelassen hat, mich ob meiner Figur aufzuziehen, war er seinerzeit bei derartigen Vorfällen die einzige Instanz, der ich vertrauen konnte.

Seit meiner ersten geglückten Diät so mit 16 schaukelt mein Gewicht nun munter hin und her. Momentan ´mal wieder in die erwünschte Richtung. Das Hemd, das ursächlich für den Spruch meiner Mutter gewesen ist, passt aktuell besser denn je. Die durch den Verzicht auf Tabakwaren ausgelöste Zuspitzung des Problems ist umgekehrt.

Vorerst.

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  1. BigS

    Du bist nicht allein, auch ich hab nie so ne Urkunde mein eigen nennen können.

    • Micky

      Hallo Big S,
      aber wir alle haben im Laufe unseres Lebens auf anderen Gebieten Erfolge gehabt und Auszeichnungen, vielleicht sogar Urkunden dafür erhalten. Dafür kann zum Beispiel nicht jede Sportskanone so geil kochen 😉

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