Aufzeichnungen aus der Wirrnis des Alltags

Alles im Fluss

Ich praktiziere es wie die meisten Leute das Tanzen: Nicht sonderlich gut, eher so stets bemüht. Dafür mit Leidenschaft. Jonglieren, Poi-Schwingen, Devil Stick, Yoyo, Astrojax – Ausdrucksformen also, die auf gut koordinierte Bewegung setzen, dem Tanzen daher ähnlicher sind als mir lieb ist. Weil Können von Kennen kommt, schließe ich: Wie ich mich kenne, werde ich das nie gut können.

Das kenne ich doch irgendwoher.

Zwar kann ich unangemessenem Zurschaustellen von Nichtkönnen üblicherweise nicht viel abgewinnen. Das fängt nicht erst beim Tanzen an und hört beim Autofahren längst nicht auf. Gnädiger in meinem Urteil bin ich aber in seltenen Ausnahmefällen, nämlich wenn nicht andere Leute, sondern ich selbst meiner Umgebung mit halbgaren Darbietungen auf die Nüsse gehe.

Es gab eine Zeit, in der ich zu Anlässen wie Hochzeiten oder runden Geburtstagen gegen Bezahlung die Aufgabe übertragen bekam, die Gäste durch sorgfältige Auswahl der Abfolge von Musikstücken zum Tanzen zu animieren. Nicht selten entwickelte sich der Abend dahingehend, dass ich entgegen dieser ursprünglichen Absicht des Gastgebers – dafür aber auf Wunsch seiner Gäste – versuchte, meine Auswahl der Abfolge von Musikstücken so zu modifizieren, dass ich die Anwesenden bei ihrer angeregten Konversation so wenig wie möglich störte. Als DJ mochte ich mich nicht bezeichnen, war ich doch nicht in der Lage, die immer sehr gelungene Auswahl der Musik zielgerichtet ineinander zu mixen. Schallplattenalleinunterhalter klang zu sehr nach Willi, Sigi oder Manni und peinlichen Versuchen, die Geburtstagsgesellschaft des 60 Jahre gewordenen Onkels mittels abgegriffener Witze zwischen schlecht ausgewählten Musikstücken zum Schenkelklopfen zu animieren. Aus der Not heraus beschrieb ich meine Tätigkeit gelegentlich mit den Worten, ich mache Musik bei Veranstaltungen. Resultat: Ich wurde gefragt, welches Instrument ich spiele. Ich musste also lernen, meine Worte genauso sorgfältig auszuwählen wie die Abfolge der Musikstücke, wenn es gilt zu beschreiben, was genau ich eigentlich tue oder beabsichtige zu tun.

Am Begriff scheitert regelmäßig auch der Versuch, eingangs beschriebene Hobbys kurz, dafür präzise vorzustellen. Artistik umfasst zu vieles. Am häufigsten wird damit vermutlich Akrobatik assoziiert. Aber es ist ja nicht zielführend, Bilder in den Köpfen entstehen zu lassen, in denen ein dicker und wenig muskulöser älterer Mann Teil einer Pyramide aus Menschen ist. Ob oben oder unten ist bei dieser untrainierten Erscheinung fast schon egal. Schließlich bekommt man solche Bilder nicht einfach ohne weiteres wieder weg.

Niemals hätte ich damit gerechnet, eines Tages über einen Ausdruck zu stolpern, der noch unpassender ist als Willis und Mannis ausgelutschte Witze: Objektmanipulation. Was für ein Wortungetüm! Kann man für solch anmutige Bewegungskünste wie Jonglieren oder Poi-Schwingen einen noch kühleren Begriff finden? Wohl kaum. Wie hört sich das bitteschön an, wenn man etwa erwähnt: „Mein Hobbys sind Schwimmen, Lesen und Objekte manipulieren“?! Freunde findet man damit eher weniger.

Im besten Fall klingt das uninteressant, im schlimmsten unseriös. Seien wir ehrlich: Das klingt nicht nach einem Hobby, das klingt nach einem Geständnis. Ich halte mich ja selbst schon fast für kriminell, seit ich dieses Wort vor kurzem das erste Mal hörte. Beinahe täglich überlege ich seitdem, mich bei der Polizei zu stellen, weil ich jongliere.

Probiert es aus und streut beim nächsten Smalltalk einfach ´mal ein, dass Ihr für Euer Leben gern Objektmanipulation betreibt. Eure Erfahrungen dürft Ihr mir gern mitteilen. Meine Prognose lautet jedoch: Wenn nur das Vertrauen des Gesprächspartners weg ist und nicht gleich der Gesprächspartner selbst, ist aus dieser Unterhaltung das Maximum herausgeholt.

Gut Holz!

Während ich dann letztens verschiedene Objekte vor mich hin manipulierte, kam mir eine dieser Ideen, die ich manchmal eben habe: Da besagte Tätigkeiten trotz des schwachsinnigen Begriffs neben anderen positiven Effekten auch eine entspannende Wirkung haben, sollten auch andere Menschen von dieser Wirkung profitieren dürfen. Die Problematik, dass auf andere Menschen dummerweise andere Dinge entspannend sind, umgehe ich dann einfach, indem ich exakt diese Dinge anbiete. Die andere Problematik: dass nämlich bislang nur von einer Idee die Rede war und nicht etwa davon, dass diese Idee auch gut wäre, tut an dieser Stelle nichts zur Sache. Nehmen wir also Bügeln. Wenn sich manche Menschen beim Bügeln entspannen, können andere Menschen das bestimmt auch, selbst wenn sie bis jetzt noch nichts davon ahnen. Sie müssen lediglich den von mir konzipierten Kurs „Entspannen mit der Bügeltechnik“ buchen. Material wird vom Kursleiter gestellt. Nach einer eleganten Möglichkeit, meine Wäsche nicht mehr selbst bügeln zu müssen, habe ich sowieso schon länger gesucht.

Zugegeben: Ich bin schon mit realistischeren Geschäftsideen gescheitert. Doch zumindest der Nachweis, dass Jonglage und Artverwandtes die Kreativität fördert, dürfte damit erbracht sein.

Jetzt ist natürlich damit zu rechnen, dass bei den Stichworten Entspannung und Stressabbau bald die üblichen Verdächtigen mit der Behauptung um die Ecke kommen, das gleiche könne man mittels Sport erreichen.

Genausogut kann man natürlich für die Einnahme psychoaktiver Substanzen plädieren. Da gibt es einige, die das im Zweifel zuverlässiger und unaufgeregter erledigen als Sport. Wenn es allein um Stressreduktion geht, kann ich auch dunkle Schokolade vorschlagen. Okay, das ist ein anderes Konzept. Aber ich verstehe bald diesen Kult nicht mehr, der um Sport betrieben wird. Am Ende des Tages sind die Sportskanonen auch lediglich verschwitzte Leiber in meist stillosen Klamotten.

Zwar hätte ich an dieser Stelle gern das Beispiel einer besonders unästhetischen sportlichen Disziplin bemüht, um die Leibesertüchtigung größtmöglich mit den geschmeidigen Bewegungen eines Objektmanipulierenden zu kontrastieren. Wirklich eingefallen ist mir jedoch auf die Schnelle leider nichts. Darts eventuell. Doch zu diesem Thema sind sämtliche Witze bereits erzählt und werden höchstens noch von Willi, Sigi und Manni regelmäßig aus der Mottenkiste geholt.

Selbst eine Sportart wie Hammerwerfen erfordert eine ähnlich genaue Koordination der Bewegungsabläufe wie einzelne Zweige der Objektmanipulation.

Einzig wenn man mit den Kollegen auf der Weihnachtsfeier kegelt, bekommt man eine Ahnung davon, wie plump und holprig Sport aussehen kann, selbst wenn die ausübenden Körper an sich nicht einmal schlecht geformt sind. Zumindest wurden unseren Wirtsleuten schon mit der allerersten Kugel, die an jenem Abend die Hand eines der unseren verließ, die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Wie man zu der Annahme gelangen kann, die quer über die Bahn gespannte Schnur wäre nicht dafür gedacht, die Kugel davor aufzusetzen und unter ihr durchzurollen, sondern sie drüberzuwerfen als wäre es das Selbstverständlichste auf dieser Welt, hat sich mir bis heute nicht erschlossen. Gut Holz! Die Sterne hat an dem Abend keiner vom Himmel gespielt. Besagten Wirtsleuten wird es ganz recht gewesen sein, dass wenigstens diesbezüglich alles dort geblieben ist, wo es hingehört. Ohnehin war ihnen eine etwaige stressreduzierende Wirkung des Kegelsportes angesichts unserer Performance bedauerlicherweise nicht anzumerken.

Zu den zahllosen Dingen, die man im Laufe eines Lebens lernt, ohne dass man sie jemals wird gebrauchen können, addieren sich mit Kegeln und Objektmanipulation zwei weitere Tätigkeiten, die für nichts gut sind – es sei denn natürlich, man wollte Kegeln oder Objekte manipulieren.

Ein anderer Begriff für Spiel und Bewegung mit Bällen, Stäben und anderen – nun ja – Objekten ist übrigens flow arts. Das klingt doch gleich um einiges poetischer als Objektmanipulation. Das klingt bereits so sehr nach Anmut, nach Ästhetik, nach Leidenschaft, dass es unterm Strich fast egal ist, ob man die Sache gut beherrscht oder man nur stets bemüht ist.

Zurück

Ende in Sicht

Nächster Beitrag

Vom Winde verweht

  1. johannes meissner

    Also ich bügel deine Wäsche nicht. Zumindest, wenn sie im Baum hängt 😉 Flow arts klingt cool. Dabei kommt es doch nicht auf ästhetik oder Leistung an. Deine Ziele dabei sind, so verstehe ich es, Entspannung bzw. Stress Abbau und wohl auch ein Ersatz für das Tanzen. Weiterhin viel Spaß dabei!

    • Micky

      Die Wäsche im Baum ist ein gelungener Verweis auf einen Blogeintrag, den wahrscheinlich leider zu viele gar nicht kennen. Aber sehr gute Idee, mir das hier unter die Nase zu reiben.
      Meine Motive, diverse flow arts zu betreiben, sind mit Entspannung und Stressabbau sehr treffend beschrieben. Ich würde noch ergänzen wollen, dass es gut fürs Gehirn ist, das spielt auch eine große Rolle. Aber natürlich wäre es mir auch nicht ganz unrecht, wenn ich manchen Profitrick auch könnte oder es bei mir so elegant aussehen würde wie bei Anderen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén