Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Hunde, Frauen und weitere Unwägbarkeiten des Lebens

Wenn ich abends nach getaner, zuweilen auch nicht getaner Arbeit meinen Hund Oka auf die Couch rufe, dieser sich nicht lange bitten lässt und ich ihn dann so ansehe, kommt mir gelegentlich der Ausspruch „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ in den Sinn. Ich kann diese Gedanken nicht steuern, sie sind einfach da. Wenn ich dieses Tier sehe. Und mich frage, woher der Urheber dieses Bonmots eigentlich meinen Hund kennt.

Der West Highland Terrier hat an sich nur wenige Körperteile, die sich nicht durch besondere Anfälligkeit für allerlei Krankheiten auszeichnen. Hautprobleme, Allergien, trockenes Auge, Kniescheibenluxation sind die häufigst genannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen in diesem Zusammenhang. Fast logisch, daß ausgerechnet mein Tier alles von diesen potentiell möglichen Gebrechen auch für sich beansprucht. Damit nicht genug, hat er sich zusätzlich noch eine anderen Hunden typische Trendkrankheit angeeignet, nämlich eine durch ein hängendes Ohr verursachte dortige Anfälligkeit für Infektionen.

Aktuell und sehr wahrscheinlich bis ans Ende seiner Tage bekommt er täglich Medikamente zur Verbesserung der Schilddrüsenfunktion, zur Behandlung einer Herzinsuffizienz sowie „zur Verbesserung der Durchblutung im peripheren und zerebralen Bereich“. Letztere, weil er nämlich schwer hört.

Sparen wir uns sämtliche jetzt spontan sich aufdrängenden schlechten und guten Witze darüber, daß es ein erzieherisches und kein organisches Problem ist, wenn ein Hund schlecht hört. Halten wir stattdessen fest: Das Tier entwickelt sich sukzessiv zur Lebensversicherung seiner Tierärztin. Konsequent wäre, sie beim nächsten Besuch auf eine Flatrate anzusprechen. Man könnte einen Teil meines Gehaltes zusammen mit den Sozialversicherungsbeiträgen einbehalten und ohne Umwege auf das Tierarztkonto leiten. Vielleicht sollte ich meine Ex-Gemahlin bald tatsächlich einmal mit meiner Idee konfrontieren, sie möge mir Unterhalt für den Hund zahlen.

Vielleicht, so kommt mir gelegentlich abends nach getaner, mitunter auch nicht getaner Arbeit auf meiner Couch in den Sinn, hätte ich generell ihr gegenüber, auch anderen gegenüber, mir selbst gegenüber meine Interessen stärker vertreten sollen. Vielleicht stünde ich heute ganz woanders. Vielleicht.

Theorie versus Empirie

Als gesichert hingegen darf die Erkenntnis gelten, daß ein Hund mitnichten ein probates Mittel zur Eroberung von Frauenherzen im Sturm ist. Gleich, welche Flöhe Literatur oder Film uns allen in unsere Ohren setzen wollen: Frau verliebt sich erst in den Hund und dann in den Mann, wahlweise erst in den Mann und dann in den Hund – Sagen, Märchen, Science Fiction, Propaganda! Die Realität ist um einiges unromantischer.

Zugegeben: ins Gespräch kommt man mit diesem gewissen Etwas an der Leine relativ leicht. Allerdings sind die wirklich zutraulichen Frauen überwiegend bereits im Rentenalter. Und – nein, ich gehe nicht nur rings um den Friedhof mit Oka. Da man in Gesprächen mit älteren Menschen selten darum herum kommt, ungefragt die komplette Krankenakte des Gegenübers mitgeteilt zu bekommen, sind das die wenigen Momente, in denen mir Okas Anamnese zum Vorteil gereicht: So bin ich nicht zum bloßen Zuhören und Kopfnicken verdammt, sondern kann im Wettbewerb darum, wen das Schicksal härter gebeutelt hat, durchaus mithalten. In hartnäckigen Einzelfällen spare ich mir dann auch schon ´mal den Hinweis, daß ich nicht über mich, sondern über meinen Hund spreche. Das alles ändert aber nichts daran, daß das nicht meine bevorzugte Zielgruppe ist.

Ich nehme das alles mit Humor, weil der Topf ja schließlich auch andere Wege beschreiten kann, um zu seinem Deckel zu gelangen. Also etwas anfertigen und hochladen, was ich für ein angemessenes Profilbild halte. Natürlich mit Hund. Zu verbergen habe ich schließlich nichts. Gut, das Doppelkinn muss nicht auf den ersten Blick zu sehen sein, also nochmal. Aber der Hund gehört dazu.

Tatsächlich scheint das Bild seine Wirkung nicht komplett zu verfehlen. „Der ist ja süß“ mit mindestens fünf Üs und ebenso vülen Ausrüfezeichen und nochmal so vielen Emojis!!!!! Ich nehme mit Hümor :-), daß nicht ich der Auslöser solch überschwänglicher Reaktionen bin, sondern der Hund „aus der Cesar-Werbung“. Denn aus Erfahrung weiß ich bereits, daß es mit der Niedlichkeit bald vorbei ist, sobald durchsickert, daß ein Hund auch Arbeit und Verantwortung bedeutet. Dann werden die Nachrichten einsilbiger und der Zeitoptimierung wegen bald ganz weggelassen. Dann fällt mir auch wieder ein, daß ein Hund eine in etwa ähnliche Attraktivität signalisiert wie ein Garten oder eine andere Behinderung. Alles irgendwie ganz drollig, solange man sich nicht mit einem Mindestmaß an Verbindlichkeit selbst darum kümmern muss.

Um es noch einmal zu betonen: ich schreibe hier nicht von Mädchen, sondern von ausgewachsenen Frauen, bei denen aufgrund ihres Alters vollumfängliche geistige Reife und Zurechnungsfähigkeit unterstellt werden darf.

Tiere und Partnerinnen, das ist ein bißchen wie Ehrenamt und Arbeitgeber: irgendwie ganz nett, wenn man eines hat, aber so wirklich damit zu tun haben will man dann am Ende doch nicht.

Dabei spielen solcherlei Hobbys im späteren Stadium einer Beziehung wiederum eine geradezu herausragende Rolle: damit man sich nämlich nicht den ganzen Tag gegenseitig auf die Nüsse geht, ist dann viel häufiger zu vernehmen: „Braucht der Hund nicht noch etwas Bewegung“ oder auch „Hast Du nicht noch was im Garten zu erledigen“. Und wer einen solchen Imperativ mit einer Frage verwechselt, hat ein Problem weitaus größeren Ausmaßes als meine Sorgen, über die ich mir abends auf meiner Couch Gedanken mache. Wenn der Hund neben mir liegt. Mit ein wenig Glück der Kater zu meiner anderen Seite liegend. Mit ein bißchen weniger Glück der Kater auf meiner Brust oder auf meinen Schultern liegend.

Keiner von beiden unterscheidet in diesem Moment zwischen getaner und nicht getaner Arbeit. Beneidenswert. Unbezahlbar.

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Von kleinen und großen Veränderungen

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Häutungen

  1. Martina

    Das zu lesen hat mir Spaß gemacht und meinen Tag bereichert :-). Danke

    • Micky

      Ich danke Dir für den allerersten Kommentar überhaupt. Ich hoffe, daß bei den kommenden Texten auch welche dabei sind, die Dir Spaß machen…

  2. Jane

    Mehr davon!!!!

    • Micky

      Ich bemühe mich, mehr solcher Texte abzuliefern, bin aber natürlich auch mehr Mensch als Maschine. Es wird immer Beiträge geben, die nicht so ein Feuerwerk sind. Teilweise, wie zum Beispiel im ersten Blogeintrag, sollte das alles auch bewusst ein bißchen ernsthafter gestaltet sein. Aber ich registriere natürlich schon, daß die lustigen Texte besser ankommen.
      Problematisch wird es erst dann, wenn ich einen ernsthaften Text verfasse und die LeserInnen mir schreiben, daß sie sich kaputtgelacht haben 🙂
      Danke in jedem Fall auch für diese Rückmeldung, und natürlich könnt Ihr alle Eure Meinung auch hier loswerden, wenn Euch irgendwas nicht so gefallen hat.

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